RWI in den Medien

Party isch over

Das Brexit-Chaos wirkt wie ein Fanal für eine Konjunkturwende - als "tipping point", der das Ende des Jahrhundertbooms markiert. Die Zeichen für einen Abschwung verdichten sich weltweit.

WirtschaftsWoche vom 18.01.2019

Theresa May zeigte stiff upper lip .Im Augenblick ihrer schwersten Demütigung, der größten parlamentarischen Niederlage eines britischen Premiers seit fast 100 Jahren, bewies sie Haltung. Streng wie eine Schuldirektorin fixierte sie ihre lärmenden Kollegen mit einem strafenden, eisigen Blick. 432 Abgeordnete, darunter 118 Mitglieder ihrer eigenen Partei, hatten ihrem Scheidungsdeal mit der EU soeben den Todesstoß versetzt. 17 Monate Verhandlungsarbeit: umsonst. Doch die Premierministerin räusperte sich nur kurz und verlas dann mit fester Stimme eine Erklärung: Sie werde bleiben, kämpfen, das Mandat des EU-Referendums vom Sommer 2016 erfüllen. Sprach's und verschwand in Richtung 10 Downing Street, wo Ehemann Philip sie mit einem großen Glas Whisky empfangen haben dürfte. Wie das Drama weitergeht? Alles ist denkbar. Nichts unmöglich. Steuert das Vereinigte Königreich auf einen No- Deal-Brexit zu? Eröffnet sich im Gegenteil die Chance für einen weichen Ausstieg mit enger Anbindung an die EU, so wie es sich die Wirtschaft wünscht? Kommt es zu einer Verschiebung des für 29. März geplanten Abschieds von der EU, zu einem zweiten Plebiszit, gar zum Exit vom Brexit? Fest steht nur: Der epische Streit um das künftige Verhältnis Großbritanniens zur EU setzt sich fort, die Selbstzerfleischung einer einst stolzen Nation - und die politische Lähmung des Kontinents.

Es ist eine Krise in der Endlosschleife. Und es grenzt an ein Wunder, dass die Wirtschaft davon noch immer recht unbeeindruckt bleibt. Denn tatsächlich könnte ein No Deal Signalwirkung haben für eine globale Konjunkturwende - der "tipping point" sein, der den Anfang vom Ende eines kreditfinanzierten Jahrhundertbooms markiert: Nach neun Jahren Aufschwung, dem längsten seit Jahrzehnten (siehe Grafik Seite 19), steuern Europa und Deutschland auf ein Ende des Wachstums zu - mit weitreichenden Folgen für Politik, Unternehmen, den Euro und die Finanzmärkte. Großbritannien ist der viertgrößte Handelspartner Deutschlands. Ohne Scheidungsabkommen gelten ab Ende März im bilateralen Handel die Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Die Unternehmen müssten dann mit teuren Zöllen, Formalitäten und Grenzkontrollen rechnen; ihre Lieferketten würden gesprengt - mit verheerenden Konsequenzen vor allem für die deutsche Automobilindustrie. Gleichzeitig bündeln sich ausgerechnet in der deutschen Schlüsselbranche die vielen globalen Krisenzeichen zum Klumpenrisiko: China meldet für 2018 einen Absatzeinbruch von sechs Prozent; in Europa sank die Zahl der Zulassungen den vierten Monat in Folge um mehr als acht Prozent; die USA erwarten 2019 und 2020 ein Minus (siehe Kasten Seite 18).

MIT EINEM HURRA IN DEN ABSCHWUNG

Und so ist es, als surften die Deutschen eine Konjunkturwelle, die sie längst nicht mehr trägt. Sie bauen Wohnungen, kaufen Bio, sind so zahlreich beschäftigt wie nie und handeln 20-Euro-Stundenlöhne für Sicherheitskräfte an Flughäfen aus. Einerseits. Andererseits sank der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe im November um ein Prozent gegenüber dem Vormonat. Auch mit der Produktion ging es steil abwärts: Der Output von Industrie, Bauwirtschaft und Energieversorgern lag im November 1,9 Prozent unter dem Vormonatswert, der dritte Rückgang in Folge. Selbst der Export, der Garant deutscher Prosperität, schrumpfte im November um 0,4 Prozent.

