RWI in den Medien

Die demographische Falle schnappt bald zu

Jetzt gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente, und immer weniger junge Menschen rücken in den Arbeitsmarkt nach. Was kann Deutschland tun, um den Wohlstand zu sichern und die Sozialsysteme bezahlbar zu halten?

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.01.2019

Es dauert nicht mehr lange, bis die Babyboomer das Rentenalter erreichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen die Deutschen zunächst wenig Kinder, von 1955 an stieg die Zahl aber merklich. 1964 war der geburtenstärkste Jahrgang aller Zeiten. Das Statistische Bundesamt registrierte damals 1,357 Millionen neugeborene Kinder in West- und Ostdeutschland - doppelt so viele, wie es heute sind. Nun steht der große Übergang bevor, der Arbeitsmarkt und Sozialsysteme unter Druck setzt: Immer mehr Babyboomer erreichen das Rentenalter. Gleichzeitig sind die in den Arbeitsmarkt nachkommenden Jahrgänge nur noch halb so groß.

Mit dem sperrigen Fachbegriff "demographischer Wandel" ist eine tiefgreifende Umwälzung unserer Gesellschaft und Wirtschaft verbunden. "Zum einen ist er das Resultat von seit Jahrzehnten niedrigen Geburtenraten, zum anderen spiegelt er eine immer weiter steigende Lebenserwartung wider", sagt Christoph Schmidt, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Der Dortmunder Wirtschafts- und Sozialstatistiker Walter Krämer, der zu kräftigen Formulierungen neigt, spricht von einem "demographischen Desaster", verursacht durch jahrzehntelange Kinderlosigkeit.

Unstrittig ist: Eine zunehmende Überalterung der Bevölkerung erhöht den Finanzbedarf der Sozialsysteme, vor allem der Renten- und Pflegeversicherung; und die Wirtschaft klagt über knapper werdende Arbeitskräfte. Die "Wirtschaftsweisen" beobachten mit Sorge, dass die Dimension der damit verbundenen Probleme in der Öffentlichkeit derzeit nicht richtig erkannt wird. Schon heute sinkt die erwerbsfähige Bevölkerung in Deutschland - gemeint sind die Personen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren – demographiebedingt um 300 000 jährlich. Mit dem ansteigenden Renteneintritt der Babyboomer, der seinen Höhepunkt 2030 erreicht, wird die demographische Falle dann so stark wie nie zuschnappen. Die Folge dürften weniger Wirtschaftswachstum und steigende Kosten der Sozialsysteme sein. Die Wirtschaftsweisen sprechen immerhin von "dringendem" Handlungsbedarf. Was kann man gegen diese Entwicklung tun? Zum einen kann versucht werden, das Potential der bestehenden Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter besser zu nutzen. Noch mehr Menschen könnten eine Arbeit aufnehmen. Die sogenannte Erwerbsbeteiligungsquote ist aber schon deutlich gestiegen, gerade unter älteren Personen zwischen 55 und 65 Jahren (seit 2005 von 45 auf 70 Prozent) und unter den Frauen (von 63 Prozent auf zuletzt 75 Prozent). Wenn wegen der Alterung mehr und mehr Arbeitskräfte fehlen, sollte der Arbeitsmarkt möglichst flexibel sein, mahnen die Wirtschaftsweisen, etwa indem Teilzeitkräfte ihre Arbeitszeit leichter ausweiten können. Und es sollte möglichst niedrige Hürden geben für den Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Die noch bestehenden 2,3 Millionen Arbeitslosen sind ebenfalls ein ungenutztes Arbeitskräftepotential. Für die etwa 800 000 Langzeitarbeitslosen, viele von ihnen mit speziellen Vermittlungshürden wie etwa Alkoholsucht oder psychischen oder gesundheitlichen Problemen, müsste man über eine noch intensivere Betreuung nachdenken.

Eine zweite Quelle für zusätzliche Arbeitskräfte könnte mehr Zuwanderung sein, allerdings kann und wird diese kein Allheilmittel sein. "Der demographische Wandel wird sich durch Zuwanderung nur abfedern, aber nicht aufhalten lassen", sagt Ökonom Christoph Schmidt. Zuwanderung könnte dem gedämpften Wachstumstempo zudem nur entgegenwirken, wenn sie beruflich oder akademisch qualifizierte Arbeitnehmer und Unternehmer ins Land bringe. Bei der Einwanderung der vergangenen Jahrzehnte war das nur zum Teil der Fall, sie war auch nur wenig gesteuert. Zwischen 2010 und 2017 stieg die Zahl der ausländischen Beschäftigten in Deutschland um 85 Prozent auf rund 3,5 Millionen Personen, der Großteil davon kam aus Osteuropa. Zuletzt war die EU-Zuwanderung rückläufig.

