RWI in den Medien

Ein Leben ohne Kohle

Deutschland nimmt Abschied von der heimischen Steinkohle – wie schlägt sich eine Stadt, in der Zechen die Wirtschaft dominierten?

Neue Zürcher Zeitung vom 19.12.2018

Hundertmal mit dem ICE gehalten, aber nie ausgestiegen: Das ist ein wenig das Schicksal der Stadt Hamm, dem östlichen Einfallstor ins Ruhrgebiet. Dort teilt sich der ICE von Berlin zur Weiterfahrt nach Dortmund und Essen oder in die Metropole Köln. Wer durch die Innenstadt schlendert, dem fallen rasch die vielen Elefantensujets auf. Sogar im Schaufenster der Polizei heißt es, Hamm sei «elephantatisch». Und wenn man dann beim Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann ins Büro tritt, kann man auch da Elefanten entdecken, gemalt oder als Figuren.

Der Metzger im Rathaus

Der CDU-Politiker ist seit fast zwei Jahrzehnten im Amt. Er kokettiert etwas damit, dass er wohl der einzige Vorsteher einer größeren europäischen Stadt sei, der einst eine Metzgerei geführt habe. Der 65-Jährige ist jedenfalls bodenständig geblieben. Das Gespräch führt er ohne PR-Begleitung, es gilt, was gesagt wurde. Er führt eine schwarz-rote Koalition, die bei den letzten Stadtratswahlen 2014 zusammen fast 80% der Stimmen errungen hat – da ist der Begriff «große Koalition» im Gegensatz zum Bund noch angebracht.

Aber was hat es nun mit den Elefanten auf sich? Des Rätsels Lösung ist der 35 Meter hohe «gläserne Elefant» im Maximilianpark, der aus der ehemaligen Kohlenwäsche eines Bergwerks entstanden ist. Es ist das einzige Wahrzeichen, das über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. In der Kohlenwäsche wurde die Steinkohle nach verschiedenen Qualitäten sortiert und von fremden Bestandteilen gesäubert.

Hamm ist auf Kohle gebaut. Schon am Bahnhof wird klar, wer lange das Sagen hatte. Da steht der Zweckbau der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Und die große Bahnhofsuhr am Portal des Empfangsgebäudes wird von einem Drahtzieher und einem Bergmann aus Stein flankiert, deren Werkzeuge gelb leuchten. Bis ins 19. Jahrhundert war das Ruhrgebiet nur spärlich besiedelt. Doch die Kohlevorkommen wurden zum Treibstoff der Industrialisierung und des deutschen Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu den Hochzeiten hatten im Ruhrgebiet 600 000 Kumpel in den Zechen Arbeit.

Industrialisierung dank Kohle

In der Stadt Hamm waren es einmal 15 000 Kohlekumpel. Und fast noch einmal so viele Mitarbeiter zählten die Draht- und Röhrenwerke. In dieser Branche sind bis heute etwa 2000 übrig geblieben. Dagegen schloss die letzte Zeche, das Bergwerk Ost mit seinem markanten Hammerkopfturm, 2010 für immer ihre Pforten.

Die Stadt kämpft deshalb seit Jahrzehnten mit dem Strukturwandel. Zunächst versuchte man es als Energiestandort, weil die Bevölkerung hier nicht so zimperlich ist wie in anderen Großstädten und in einem Kraftwerk auch eine Chance sieht. Doch das klappte letztlich doch nicht. Stattdessen entstanden in der Logistik über die letzten zwei Jahrzehnte etwa 4000 Stellen. Hunsteger- Petermann räumt ein, dass diese Jobs oft nicht so lukrativ seien wie die, die im Bergbau verloren gingen. Immerhin ist die Arbeitslosenquote der Stadt mit ihren 179 000 Einwohnern mit 8,7% mittlerweile wieder einstellig. Die 4000 Studenten einer privaten und einer öffentlichen Fachhochschule bringen zudem neues Leben in die Innenstadt.

Der Islam gehört zu Deutschland

Im Norden Hamms hatten die Eigentümer ein Hochhaus verkommen lassen. Zuletzt waren dort vor allem «Wanderarbeiter » aus Bulgarien und Rumänien einquartiert. Die Stadt schritt ein: Sie kaufte die Immobilie und riss sie ab, um eine «Ghetto-Bildung» zu verhindern.

Hamm hat mit über 35% einen hohen Anteil an Migranten, ein Drittel davon hat türkische Wurzeln. Die Diskussion darüber, ob der Islam zu Deutschland gehöre, die von CSU-Chef Horst Seehofer losgetreten worden war, hält der Bürgermeister für künstlich und der Lebensrealität in Hamm entrückt. Hunsteger- Petermann ist praktizierender Katholik, wie Fotografien von Begegnungen mit Papst Franziskus und dessen Vor-Vorgänger Johannes Paul II. verraten. Alle Menschen sollten ihre Religion leben dürfen, sagt er. Er arbeitet denn auch mit allen Moscheen zusammen. Am meisten Sorgen macht er sich darüber, dass der Strukturwandel Verlierer schaffe, die sich von der Gesellschaft abwenden würden. Es gebe in Hamm Viertel, in denen 60% der Kinder das Abitur machten, aber eben auch solche, in denen es nur 30% schafften.