Die Gründe reichen weit über das Brexit- Chaos hinaus. Der ungelöste Handelsstreit der EU mit den USA, die finanzpolitischen Volten der italienischen Regierung, die Gelbwesten-Proteste in Frankreich, die Ermattung der chinesischen Konjunktur und konjunkturelle Übertreibungen im Inland brauen sich zum Sturm für die deutsche Wirtschaft zusammen. Im vergangenen Jahr legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur noch um 1,5 Prozent zu, langsamer als in den beiden Vorjahren (jeweils 2,2 Prozent). Zwar dürfte der Wirtschaft ein erneuter Rücksetzer (im dritten Quartal schrumpfte das BIP um 0,2 Prozent) und damit eine Rezession erspart bleiben. Doch die fetten Jahre sind erst mal vorbei: "Die Anzeichen für eine konjunkturelle Abkühlung mehren sich", sagt etwa Holger Bingmann, Präsident des Handelsverbands BGA.

Dass sich die Wirtschaftslage so schnell eintrübt, hat die Konjunkturforscher in Banken und Instituten überrascht. In den USA fachten Steuersenkungen die Wirtschaft an, in Europa sank die Zahl der Arbeitslosen auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren - keine Rezession weit und breit. Als die Stimmung und die Wirtschaftsdaten dann aber doch plötzlich kippten, machten die Auguren dafür zunächst Sonderfaktoren wie die Probleme der Autohersteller und das Niedrigwasser im Rhein verantwortlich. Beides habe die Wirtschaft im zweiten Halbjahr pro Quartal 0,5 Prozentpunkte Wachstum gekostet, rechnete das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) vor, und: Die Konjunktur werde sich 2019 schon wieder berappeln. Doch die Talfahrt setzt sich fort. Insbesondere China schwächelt; das dämpft die Exporte. In den USA hat die Weltbank gerade den Trump-Boom als Strohfeuer entlarvt. Und in Deutschland selbst stößt die Wirtschaft an ihre Kapazitätsgrenze.

DIE KONJUNKTURDROGE BILLIGGELD

Der wirtschaftliche Gezeitenwechsel hat seine Ur-Ursache im Billiggeld der Notenbanken. Nach der Lehman-Pleite 2008 mündete die Furcht vor konjunkturellen Rückschlägen (in den USA), vor einer Implosion des Euro-Systems (in Europa) und vor politischem Machtverlust (in China) in einer beispiellos expansiven Geldpolitik. Sie lenkte Geldströme in Schwellenländer und hatte zur Folge, dass Regierungen, Unternehmen und Verbraucher in den Industriestaaten den Finanzsegen für gratis nahmen.

Inzwischen hat die Notenbank in den USA die Wende eingeleitet und die Leitzinsen vorsichtig angehoben. Daher verliert die US-Wirtschaft an Fahrt. Nach knapp drei Prozent Wachstum im vergangenen Jahr wird das BIP 2019 wohl nur noch um 2,5 Prozent wachsen. Aus Angst, die Konjunktur abzuwürgen, hat die US-Notenbank nun faktisch eine Zinspause angekündigt.

Auch in China haben Regierung und Zentralbank versucht, die Wirtschaft von der Droge des billigen Geldes zu befreien. Die Bremswirkungen, die das hervorgerufen hat, sind unübersehbar. Im Wochentakt legen die Behörden neue Zahlen vor, die keinen Zweifel an einem Abschwung lassen, Die Exporte gingen im Dezember im Vergleich zum Vorjahresmonat um 4,4 Prozent zurück, die Importe gar um 7,6 Prozent. 2018 lag das offiziell gemessene Wirtschaftswachstum nur noch bei rund 6,5 Prozent - der niedrigste Wert seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Das tatsächliche Wachstum dürfte nach Ansicht von Experten deutlich darunter liegen.

