RWI in den Medien

Ferien statt Kinderzimmer

Elternzeit-Reisen sind voll im Trend. Doch die gemeinsame Auszeit birgt Risiken: Soll sich an der Rollenverteilung etwas ändern, müssen die Väter auch im Alltag zu Hause ihren Mann stehen.

WELT AM SONNTAG vom 30.12.2018

Anne und Arnas Bräutigam waren noch nicht einmal Eltern, da hatten sie bereits einen Familienbeschluss gefasst. Sollten sie Kinder haben, würden sie ihre bezahlte Elternzeit für eine ausgedehnte Reise nutzen. Einmal richtig raus aus dem Alltag mit all seinen Zwängen und Anforderungen, durchatmen, innehalten und reflektieren - und dabei als Familie zusammenwachsen und sich als Paar neu entdecken. Schon lange vor den Kindern sei das ein Traum von ihr gewesen, sagt Anne Bräutigam. Durch das Elterngeld sei man finanziell halbwegs versorgt. "Wie sonst könnte man so lange verreisen?"

Seit acht Jahren sind die 37-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin und ihr ein Jahr jüngerer Mann verheiratet, ihre beiden Söhne Justus und Moritz kamen 2012 und 2014 zur Welt. Dreimal war die Berliner Familie seitdem auf jeweils elfwöchigen Reisen durch Frankreich, Spanien, Portugal, England und Südafrika, die ersten beiden Male unterstützt durch das Elterngeld, das letzte Mal auf eigene Rechnung. Anne Bräutigams Bilanz: "Eine Elternzeit-Reise eröffnet Perspektiven, die weit über das Reisen an sich hinausgehen. Für uns war sie jedes Mal ungemein wertvoll."

Ihre Sehnsucht nach Auszeit dürften die Bräutigams mit vielen anderen jungen Eltern teilen. Denn gerade wenn es feucht und kalt wird in Deutschland, wenn die Tage grau sind und die Nächte lang, dann kann das Leben mit einem Baby allein zu Hause ganz schön eintönig werden. In dieser Situation kommt Fernweh auf: Einfach mal raus aus Deutschland, eine Reise machen, möglichst lang, möglichst weit weg: Ist die Elternzeit nicht geradezu prädestiniert dafür, eine gemeinsame Auszeit zu nehmen? Ein Urlaub auf Staatskosten, sozusagen? Schließlich gibt es in dieser Zeit mit dem Elterngeld ja auch einen üppigen Zuschuss.

Das Internet jedenfalls ist voll mit Reiseberichten und Blogs von Kleinfamilien, die im Wohnmobil ferne Länder durchqueren. "Ist es wirklich besser, allein mit dem Baby zu Hause zu sitzen und das Elterngeld in einen Thermomix oder ein Netflix-Abo zu investieren, während der Partner weiter malochen geht?", heißt es etwa in dem Blog "Weltwunderer" rhetorisch. Und weiter: "Nein, es ist weder verboten noch moralisch fragwürdig, in der Elternzeit eine gemeinsame längere Reise zu machen. Auch, wenn Neider und selbst ernannte Moralapostel euch das reindrücken wollen."

Wohl selten war eine familienpolitische Leistung derart erfolgreich wie das Elterngeld. Seit die Bundesregierung es 2007 eingeführt hat, ist die Inanspruchnahme stetig gestiegen, vor allem bei Vätern. Ihr Anteil ist von drei auf 36 Prozent nach oben geschnellt. Grund ist die Ausgestaltung als Lohnersatzleistung: 65 Prozent des letzten Nettolohns, maximal aber 1800 Euro, gibt es im Monat vom Staat - das lohnt sich auch für besser verdienende Väter. Das Besondere: Anspruch besteht für maximal 14 Monate pro Kind, sofern der Vater mindestens zwei Monate davon nimmt. Für die weitere Verteilung gibt es keine Vorschriften. Statt sich die 14 bezahlten Monate untereinander aufzuteilen, können Mutter und Vater auch bis zu sieben Monate parallel bezahlte Elternzeit nehmen. Gelegenheit für eine ausgedehnte Reise bietet das allemal. Doch ist eine solche Auszeit auf Kosten der Allgemeinheit auch im Sinne des Erfinders? Als die frühere Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) das Elterngeld einführte, hatte sie dabei vor allem zweierlei im Sinn. Familien sollten ein Jahr Schonzeit bekommen und die Mütter danach rasch wieder in den Job zurückkehren - im Idealfall unterstützt von ihren Männern, die ihnen in der Phase des Wiedereinstiegs zu Hause den Rücken freihalten. Eine staatliche Maßnahme mit klarem erzieherischem Auftrag - und hoher Lenkungswirkung. Das jedenfalls fand Marcus Tamm, Leiter der Forschungsgruppe Bildung am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, in einer kürzlich veröffentlichten Datenanalyse heraus.

