RWI in den Medien

15 Jahre Aufschwung - und ein Luxusproblem

45 Millionen Menschen haben in Deutschland Arbeit. Die Konjunktur schwächelt zwar schon - doch als größte Bremse sehen Forscher weiter Arbeitskräftemangel.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.01.2019

Der Wirtschaftsaufschwung wird schwächer, aber der Arbeitsmarkt ist immer noch für Rekordzahlen gut: Im abgelaufenen Jahr hatten durchschnittlich insgesamt 44,8 Millionen Menschen in Deutschland eine bezahlte Arbeit, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch anhand einer ersten Hochrechnung mitteilte. Das waren 562 000 mehr als im Jahr 2017 und zugleich mehr als je zuvor seit der Wiedervereinigung. Im August hatte die Zahl der Erwerbstätigen erstmals sogar die Marke von 45 Millionen überschritten und ist seither mit der üblichen Herbstbelebung am Arbeitsmarkt um weitere 240 000 gestiegen. Insgesamt war 2018 das 15. Jahr in Folge mit einer steigenden Erwerbstätigkeit.

Allein eine gute Entwicklung in der Vergangenheit sagt allerdings auf dem Arbeitsmarkt wenig über die Zukunft aus. Denn erfahrungsgemäß schlagen Konjunkturflauten verzögert auf die Beschäftigung durch - schon deshalb, weil Unternehmen nicht auf Knopfdruck Personal entlassen können. Sollten sie aber - wie etwa zu Beginn des Jahrtausends - erst einmal auf breiter Front und in statistisch messbarem Umfang mit Personalabbau beginnen, ist die nur schwer zu stoppende Dynamik des Abschwungs meist schon in vollem Gang.

Forscher sehen für den Arbeitsmarkt jedoch bisher trotz des neuerdings stockenden Wirtschaftswachstums nicht so schwarz: Sie rechnen zwar mit einem schwächer werdenden Anstieg der Beschäftigtenzahlen - aber gerade nicht mit großen Personalüberhängen in Büros und Fabriken, die Unternehmen wieder zu Massenentlassungen treiben könnten. Und als Hauptursache für ein mögliches Ende des Beschäftigungsaufschwungs sehen sie eher einen Mangel an Arbeitskräften als eine mangelnde Personalnachfrage der Unternehmen. Der Vorsitzende des Rats der fünf Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, fasst die Aussichten deshalb mit der Botschaft zusammen - an der Gesamtlage werde sich nicht allzu viel ändern: "Die Beschäftigung und die Löhne dürften weiter steigen, die Arbeitslosigkeit weiter abnehmen", sagte er der F.A.Z. "Deutlich sichtbare Arbeitskräfteengpässe lassen jedoch eine gedämpfte Dynamik erwarten", schränkt Schmidt ein, der auch Präsident des RWI-Leibniz- Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen ist.

Trotz der vielen akuten Krisenherde der Weltwirtschaft - darunter Handelskonflikte und der bevorstehende Austritt Großbritanniens aus der EU - sieht Schmidt die konjunkturelle Lage in Deutschland immer noch als relativ robust an. Dies liege daran, dass der mittlerweile seit neun Jahren laufende Wirtschaftsaufschwung, anders als in früheren Zeiten, auch vom Beschäftigungsaufbau selbst und den damit verbundenen Einkommen für immer mehr Bürger getragen sei. Dies ist nicht zuletzt Folge der neuerdings politisch wieder stark umstrittenen Hartz-Reformen des Arbeitsmarkts und des Sozialsystems.

Selbst wenn die Reformen nicht weiter zurückgedreht werden sollten, werde der Beschäftigungsaufbau nun aber zunehmend durch den demographischen Wandel gebremst. "Schon in der jüngeren Vergangenheit konnte das hohe Expansionstempo der deutschen Volkswirtschaft nur durchgehalten werden, weil der Beschäftigungsanstieg von zugewanderten Arbeitnehmern getragen wurde, vor allem aus dem Osten der EU und zuletzt auch den Asylherkunftsländern", sagte Schmidt. Die Zuwanderung von Arbeitskräften werde aber eher abnehmen und künftig umso weniger den demographisch bedingten Rückgang des Arbeitskräfteangebots ausgleichen.

Auch Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit glaubt, dass eher fehlende Arbeitskräfte als ein Wirtschaftseinbruch die nähere Zukunft des Arbeitsmarkts prägen. "Der Arbeitskräftebedarf wird hoch bleiben", sagte Weber. "Diese Entwicklung ist auch bei konjunkturellen Schwankungen robust, die weltwirtschaftlich etwa vom Brexit oder Handelskonflikten ausgehen könnten." Nach 2020 würden aber mit den sogenannten Babyboomern so viele Menschen in Rente gehen, dass die Zahl verfügbarer Arbeitskräfte absehbar sinken werde.

"Bereits für das Jahr 2019 erwarte ich, dass es keine Rekordbeschäftigungszunahme mehr geben kann, weil die Arbeitskräfteknappheit dämpfend wirkt", sagte Weber. In seiner jüngsten Arbeitsmarktprognose rechnet das IAB aber immer noch damit, dass die Zahl der Erwerbstätigen in diesem Jahr weiter deutlich steigt: auf gut 45,3 Millionen im Jahresdurchschnitt. Nur könnte der Zuwachs an Erwerbstätigen erstmals seit dem Jahr 2015 wieder bei etwas weniger als 500 000 Personen liegen.

Hoch