Die Abwärtsdynamik hat die Machthaber in Peking auf den Plan gerufen. Nichts fürchten sie mehr als einen Einbruch der Wirtschaft. Er könnte zu sozialen Unruhen führen und das Machtmonopol der Partei gefährden. 20 chinesische Provinzen haben bereits Unterstützungsprogramme für Arbeiter aufgelegt. Um die Konjunktur wieder in Schwung zu bringen, hat die Zentralbank den Mindestreservesatz gesenkt. Die Regierung hat Steuersenkungen angekündigt und milliardenschwere Investitionsprogramme für neue Zugstrecken, Flughäfen und Straßen in Aussicht gestellt.

DIE ÜBERDREHTE BAUWIRTSCHAFT

Greifen die Maßnahmen, könnte China der Weltwirtschaft und der exportabhängigen deutschen Wirtschaft bald wieder Impulse verleihen. Ob sie ausreichen, den Abschwung hierzulande aufzuhalten, ist jedoch fraglich. Denn die Überdehnung der volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten im Zuge des jahrelangen Booms hat eine abwärts gerichtete Eigendynamik entfaltet. Die Niedrigzinsen der Europäische Zentralbank (EZB) haben Konsum und Investitionen zugleich angefeuert. Arbeitskräfte, Immobilien, Rohstoffe - alles hat sich durch den Nachfrageboom verteuert. Am augenfälligsten ist das in der Bauwirtschaft. Dort sind die Tariflöhne im vergangenen Jahr um 5,7 Prozent gestiegen. Bitumen, das für den Straßenbau benötigt wird, hat sich binnen Jahresfrist um 40 Prozent verteuert. Die Preise für baureifes Land sind in den vergangenen acht Jahren um 47 Prozent in die Höhe geschossen.

Vergleichbare Kostenschübe, vor allem für Löhne, gibt es auch in anderen Branchen. Ist die Wirtschaft bis zum Limit und darüber hinaus ausgelastet, gerät "die Rentabilität der Investitionen von der Kostenseite her unter Druck", erklärt Stefan Kooths, Konjunkturchef des IfW. Viele Projekte erweisen sich dann als Fehlinvestitionen. Werden sie eingestellt und Arbeitskräfte entlassen, nimmt der Abschwung seinen Lauf.

Und die Dominosteine fallen. Denn geht der deutschen Konjunktur die Puste aus, dürfte es auch mit der Hoffnung auf eine wirtschaftliche Renaissance in der Euro- Zone vorbei sein. Ohne das Kraftzentrum Deutschland, dessen Importsog den Handelspartnern in den vergangenen Jahren Absatzchancen, Arbeitsplätze und Einkommen bescherte, droht die Konjunktur im Euro-Raum zu kippen. Mit der Folge, dass sich die Krise gleichsam im Kreis drehen und an ihren Anfang zurückkehren würde. Denn die EZB, die ihr Kaufprogramm für Staatsanleihen gerade gestoppt und höhere Leitzinsen für Herbst in Aussicht gestellt hat, gerät mit jeder schlechten Konjunkturzahl unter Druck. Schon schließen Experten einen Abschied vom Abschied von der lockeren Geldpolitik nicht mehr aus. "Die EZB wird den Hebel schnell wieder auf Expansion umlegen, wenn sich die Konjunktur weiter eintrübt", meint etwa Thorsten Polleit, Chefökonom der Degussa. In den vergangenen Jahren haben sich Unternehmer, Regierungen und Bürger an das Niedrigzinsumfeld gewöhnt und ihre Finanzierungsmodalitäten darauf ausgerichtet, dass die Zinsen niedrig bleiben. Jede Zinswende werde daher "das Kartenhaus des konjunkturellen Scheinbooms zum Einsturz bringen", sagt Polleit. Ein Abschied von der Null- und Niedrigzinspolitik sei ohne Krise kaum mehr möglich. Anders gesagt: Alle politfinanziellen Maßnahmen, die getroffen würden, um eine Konjunkturkrise kurzfristig abzufedern - Zinsen senken, Schulden machen, Geld drucken -, sind dieselben Maßnahmen, die die Konjunkturkrise (langfristig) verschärfen. So gesehen, wäre eine rechtzeitige Rezession gar nicht mal so schlecht. Sie korrigierte die im Boom entstandenen Fehlinvestitionen und die Verzerrungen der Produktionsstruktur - und wirkte "wie ein reinigendes Gewitter auf die Wirtschaft", sagt Polleit. Stemmt die Zentralbank sich gegen die Bereinigung, indem sie die Zinsen immer weiter senkt, erhält sie Zombiefirmen und Zombiebanken künstlich am Leben. Sie binden Arbeitskräfte und Kapital, erschweren neuen Unternehmen den Markteinstieg Die Folge: Der Strukturwandel wird ausgebremst, das Produktivitätswachstum lässt nach, die Wirtschaft erlahmt. "Europa", sagt Polleit, "droht ein Schicksal wie Japan." In dem fernöstlichen Land hatte die Zentralbank bereits zur Jahrtausendwende versucht, die Wirtschaft mit Nullzinsen und Anleihekäufen in Fahrt zu bringen. Ohne Erfolg. Statt zu florieren, ist die japanische Wirtschaft erstarrt.

