RWI in den Medien

Wie schlimm wird das nächste Jahr, Herr Schmidt?

Der Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, über den Brexit, Handelskonflikte und den Stellenabbau in der Autoindustrie.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 23.12.2018

Herr Schmidt, die Nachrichten über die Wirtschaftslage werden immer schlechter. Wie schlimm wird das nächste Jahr?

Die Nachrichten sind nicht so schrecklich, wie sie auf den ersten Blick wirken. Deutschlands Produktionskapazitäten sind ausgelastet. Wenn wir das typische Wachstum von Kapitaleinsatz, Arbeitsvolumen und technischem Fortschritt betrachten, dann schafft Deutschland im Jahr mittelfristig so ungefähr 1,5 Prozent Wachstum. Wir rechnen im Sachverständigenrat und in meinem Forschungsinstitut RWI damit, dass Deutschland sich im nächsten Jahr von oben diesem Wachstumspfad des Produktionspotentials annähert.

Das heißt, die Wirtschaft würde um rund 1,5 Prozent wachsen. Das ist weniger als in den vergangenen Jahren.

Ja, aber so ein Tempo wie zuletzt kann man nur schaffen, wenn die Leute mehr Überstunden machen und häufiger mal außer der Reihe arbeiten. Das geht aber nur für eine gewisse Zeit. Jeder merkt ja, wie das ist, wenn er einen Handwerker haben möchte.

Ja, Handwerker sind knapp. Aber das muss uns doch nicht am Wachsen hindern? Es sind ja bisher auch schon Osteuropäer zum Arbeiten nach Deutschland gekommen.

Stimmt. Der Arbeitsmarkt sieht so gut aus wie nie zuvor. Es arbeiten zwar mehr Leute Teilzeit, aber insgesamt arbeiten wir auch so viele Stunden wie seit der Wiedervereinigung nicht. Das ist nur deshalb geglückt, weil aus dem europäischen Ausland Arbeitskräfte kamen. Die zusätzliche sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Deutschland wird zum ersten Mal mehr von Arbeitnehmern aus dem Ausland getragen als von Einheimischen, vor allem aus osteuropäischen EU-Staaten. Aber auch dieses Reservoir ist begrenzt. Ungefähr 1,5 Prozent Wachstum - das ist kein Spitzenwert. Müssen wir damit wirklich auf Dauer zufrieden sein?

Das geben die aktuellen Strukturen der deutschen Volkswirtschaft her. Die Frage ist in der Tat, ob wir damit auf Dauer unseren Wohlstand schützen, öffentliche Güter finanzieren und lange Ruhestandsphasen sichern können. Da muss man sagen: Richtig toll ist das nicht. Natürlich muss unsere Volkswirtschaft nicht mehr an Wohlstand aufholen, chinesische Wachstumsraten wird Deutschland daher auch nicht erreichen. Wir müssen aber sogar damit rechnen, dass unsere Wachstumsrate noch weiter zurückgeht.

Warum?

Gerade genießen wir eine demographische Atempause. Im Moment stehen relativ wenige Menschen an der Schwelle zum Rentenalter. Das wird sich Mitte der 2020er Jahre ändern, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.

Und doch sind nicht mal die 1,5 Prozent fürs nächste Jahr sicher. Es gibt ja wirklich genügend Krisenszenarien. Die 1,5 Prozent sind die Schätzung für die wahrscheinlichste Entwicklung. Aber es kann auch besser oder schlechter werden - das wissen wir. Deswegen denken wir für unseren Konjunkturausblick auch über andere Szenarien nach - auch wenn die sich nicht immer so genau in Zahlen fassen lassen.

Wie gefährlich ist der Handelskrieg?

Das Wort ist zu scharf. Ein Handelskrieg, das war die Zeit der großen Depression in den 1920er und 1930er Jahren, als alle wichtigen Nationen die Zölle hochgesetzt haben. Damals ist die internationale Arbeitsteilung in sehr kurzer Zeit sehr weit zurückgefahren worden. So etwas sehen wir heute noch nicht. Bisher ist das eine recht begrenzte Sache zwischen den Vereinigten Staaten und vor allem China.

... und der EU.

Stimmt. Die EU und Deutschland sind recht stark auf offene Märkte angewiesen. Wie es global weitergeht, ist schwer zu prognostizieren, da einige Akteure sehr erratisch kommunizieren. Europa könnte darauf drängen, die Welthandelsorganisation zu modernisieren und stärker auf die digitale Welt einzustellen. Vor allem sollte man die Situation aber als Chance verstehen und mit den Vereinigten Staaten darüber verhandeln, die verbleibenden Zölle möglichst weit zu senken und andere Handelshemmnisse abzuschaffen - Präsident Trump beschwert sich ja oft darüber, dass die EU höhere Zölle auf amerikanische Autos verlangt.