Der Wirtschaftswissenschaftler untersuchte darin, wie sich eine bezahlte Elternzeit von Vätern langfristig auf die Arbeitsaufteilung in der Familie auswirkt. Andere Einflussfaktoren rechnete Tamm dabei heraus: "Dabei habe ich festgestellt, das Väter, die das Elterngeld genommen haben, auch nach dieser Phase mehr Zeit mit dem Kind verbringen und auch mehr Erledigungen im Haushalt übernehmen."

Konkret beschäftigten sich, so der Forscher, diese Väter an einem Werktag 40 Minuten und an einem Wochenendtag 90 Minuten mehr mit ihren Kindern, als es die Väter tun, die keine Elternzeit genommen haben. Zudem leisteten die Elternzeit-Väter eine halbe Stunde mehr Hausarbeit. Diese Effekte hielten noch mindestens vier Jahre nach der Geburt an. "Selbst eine vermeintlich kurze Phase von zwei Monaten kann das Verhalten und die Rollenaufteilung in der Familie verändern und hat überraschend große Effekte", bilanziert Tamm. "Die beabsichtigte Lenkungswirkung des Elterngeldes, was die Angleichung der Geschlechterrollen und die größere Einbindung der Väter angeht, geht also voll auf."

Doch er schränkt auch ein: Für den langfristigen Effekt mache es einen Unterschied, ob die Väter in ihrer Elternzeit zu Hause allein ihren Mann stehen müssen oder ob sie parallel mit der Mutter Elternzeit nehmen und diese Zeit womöglich für eine größere Reise nutzen. "Eine große gemeinsame Reise ist sicherlich toll für die Familie und dient auch der Beziehungspflege. Aber für das Einüben von Tätigkeiten, die dann auch langfristig die Rollenverteilung verändern, ist ein Urlaub nicht geeignet. Dort verhält man sich ja doch ganz anders als im Alltag", meint der Wirtschaftswissenschaftler. Für eine echte Veränderung sei es also wirkungsvoller, im Alltag einmal die Seiten zu wechseln, als gemeinsam zwei Monate durch die Welt zu reisen.

"Wenn man das verhindern will, müsste man den parallelen Elterngeldbezug verbieten", sagt Tamm. "Ich bin aber unsicher, ob ich das befürworten würde. Eine so restriktive Regelung könnte Familien ja auch davon abhalten, überhaupt Väterzeit zu nehmen." Ob damit gesamtgesellschaftlich etwas gewonnen ist, sei also zu bezweifeln. Der Forscher stellt fest: "Insgesamt ist ein Elternzeiturlaub eher ein Phänomen der gehobenen Mittelschicht, die genug verdient, um von der Lohnersatzleistung Elterngeld nicht nur leben, sondern auch reisen zu können."

Für Anne und Arnas Bräutigam jedenfalls waren die drei gemeinsam verbrachten Elternzeitreisen ein "absolutes Highlight", wie Arnas Bräutigam sagt. "Es steht nirgendwo geschrieben, dass man im Elterngeldbezug zu Hause sitzen und leiden muss", sagt der Bankangestellte. "Wir wollten die Zeit mit einem Säugling, der noch nicht durchschläft, nicht nur überleben, sondern auch genießen." Schließlich gehe es in der Elternzeit nicht nur darum, als Mann zu lernen, was früher die Frau gemacht hat, sondern auch die Zeit "als Familie zu erleben und gemeinsam zusammenzuwachsen". Er habe diese Zeit als "Luxus" empfunden.

Bräutigam kann sich auch zugutehalten, in seinen Vätermonaten keineswegs vor allem in der Sonne gelegen, sondern im Alltag mit angepackt zu haben. Nach der Reise ging seine Frau zurück in den Job, er übernahm noch einmal vier Monate daheim die Geschäfte. Ähnlich lief es beim zweiten Kind. Zudem reduzierten beide ihre Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden. "Es macht schon noch einen Unterschied, ob man sich gemeinsam um das Kind kümmert oder alleine verantwortlich ist", sagt Arnas Bräutigam. "Das hat mein Selbstvertrauen noch einmal sehr gestärkt."

Und noch etwas hat der Familienvater festgestellt. Anfänglich habe er im Job Gegenwind gespürt, dass er so lange in Elternzeit gehen wollte. Als er nach acht Monaten zurückkam, hätten sich alle gewundert, dass die Zeit so schnell vergangen sei, sagt Bräutigam. "Im Rückblick war das also kein großes Problem. Meiner Karriere hat das keinen Abbruch getan."

Hoch