EIN ENTSPANNTER ARBEITSMARKT?

Am deutschen Arbeitsmarkt sind bereits die ersten Einschläge zu spüren. Der US-Autobauer Ford, der allein in seinem Werk in Saarlouis mehr als 6000 Mitarbeiter beschäftigt, will in Europa mehr als 1000 Stellen kappen. Bei Bosch sind bereits 400 Stellen verschwunden. Europas zweitgrößter Zuckerhersteller Nordzucker denkt über den Abbau von 200 Stellen nach. Beim fusionierten Warenhauskonzernen Karstadt und Kaufhof befürchtet der Gesamtbetriebsrat den Verlust von rund 2500 Jobs.

Sind das konjunkturunabhängige Einzelfälle oder Vorboten einer Strukturkrise am deutschen Arbeitsmarkt? In einer Unternehmerumfrage des ifo Instituts für die WirtschaftsWoche gaben im Dezember gerade mal zwölf Prozent der Firmenchefs an, 2019 Personal abbauen zu wollen. 59 Prozent planen mit einem stabilen Personalbestand, 29 Prozent der Manager wollen Leute anheuern. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet bisher für 2019 mit einer weiter sinkenden Arbeitslosigkeit. Die Zahl der Erwerbslosen werde im Jahresschnitt um rund 120 000 auf 2,23 Millionen zurückgehen.

Dass Experten selbst bei einer Rezession keinen Rückfall in die Massenarbeitslosigkeit erwarten, hat gleich mehrere Gründe. Zum einen sorgen Fachkräftemangel und demografische Entwicklung dafür, dass die Firmen so lange wie möglich an ihren Stammkräften festhalten. "Selbst wenn die Geschäfte schlecht laufen und Aufträge ausbleiben, überlegen es sich die Unternehmen dreimal, eingearbeitete Fachkräfte rauszuwerfen", sagt IAB-Ökonom Enzo Weber. Sie würden den Betrieben "angesichts des leer gefegten Arbeitsmarktes fehlen, wenn es wieder nach oben geht". Viele neue Arbeitsplätze sind zudem im Dienstleistungssektor entstanden, etwa in den Bereichen Bildung, Gesundheit oder Pflege. Dort ist die Konjunkturabhängigkeit naturgemäß niedriger als in der Industrie.

Hinzu kommt, dass in der Industrie Arbeitszeitkonten mittlerweile weit verbreitet sind: Brechen die Geschäfte ein, könnten die Unternehmen zunächst die Konten leeren oder ins Minus fahren. Und dauert die Krise länger, kommt die Bundesagentur für Arbeit ins Spiel. Deren Kasse ist mit rund 24 Milliarden Euro prall gefüllt - Geld, mit dem die Behörde unter anderem Kurzarbeit in den Unternehmen finanzieren könnte.

DIE HYPOTHEK DER LOHNZUWÄCHSE

Und doch: Deutschland sollte sich nicht in Sicherheit wiegen. Das Land ist weniger krisenresistent als 2008 09. Die Bundesregierung hat alles dafür getan, die Flexibilität am Arbeitsmarkt einzuschränken. Auch hat eine Reihe von Gesetzen die Regulierungsdichte erhöht. Und nicht zuletzt sind die Arbeitskosten in Deutschland deutlich gestiegen. 2018 legten allein die Tariflöhne um um 3,0 Prozent zu, deutlich mehr als in den Vorjahren. Einige Branchen und Regionen lagen noch deutlich darüber. Im ostdeutschen Bauhauptgewerbe etwa stiegen die Tariflöhne um stolze 6,6 Prozent.

