RWI in den Medien

Das Wort "Rezession" fällt wieder öfter

Niemand hatte das Ende des Aufschwungs herbeireden wollen, dennoch ist das jetzt Thema. Monatlicher F.A.Z-Konjunkturbericht.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.12.2018

Nach den hohen Wachstumsraten von 2017 übertrafen sich Ökonomen in ihren Prognosen für das laufende Jahr. Mit 2,5 Prozent Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) rechnete etwa das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel ursprünglich. Die Zeiten sind inzwischen andere - zumal die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal im Vergleich zum Vorquartal geschrumpft ist. Nach mehreren Korrekturen erwarten die Kieler Forscher jetzt noch 1,5 Prozent. Auch alle anderen großen Wirtschaftsforschungsinstitute schraubten ihre Prognosen im Jahresverlauf erheblich nach unten. Und immer mehr Volkswirte, die einmal voller Optimismus auf das Jahr 2018 blickten, zweifeln am nun bald zehn Jahre währenden Aufschwung. "Es ist in jedem Abschwung so, dass man von relativ hohen Niveaus aus startet", sagt zum Beispiel Stefan Schneider, Chefvolkswirt der Deutschen Bank für Deutschland, der F.A.Z.

Der Abschwung kann kommen, doch spricht trotz der ausdauernden Schwäche noch immer einiges dafür, dass jüngste Rückgänge insbesondere weicher Indikatoren Ausdruck einer gewissen Normalisierung sind. "Sorgen vor einer Rezession sind übertrieben", sagt Claus Michelsen, Konjunkturforscher vom DIW Berlin. Er erwartet noch für das Schlussquartal eine leichte wirtschaftliche Erholung. Die Bundesbank sieht die deutsche Wirtschaft immer noch in der Hochkonjunktur und sagt voraus, dass sich die Wachstumsdynamik mit einer Rate leicht oberhalb des Produktionspotentials festigen werde - unter anderem, weil der private Konsum und der Bau die Binnenwirtschaft stützten. Dafür sprechen die seit der Produktionsausweitung in den Vereinigten Staaten gefallenen Ölpreise. Ferner wird die sehr gute Arbeitsmarktlage kommendes Jahr wieder zu höheren Löhnen führen. "Der Beschäftigungsaufbau geht noch weiter, aber dürfte sich wahrscheinlich abschwächen. Bei den Lohnrunden haben wir die Spitze schon gesehen", schätzt Ökonom Schneider von der Deutschen Bank. Darüber hinaus spricht die Überauslastung der Kapazitäten dafür, dass die Investitionsbereitschaft der Unternehmen hoch bleibt. Alles in allem blicken daher auch die Wirtschaftsverbände verhalten optimistisch in das kommende Jahr, zeigt eine am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Derzeit rechneten 28 von 48 befragten Verbänden mit einer Steigerung der Produktion, etwas weniger als im Vorjahr. Genau lässt sich aber kaum sagen, wie gut es mit der Konjunktur wirklich wieder läuft, wenn bremsende Einmaleffekte verschwunden sind. Solche überlagerten die konjunkturelle Dynamik über das ganze Jahr. Anfangs setzten Grippewelle und Arbeitskämpfe dem Aufschwung spürbar zu. Im Sommer schlugen dann Probleme der Autoindustrie, die Abgastests für Neuwagen auf den Standard WLTP umzustellen, auf die Fertigung zurück. Während immerfort Handelskonflikte und der Brexit das Unternehmervertrauen schwächten, erschwerte das Niedrigwasser auf Deutschlands Wasserstraßen die Produktion - Lieferungen von Vorleistungsgütern für Chemieunternehmen blieben wegen Dürre und Verdunstung im Kiesbett stecken. "Wir hatten immer gute Erklärungen", sagt Chefvolkswirt Schneider. Aber die Annahme, dass sich die Konjunktur bis zum Jahresschluss fängt, relativiert die Wirklichkeit nun. Einige der dunklen Wolken am Himmel werden nach Neujahr bleiben.

Obwohl die Wirtschaft wieder weitgehend freie Fahrt haben sollte, weil sich die WLTP-Probleme der Autoindustrie mit den neuen Prüfverfahren abgeschliffen haben dürften, ist die Stimmung in den Chefetagen der Unternehmen im Dezember laut Ifo-Geschäftsklimaindex auf den niedrigsten Stand seit mehr als zwei Jahren gesunken. Ihre Lage stuften Unternehmer dabei das vierte Mal in Folge schlechter ein. Besonders das verarbeitende Gewerbe hat zu kämpfen - unter anderem, weil die Autoindustrie auf den Absatzmärkten nicht zu alter Stärke zurückfindet. In das Exportgeschäft setzen Unternehmen wegen der Handelskonflikte und der Schwäche in den Schwellenländern immer weniger Hoffnungen. Die Konjunktur hat sich fast überall auf der Welt eingetrübt. Die Expansion in den Schwellenländern wurde als Folge der gestrafften Geldpolitik in den Vereinigten Staaten gebremst. Nach dem Containerumschlag- Index des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen ist weiterhin mit mäßigem globalen Wachstum zu rechnen.

Das gedämpfte Klima nehmen auch mittelständische Unternehmen nach einer Umfrage der DZ Bank wahr. "Lange hat sich der Mittelstand erfolgreich gegen geopolitische Risiken wie den Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China oder den bevorstehenden Brexit behauptet. Inzwischen belasten diese Faktoren den Ausblick sichtbar", sagt Uwe Berghaus, Unternehmenskundenvorstand der DZ Bank zu den negativeren Rückmeldungen. Zusätzlich litten Unternehmen am Fachkräftemangel und an schwerfälliger Bürokratie. Zwar sei die Geschäftslage noch gut. "Doch das ist so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm. Das Wetter wird rauher", sagt Berghaus.

Aus den Handelskonflikten und dem Brexit erwachsene Unsicherheiten im Export und die Querelen im Euroraum bleiben für die Konjunktur 2019 eine Gefahr. "Das Risiko, dass das Unvorstellbare eintritt - eine technische Rezession - infolge von einem negativen Wachstum in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen - hat zugenommen", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Diba. Doch er sieht nicht, dass das Wachstum der politischen Risiken wegen einbricht. "Ich bin eher geneigt, das Szenario Durchwurschteln zu kaufen", sagt er.

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