Ein neuer Anlauf für das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP?

Ja. Mancher bemerkt jetzt, dass das Freihandelsabkommen TTIP gar nicht so eine schlechte Idee war. Es ist spannend zu sehen, wie Elemente des TTIP-Abkommens hierzulande an Unterstützung gewinnen, seit Donald Trump dagegen ist. Manchmal kommt es eben doch darauf an, wer etwas sagt.

Und was droht vom Brexit?

In diesem Fall leiden alle Prognosen darunter, dass man das Folgeabkommen nicht kennt. Selbst wenn es eine geordnete Scheidung gibt, müssen die EU und Großbritannien immer noch über den künftigen Zugang zum Binnenmarkt verhandeln. Wenn dieser begrenzt ist, hätte der Brexit schon recht negative Auswirkungen, zumindest für Großbritannien selbst. Aber was hingegen ein ungeordneter Brexit an Wirtschaftswachstum kosten würde, das kann niemand sonderlich präzise vorhersagen. Es würde auf jeden Fall eine verschärfte negative Wendung geben, auch für uns.

Wenn es schlimm kommt: Müssen wir dann wieder mit wachsender Arbeitslosigkeit rechnen?

Da gibt es ein Beispiel: die große Rezession nach der Finanzkrise. Damals hatten viele damit gerechnet, dass die Arbeitslosigkeit um rund eine Million Personen steigen wird. Denn seit den 1970er Jahren war mit jeder Rezession die Arbeitslosigkeit auf neue Höhen gestiegen. Das ist nach 2008 nicht geschehen, und inzwischen verstehen wir besser, woran das liegt: Anfang des Jahrzehnts waren Arbeitsmarkt, Unternehmenssteuern und Renten reformiert worden, und auch die Unternehmen hatten sich effizienter aufgestellt. Als die Finanzkrise zuschlug, waren wir daher bereits auf dem Weg hin zu einem neuen strukturellen Gleichgewicht mit niedrigerer Arbeitslosigkeit. Und entlang dieses Weges traf Deutschland zwar eine Rezession, aber nur vorübergehend. Daher ist in dieser Zeit die Arbeitslosigkeit kaum gestiegen - und das bei recht stabilem Lohnniveau.

Es gibt Klagen über die Niedriglöhne.

Ja, es heißt oft, das Arbeitsmarkt-Wunder wurde durch prekäre Stellen und wachsende Einkommensungleichheit erkauft. Das stimmt aber nicht. International sieht man, wie die Einkommensungleichheit in vielen Ländern explodiert, und in Deutschland wächst sie kaum. Natürlich hat die Politik mit den Hartz-Reformen auch niedrig bezahlte Stellen möglich gemacht. Aber erarbeitete Löhne haben in Deutschland auch nur einen begrenzten Einfluss auf das Einkommen. Es gibt einen starken Ausgleich der Unterschiede in den Markteinkommen durch das Steuer- und Transfersystem. Die Einkommen vieler Menschen mit niedrig bezahlten Arbeitsstellen sind höher, als sie sein könnten, wären sie nach wie vor ohne Beschäftigung.

Heißt das also, unser Arbeitsmarkt ist in einer nächsten Rezession sicher?

Das hängt davon ab, wie genau diese beschaffen ist: Ist das wieder nur ein vorübergehendes Ereignis, das die Arbeit der deutschen Unternehmen nicht dauerhaft beeinträchtigt? Dann dürfte das Problem eher kleiner sein. Oder werden die Strukturen der deutschen Wirtschaft grundsätzlich in Frage gestellt? Wenn viele Arbeitnehmer in kurzer Zeit aus alten Branchen in neue wechseln müssen, dann weiß ich nicht, ob der Arbeitsmarkt wirklich so robust ist.

Wie könnte so etwas passieren?

Wenn beispielsweise die deutsche Autoindustrie in eine Strukturkrise geriete, würde auch Kurzarbeit nicht helfen. Die aktuelle Herausforderung, sich auf die künftige dekarbonisierte Welt einzustellen, ist groß. Das kann die deutsche Autoindustrie bestimmt schaffen, wenn sie jetzt viel investiert und dies richtig macht. Aber es kann auch passieren, dass man so einen Wettlauf verliert. Da sollten wir in Deutschland nicht zu selbstbewusst sein.

Warum steigen die Löhne derzeit nicht schneller?