Und 2019 dürfte es weiter nach oben gehen. In der Metall- und Elektronindustrie erhalten die Beschäftigten von diesem Jahr an ein neues (und dauerhaftes) Zusatzgeld von 27,5 Prozent eines Monatseinkommens. In die am 21. Januar beginnende Tarifrunde im öffentlichen Dienst der Länder ziehen Verdi und Beamtenbund mit einer Sechs-Prozent- Forderung - was die Staatskasse nach Berechnungen der Arbeitgeber rund acht Milliarden Euro jährlich kosten würde. Ebenfalls sechs Prozent mehr Geld fordert die IG Metall aktuell für die deutsche Stahlindustrie. Weniger Absatzmöglichkeiten bei steigenden Löhnen? Das ist keine Rechnung, die aufgehen kann.

DIE POLITIK IM MODUS DES WEITER-SO

Und was tut die deutsche Politik? Nicht wirklich viel. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht die Wirtschaft nicht am Beginn eines Abschwungs - denkt aber immerhin über die "schrittweise" Abschaffung des Solidaritätszuschlags nach, heißt es. Ob er sich darauf mit Olaf Scholz einigen kann, ist allerdings ungewiss: Der SPD-Finanzminister lehnt es ab, den Soli komplett zu streichen. Solange die Unternehmen gute Gewinne erwirtschaften, "sehe ich nicht die Notwendigkeit für große Steuersenkungen", sagt auch Sören Bartol, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD. Wichtig sei, dass Unternehmen auf neue Produkte setzten und in Innovationen investierten: "Ich erwarte, dass die steuerliche Forschungsförderung, insbesondere für die kleineren Unternehmen, zügig kommt."

Darüber hinaus will Altmaier vor allem industriepolitisch tätig werden: eine Batteriezellfabrik in Ostdeutschland ansiedeln, ein europäisches Unternehmen für künstliche Intelligenz aufbauen. Für Christoph Schmidt, den Vorsitzenden des ökonomischen Sachverständigenrats der Bundesregierung, keine gute Idee: "Erfolgreiche Automobil- oder Digitalunternehmen werden sich nicht durch staatliche Lenkung formen lassen." Sinnvoller seien "die Einrichtung einer leistungsfähigen digitalen öffentlichen Verwaltung" und "bessere steuerliche Bedingungen für Unternehmen".

An Spielraum dafür mangelt es auf den ersten Blick nicht. Das Bundesfinanzministerium meldete am vergangenen Dienstag unter der Überschrift "Gut gewirtschaftet, Rekordbeträge investiert" für 2018 einen Haushaltsüberschuss von 11,2 Milliarden Euro. Wenigstens der Staatswirtschaft droht also noch lange kein Ende der fetten Jahre? Die Haushaltsexperten der CDU CSU-Bundestagsfraktion kommen in einer vierseitigen Analyse zu einem anderen Schluss. Allein die absehbaren Mehrausgaben für Entwicklungshilfe, Verteidigung und EU-Finanzierung würden bis 2023 eine Lücke von fast 77 Milliarden Euro in den Bundesetat reißen. Das Fazit des Papiers: Spitzt sich die wirtschaftliche Lage zu, fehlt Berlin das Geld für ein Konjunkturprogramm.

FINANZMÄRKTE

Es muss dieser weite Blick sein, der Philipp Vorndran so gelassen macht. Die großen Scheiben hier im 26. Stock des KölnTriangle im Stadtteil Deutz eröffnen dem Kapitalmarktstrategen des Vermögensverwalters Flossbach von Storch (FvS) ein imposantes Panorama. Zur rechten Hand der Dom, zu Füßen die Kölner Innen- und Südstadt, die Hohenzollernbrücke und natürlich der Rhein, der sich im Januarnebel Richtung Bonn verliert - Symbol einer im Ganzen erfolgreichen, aufschwungstabilen D-Mark-Repubik. Und heute? Dass das große Brexit-Drama in London die globalen Aktienmärkte nicht nur ihn, sondern auch andere Investoren kaum berührt - Vorndran wundert es nicht. "Die Kursrückgänge in den vergangenen Monaten haben die Bewertungen von Aktien schon deutlich reduziert. Wenn man die extrem niedrigen Renditen von Anleihen bedenkt, dann sind Aktien sogar noch attraktiver. "Trotz aller Unsicherheiten glaubt Vorndran, der mit seinen Kollegen von FvS 36 Milliarden Euro verwaltet, daher nicht an eine Fortsetzung des Kursrutsches: "Solange die Unternehmensgewinne nicht stark unter Druck geraten, ist das Erreichen neuer Tiefstände unwahrscheinlich."