Die seit 2015 ins Land gekommenen etwa 1,7 Millionen Asylzuwanderer sind ein anderer Fall. "Von Steuerung kann hier keine Rede sein", sagt der Bonner Politikprofessor Tilman Mayer, der Präsident der deutschen Gesellschaft für Demographie war. Er spricht von einer "hektischen Ad-hoc-Zuwanderung", welche die Bundesregierung zugelassen habe. "Im Ausland hat man das fassungslos und sehr kritisch beurteilt." Die Integration anerkannter Asylbewerber in den Arbeitsmarkt ist sehr viel schwieriger, zumal meist Sprachkenntnisse und oft auch berufliche Qualifikationen fehlen. Laut Sachverständigenrat ist die Beschäftigtenquote der Personen aus den acht Haupt-Asylherkunftsländern nur mäßig auf 22 Prozent gestiegen. Die Integration gehe "etwas zügiger als erwartet" voran.

Dass anerkannte, arbeitende Flüchtlinge in Zukunft "unsere Renten bezahlen werden", wie es im Jahr 2015 im Überschwang der Willkommenskultur einige Politiker formulierten, glauben nur wenige Fachleute. Der Rentenfachmann Bernd Raffelhüschen sieht eher eine starke Belastung der Rentenkassen, weil die Asylbewerber nicht auf die geforderte Mindestanzahl an Beitragsjahren und somit auf zu geringe Beiträge kämen. Raffelhüschen kommt auf einen sechsstelligen Betrag, den jeder Flüchtlingsmigrant im Durchschnitt den Sozialstaat über sein ganzes Leben hinweg netto kostet.

Die Bundesregierung hat im abgelaufenen Jahr zwei "Haltelinien" für das Rentensystem beschlossen: Zum einen soll das Sicherungsniveau (Verhältnis der Durchschnittsrente zum durchschnittlichen Lohnniveau) bis 2025 nicht unter 48 Prozent sinken, zum anderen sollen die Beitragssätze nicht über 20 Prozent steigen. Beides geht zusammen wohl nur, wenn der Steueranteil zur Finanzierung der Rente von heute schon rund 100 Milliarden Euro steigt - also letztlich doch die Jüngeren immer mehr zahlen. "Das verschiebt nur die Probleme ins Steuersystem", sagt Ökonom Schmidt.

Die SPD fordert das Rentensicherungsniveau von 48 Prozent sogar bis zum Jahr 2040. Dafür müsste entweder der Beitragssatz oder der Steuerzuschuss sehr kräftig steigen. Sollte das Rentensystem mit diesen Haltelinien bis 2040 durch Zuwanderung stabilisiert werden, wäre ein extrem hoher jährlicher Migrantenzustrom vonnöten: Der Sachverständigenrat zitiert eine Studie des Bochumer Sozialpolitikprofessors Martin Werding, wonach die Immigration dann bis 2040 auf jährlich netto 1,5 Millionen Menschen ansteigen müsste. Ob eine solche Masseneinwanderung der Bevölkerung vermittelbar wäre, steht auf einem anderen Blatt.

Der Sachverständigenrat sieht eine noch weitere Möglichkeit, um die Sozialsysteme angesichts der Alterung und des demographischen Wandels finanzierbar zu halten: ein an die steigende Lebenserwartung gekoppeltes Renteneintrittsalter. Dies sei "die sinnvollste Lösung". Die vor gut einem Jahrzehnt beschlossene "Rente mit 67", die vom Jahr 2030 an erreicht wird, sei damals ein mutiger Schritt gewesen. "Es war eine gelungene politische Antwort auf den demographischen Wandel", findet Schmidt. Denn durch die lange im Voraus beschlossene Erhöhung ließ sich der Anstieg des Renteneintrittsalters über eine lange Zeit in kleinen Schritten strecken, so dass eine abrupte Änderung vermieden werden konnte, gegen die es sonst sicher noch stärkere Proteste gegeben hätte.

Die Wirtschaftsweisen empfehlen, auch jetzt schon für die Zeit nach 2030 eine weitere schrittweise Erhöhung ins Auge zu fassen. Die Sozialsysteme würden entlastet, für die Wirtschaft stünden mehr Arbeitskräfte zur Verfügung, und die Menschen bekämen dennoch länger Rente. Gerecht sei, je drei Jahren zusätzliche Lebenserwartung zwei Jahre länger zu arbeiten und ein Jahr länger Rente zu beziehen. Wenn schon jetzt den nach 1990 Geborenen dieser Anhaltspunkt gegeben werde, "würde das der öffentlichen Debatte den emotionalen Stachel nehmen", glaubt Schmidt.

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