Im Vergleich zur jüngeren Wirtschaftsgeschichte seit der Wiedervereinigung steigen sie ziemlich schnell. Es könnte natürlich noch schneller gehen. Aber auf der anderen Seite steht die Krisenerfahrung der Deutschen: Die Gewerkschaften wollen vielleicht lieber Arbeitsplatzsicherheit haben, als ein kleines Prozentpünktchen mehr Lohn auszuhandeln. Gleichzeitig entscheiden sich Arbeitnehmer oft gegen zusätzlichen Lohn und stattdessen für mehr Freizeit. Die Zeit der Lohnzurückhaltung ist auf jeden Fall vorbei.

Glauben Sie das wirklich?

Ja! Früher hat man mal einen sogenannten Verteilungsspielraum ausgerechnet: Inflation plus Produktivitätswachstum - das gibt die mögliche Lohnerhöhung. Wenn man sich an diese Regel hielt, konnte man davon ausgehen, dass die Arbeitslosigkeit nicht nennenswert zunimmt. Eine Zeitlang wurde diese Regel weitgehend eingehalten. Nach der Jahrhundertwende kam dann die Lohnzurückhaltung als Reaktion auf die verfestigte Massenarbeitslosigkeit. Dies hat sehr viele Menschen wieder zurück in Arbeit gebracht. Doch diese Phase ist schon seit ein paar Jahren vorbei.

Gucken Sie sich die Bahn an: Die klagt über Tausende offene Stellen, aber die Gehälter wachsen um nicht mal drei Prozent im Jahr - selbst für die Leute, die keine zusätzliche Freizeit wollen. Dennoch gilt: In der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung gelingt es den Arbeitnehmern, sich jetzt einen Teil der früher entgangenen Lohnerhöhungen zu sichern. Das ist auch völlig okay.

Wenn die Konjunktur wieder schwächer wird, bekommen die Sparer dann nächstes Jahr wieder keine höheren Zinsen?

Ich würde nicht damit rechnen, dass kurzfristige Zinsen ...

... zum Beispiel auf Tagesgeld-Konten

... im nächsten Jahr stark ansteigen werden. Das passt auch nicht zur Strategie der Europäischen Zentralbank. Aber so eine expansive Geldpolitik bringt immer Risiken mit sich, zum Beispiel, dass Anleger auf der Jagd nach Rendite selbst übermäßige Risiken eingehen. In einer Zeit niedrigen Wachstums nimmt man das in Kauf. Aber wenn es wie jetzt ein einigermaßen ansprechendes Wachstum gibt, sollte man das kritischer sehen. Deshalb sind wir im Sachverständigenrat eher für einen frühen Ausstieg. Wir halten es nicht für falsch, dass die EZB überhaupt so aktiv geworden ist. Nur der Ausstieg geht uns zu langsam. Aber auch der wird kommen, und dann werden zuerst die langfristigen Zinsen steigen.

Zum Beispiel für Unternehmensanleihen und Hypothekenkredite. Glauben Sie, da passiert schon etwas im nächsten Jahr?

Die EZB hat keine feste Vorhersage gegeben. Insofern würde ich nicht erwarten, dass sich da so viel tut. Was bedeutet es für die Stabilität des Euro, dass Italien und Frankreich jetzt noch so hohe Schulden machen dürfen? Die Zugeständnisse des französischen Präsidenten an die "Gelbwesten" werden wohl das französische Staatsdefizit voraussichtlich wieder über die Drei- Prozent-Grenze bringen. Und das, während die Eurozone neue Budgetinstrumente beschließt. Aber gerade angesichts der Entwicklung in Italien und Frankreich würde Vertrauensbildung jetzt so funktionieren, dass man erst mal die Haushalte in Ordnung bringt, bevor man noch einen neuen Topf beschließt, der Transfers auslösen könnte. Jetzt würden wir gerne erst mal solideres Handeln sehen.

Wie sieht denn eine gute Welt aus: Was müsste passieren, damit es im nächsten Jahr besser kommt, als Sie annehmen?

Die Unternehmensteuerreform in Amerika, die dort die Wirtschaft angetrieben hat, könnte für die EU noch stärkere Überschwappeffekte mit sich bringen. Wenn sich der Handelskonflikt beruhigt, sich nach einem geordneten Brexit ein gutes Folgeabkommen mit Großbritannien abzeichnet und Deutschland dann noch wachstumsfreundliche Reformen schafft - dann kann es durchaus besser kommen.

Und wer macht dann die ganze Arbeit?

Dafür brauchen wir neben Fortschritten bei der Digitalisierung nicht zuletzt viel Einwanderung von qualifizierten Arbeitskräften. Hoffen wir, dass uns das neue Einwanderungsgesetz dabei kräftig hilft.

Das Gespräch führte Patrick Bernau.

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