Wer den Schleier des Deutschen Aktienindex lüftet, fördert Erstaunliches zutage. Trotz der jahrelangen Aufwärtsphase der Weltwirtschaft ging die Hausse an den Märkten an den deutschen Top-Titeln fast spurlos vorbei. Tatsächlich notieren die Kurse im Dax heute rund 20 Prozent unter dem Niveau des Jahres 2000; nur zweimal - 2015 und 2018 - schafften sie kurzzeitig ein neues Hoch. Einzig die Dividenden spülten Dax-Anlegern in den vergangenen zwei Jahrzehnten Zuwachs in die Kasse. Das Gute daran: Seine schwache Entwicklung schützt den Dax vor einem Crash. Neue Höhenflüge sind allerdings auch nicht zu erwarten. "Die globalen Unsicherheiten sprechen gegen steigende Bewertungen und ein baldiges Erreichen alter Höchststände", sagt Vorndran. Gegenwind kommt nicht nur von der Konjunktur. Auch Zollstreitigkeiten oder geopolitische Risiken verunsichern Anleger. Außerdem reduziert die US-Notenbank ihre Bilanzsumme; und die Europäische Zentralbank ersetzt seit Jahresbeginn zwar weiter fällige Anleihen durch neue Papiere, kauft aber keine mehr hinzu. Gelingt der Geldpolitik ein turbulenzarmer Ausstieg aus der schuldengetriebenen Konjunktur? Die Bilanzsummen der drei großen Notenbanken inklusive der Bank of Japan stiegen 2016 noch um durchschnittlich 137 Milliarden Euro pro Monat; 2018 waren es nur noch 24 Milliarden. Bis März 2020 dürften die Bilanzsummen um immerhin 700 Milliarden Dollar auf rund 14 Billionen abgeschmolzen sein - ein sanfter Entzug für die Märkte, aber auch erfolgreich?

Ins Bild passt, dass US-Unternehmen 2019 weniger Appetit auf eigene Aktien haben dürften. Denn der von der US-Steuerreform gepuschte Rekord an Aktienrückkäufen - geschätzte 1000 Milliarden Dollar in 2018 - dürfte sich nicht wiederholen. Und dass die Gewinnentwicklung deutscher Unternehmen schwierig einzuschätzen ist. Schon mit Blick auf 2018 hatte Analysten den Dax am Jahresende aufgrund optimistischer Prognosen um 30 Prozent höher erwartet. Dann musste ein Drittel der Dax- Unternehmen im Jahresverlauf seine Erwartungen runterschrauben - Thyssenkrupp, Daimler und Continental sogar je zweimal. Der Dax ist daher zurzeit mit einem erwarteten Kurs-Gewinn- Verhältnis (KGV) von unter zwölf und einer geschätzten Dividendenrendite von annähernd vier Prozent moderat bewertet. Zweifellos zu teuer für einen Konjunkturabschwung sind im Schnitt die Nebenwerte, die Mittelständler und die Techaktien aus MDax oder TecDax mit erwarteten KGVs von mehr als 16 und gut 20. Kein Wunder also, dass Vorndran beim sinnenden Blick über den Rhein auch ans Gold denkt: kein Nibelungenschatz. Aber "als Währung der letzten Instanz ein wichtiger Stabilisator" in jedem Depot - so viel wenigstens ist 2019 sicher.

