RWI in den Medien

Was bringt die Digitalisierung?

Ein empirischer Blick auf das gesunkene Produktivitätswachstum der vergangenen Jahrzehnte. Von Lars P.Feld.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.01.2019

Die Produktivitätsentwicklung ist wesentlich für den wirtschaftlichen Wohlstand eines Landes. Dies gilt insbesondere für eine hochentwickelte Volkswirtschaft wie Deutschland, das keine größeren Vorkommen von natürlichen Ressourcen besitzt. Wohlstandsmotoren Deutschlands sind vielmehr seine im internationalen Vergleich hochqualifizierten Arbeitnehmer und die Innovationskraft der deutschen Unternehmen.

Produktivität bemisst sich in verschiedener Weise, beispielsweise als gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität, also dem Verhältnis von Bruttoinlandsprodukt (Bruttowertschöpfung) und dem Einsatz des Faktors Arbeit. Letzterer kann entweder durch die Anzahl der Erwerbstätigen oder der geleisteten Arbeitsstunden (Arbeitsvolumen) erfasst werden. Neben der Arbeitsproduktivität ist insbesondere die Totale Faktorproduktivität (TFP) von Relevanz, in der sich der technologische Fortschritt widerspiegelt.

Grundsätzlich tragen eine höhere Kapitalausstattung je Arbeitsstunde, die durch Investitionen zustande kommt, eine höhere Totale Faktorproduktivität aufgrund von Innovationen oder ein höheres Qualifikationsniveau der Erwerbstätigen zu einer höheren Arbeitsproduktivität bei. Damit deuten sich mögliche Ansatzpunkte für die Wirtschafts- und Finanzpolitik an. Insbesondere aber zeigt sich, welchen vielfältigen Einflüssen die Produktivitätsentwicklung unterliegt.

In jüngerer Zeit ist das Wachstum der Produktivität in Deutschland zurückgegangen, unabhängig davon, ob die Arbeitsproduktivität oder die TFP betrachtet wird. Dabei fällt auf, dass die Zuwachsrate der Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde im Durchschnitt der Jahre von 1995 bis 2005 noch etwa doppelt so hoch war wie im Zeitraum von 2005 bis 2016.

In der Studie "The German Productivity Paradox - Facts and Explanations" (CESIfo Working Paper 2018) haben Steffen Elstner, Christoph Schmidt und der Verfasser die Gründe für diesen Rückgang untersucht. Demnach ist ein Teil des Produktivitätsrückgangs das Ergebnis der Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Seit 2005 ist die Beschäftigung in Deutschland stark gestiegen, die Arbeitslosigkeit ging zurück. Damit verbunden war die Integration gering qualifizierter Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt. Angesichts des erheblichen Umfangs, in dem dies gelungen ist, hat sich die Arbeitsproduktivität im Durchschnitt reduziert.

Diese empirische Analyse wirft zudem ein Licht auf den Effekt von Digitalisierung und Robotisierung auf die Produktivitätsentwicklung. Im Zeitraum von 1991 bis 2015 haben Innovationen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) einerseits zu einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts geführt. Sie haben andererseits aber die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung erhöht, so dass kein statistisch signifikanter produktivitätssteigernder Effekt besteht. Zwar sind Arbeitsplätze durch Robotisierung und Digitalisierung in verschiedenen Branchen und Unternehmen verlorengegangen. Aber dies wurde mehr als kompensiert durch Beschäftigungszuwächse in anderen Branchen und Unternehmen. Entgegen der gängigen Sorgen in Deutschland hat Digitalisierung also bisher nicht zur Massenarbeitslosigkeit geführt. Und es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass dies zukünftig der Fall sein wird. Seit dem Jahr 2012 zeigt sich allerdings ein geringerer technischer Fortschritt in den IKT-produzierenden Sektoren, was zur Verlangsamung der Produktivitätsentwicklung insgesamt beigetragen haben kann. Überhaupt liegt der Schlüssel zu einer Beschleunigung des Produktivitätswachstums in der Innovationstätigkeit der deutschen Unternehmen. Obwohl die Vereinigten Staaten wie die anderen Industrieländer einen längerfristigen Rückgang ihres Produktivitätswachstums hinnehmen mussten, sind sie weiterhin Innovationsland Nummer eins. Deutschland hinkt hingegen hinterher.

Potentiale zur Produktivitätssteigerung existieren in vielfältiger Weise. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten zeigen sich Rückstände einerseits im Dienstleistungsbereich, dessen Produktivitätsentwicklung hierzulande besonders ungünstig ist. Dies gilt vor allem für unternehmensnahe Dienstleistungen, die durch eine Vielzahl von Regulierungen gehemmt sind. Hier ist nicht zuletzt die Wettbewerbspolitik gefragt.

Andererseits sind Gründungsaktivitäten in Deutschland immer noch relativ benachteiligt. Zwar hat sich der Zugang von Start-ups zu Risikokapital gerade zum Gründungsbeginn merklich verbessert. Aber in der Wachstumsphase unterliegen junge Unternehmen weiterhin Finanzierungsrestriktionen. Amerikanische Start-ups können hingegen relativ leicht eine Finanzierung über den sehr tiefen amerikanischen Kapitalmarkt erhalten. Will man nicht darauf warten, dass über die europäische Kapitalmarktunion dahin gehend Fortschritte erzielt werden, könnte mit steuerlichen Maßnahmen Abhilfe geschaffen werden. Dabei geht es vor allem um das Thema Finanzierungsneutralität (Fremd- versus Eigenkapital). Ein besserer Zugang von jungen Unternehmen zu Beteiligungskapital könnte einen nachhaltigen Beitrag zur Stärkung der Innovationskraft der deutschen Wirtschaft leisten.

Prof. Dr. Lars P. Feld ist Direktor der Walter-Eucken- Instituts in Freiburg und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Wirtschaftsweise).

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