IMMOBILIEN

Die Preise für Häuser und Wohnungen sind 2018 gestiegen - und sie werden wohl auch 2019 steigen: Neubauten verteuern sich, weil Grundstücke in attraktiven Regionen rar und die Bauvorschriften streng sind. Und den Altbestand fragen Kaufinteressenten nach, weil vor allem in den Großstädten zu wenig gebaut wird. Entsprechend steigt Jahr für Jahr die Lücke zwischen Bedarf und Bestand. Insbesondere der Aufwärtstrend für Wohnungen dürfte anhalten. Das Angebot ist zu gering, um eine (liquiditätsbasierte) Nachfrage zu decken: Attraktive Objekte in attraktiven Lagen finden immer noch Käufer, die bereit sind, die teils schwindelerregend hohen Preise zu toppen. Vor allem Käufer aus dem Ausland, die Berlin, selbst München mit New York, London oder Paris vergleichen, zeigen weiter Interesse.

Hinzu kommt, dass die langjährigen Zinsen in Richtung alter Tiefs streben, die entscheidend sind fürs Baugeld. Die Niedrigzinspolitik der EZB tut ihr Übriges. Immobilienkredite sind schon fast wieder zum Allzeittief-Schnäppchenpreis zu haben - und eine Zinswende noch immer nicht in Sicht. Nur aufkeimende Sorgen vor einem Ende des Booms und dem Verlust des Arbeitsplatzes könnten den ein oder anderen Interessenten ins Grübeln bringen und die Nachfrage etwas dämpfen.

UNTERNEHMEN

Der Brexit, der Zollstreit mit den USA und die Konjunkturschwäche in China belasten Deutschlands exportstarke Unternehmen. Am stärksten trifft es die Automobilindustrie. In China war der Autoabsatz 2018 erstmals seit rund 20 Jahren rückläufig (minus sechs Prozent). Und Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs erwarten für 2019 ein weiteres Minus von sieben Prozent. Auch in den USA, zweitgrößter Automarkt nach China, rechnen Branchenexperten 2019 und 2020 mit einem Negativtrend. "Die Abwärtsbewegung der Automobilmärkte hat sich im vierten Quartal 2018 noch einmal deutlich verschärft", urteilt Elmar Degenhart, Chef des Autozulieferers Continental.

Vor allem die Zahlen aus China sind für die deutsche Autoindustrie alarmierend. In der Hoffnung, dass eine Marktsättigung in weiter Ferne liegt, haben die Autobauer gigantische Kapazitäten aufgebaut. Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg- Essen erwartet, dass 2019 "fast 19 Prozent der Produktionskapazitäten in China ungenutzt" sein werden. Vor allem VW trifft es hart; mehr als ein Drittel der Konzerngewinne erzielen die Wolfsburger in China. Fällt die Ertragssäule weg, könnte der Konzern ins Wanken geraten. Konzernchef Herbert Diess ist überzeugt: "Die Zukunft von VW wird sich in China entscheiden" *- und hat daher jetzt selbst die Verantwortung des China-Geschäfts übernommen.

Auch der drohende Brexit zerrt an den Nerven deutscher Automanager. Im Fall eines ungeordneten Ausstiegs der Briten aus der EU drohen kostspielige Notfallmaßnahmen zur Aufrechterhaltung der Warenströme. Autos, Nutzfahrzeuge und Autoteile sind die wichtigsten Exportgüter Deutschlands in Richtung Großbritannien. 2016 betrug das Volumen 27 Milliarden Euro. Damit war Großbritannien das zweitwichtigste Exportland für die deutsche Automobilindustrie nach den USA. Im Falle eines Brexits drohen Zölle, eine Verteuerung deutscher Fabrikate - und ein Absatzeinbruch. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte dürften die Preise deutscher Importautos für britische Kunden um durchschnittlich 5600 Euro steigen.

Die schwierige Lage der deutschen Autobauer trifft auch Zulieferer. "Ich sehe dunkle Wolken für 2019 am Horizont aufziehen", warnt Olaf Berlien, Chef des Lichttechnikkonzerns Osram: Die Nachfrage nach Leuchtdioden gehe spürbar zurück. Und Thyssenkrupp-Vorstandschef Guido Kerkhoff sehnt sich für 2019 vor allem weniger Lärm herbei: "Ein wenig mehr Planbarkeit und ein bisschen weniger politischer Irrsinn täten der globalisierten Welt sicher gut."

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