Wie geht es nun denjenigen, die unmittelbar von der Schließung der Zechen betroffen waren? Der Reporter wird im Heim des Knappenvereins Hamm Heessen mit dem Bergmannsgruß «Glück auf» von Rolf-Peter Gutsche und Klaus Wenthaus empfangen. Der mit einem Schwedenofen geheizte Raum ist vollgestopft mit Memorabilia aus der Zeit, als es in Hamm noch mehrere Steinkohlebergwerke gab. Gleich mehrfach vorhanden ist die heilige Barbara, «das Mädchen, das immer auf uns aufgepasst hat», scherzt Gutsche.

Eines der letzten Abenteuer

Die beiden Kumpel haben beide während über 25 Jahren monatlich 17 Schichten à 8 Stunden unter Tage gearbeitet. Sie konnten sich deshalb mit 50 Jahren frühpensionieren lassen, als ihre Zechen vor einigen Jahren geschlossen wurden. Bei Gutsche waren schon Vater und Großvater Steiger gewesen. Für ihn war es selbstverständlich, in deren Fußstapfen zu treten, obwohl der Großvater bei einem Unglück in der Zeche Sachsen ums Leben gekommen war – dort, wo auch er später arbeitete. Ein Job unter Tage sei eines der letzten Abenteuer, schwärmt er.

Sein Kumpel Wenthaus hatte eine etwas andere Motivation. Seine Mutter war mit den drei Kindern alleinerziehend. Über seinen Beruf kam die Familie zu einer günstigen Wohnung. Die Bergbaufirmen hätten sich um ihre Mitarbeiter gekümmert und auch Personen angestellt, die nicht so helle oder behindert waren. Diese Fürsorgepflicht vermisse er in der heutigen Wirtschaftswelt.

Anfang November fand in der Pauluskirche mitten in der Fußgängerzone ein ökumenischer Gottesdienst statt unter dem Titel «Danke Kumpel». Die Kirche konnte den Andrang gar nicht bewältigen, noch auf dem Marktplatz standen die Menschen.

Ins «Bergfreie» fällt niemand

Gutsches Knappenverein «Glück auf» wurde 1907 gegründet, um in Not geratenen Bergmännern und ihren Familien beizustehen (Frauen ist die Arbeit unter Tage erst seit 2009 erlaubt). Heutzutage arbeitet sein Verein mit Schulen und Kindergärten zusammen, um die Tradition wachzuhalten. Als 2015 viele Flüchtlinge nach Hamm kamen, wurde kurzerhand eine große Industriehalle auf dem früheren Gelände der Zeche Sachsen als Unterkunft für 600 Personen freigeräumt. Gutsches Knappschaft half selbstverständlich mit.

Das Besondere unter Tage sei die Kameradschaft und die spezielle Sprache. Da könne man nicht einfach zum Regal gehen und Ersatzteile holen, wenn etwas kaputt sei, erzählt Gutsche. Man müsse sich etwas einfallen lassen und sei aufeinander angewiesen. 97% der Kumpel waren in der Gewerkschaft, die für ihre Mitglieder nach der Schließung vergleichsweise gute Pensionspläne erwirkte. So stürzte niemand ins «Bergfreie», wie die Kumpel die drohende Arbeitslosigkeit nennen. Die deutsche Mitbestimmung, die den Arbeitnehmern und Gewerkschaften in großen Firmen viel Einfluss einräumt, hat ihre Wurzeln in den Montanbetrieben.

Nicht mehr konkurrenzfähig

Vor dem Vereinslokal steht eine Lore, gefüllt mit Steinkohle, mit der Aufschrift «Erst stirbt die Zeche, dann die Stadt». Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die deutsche Steinkohle seit den 1970er Jahren international nicht mehr konkurrenzfähig ist. Die Abbaukosten sind mehr als doppelt so hoch wie in anderen Ländern, wo die Steinkohle nicht in über 1000 Metern Tiefe liegt, sondern im Tagebau gefördert werden kann. Ist es da nicht höchste Zeit, dass der subventionierte Abbau am 21. Dezember endet?

Gutsche und Wenthaus sind entschieden anderer Meinung. Erstens seien die Bedingungen, unter denen Menschen in Südamerika, aber auch der Ukraine Kohle abbauten, viel schlechter als hier, sagen sie. Auch besitze die Renaturierung dort nicht denselben Stellenwert. Und zweitens – da gehen sie mit dem Oberbürgermeister einig – leiste die deutsche Kohle einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit. Für über 50 Jahre reichten die Reserven noch.

Jetzt, wo die Technik so fortgeschritten sei, alles aufzugeben, sei unverständlich. Vielmehr hätte der Staat zwei Zechen offen lassen müssen, um das Know-how zu erhalten, finden sie. Das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen jedoch schätzt, dass sich die Subventionen für die Steinkohle über die Jahrzehnte auf über 175 Mrd. € summieren. Das importierte schwarze Gold stammt zudem aus diversen Ländern, so dass das Argument der Versorgungssicherheit wenig stichhaltig scheint.

Trauer – und die Faust im Sack

Die Kinder der beiden Kumpel haben mit dem Bergbau beruflich nichts mehr am Hut. Wenthaus’ drei Töchter haben Diplomingenieurin, Erzieherin und Bürokauffrau gelernt, Gutsches Kinder arbeiten als Biologin und technischer Angestellter. Zur Hochzeit der Tochter schenkte Gutsche dem Paar eine alte Wetterlampe. Mit einer solchen war seinerzeit der Großvater in die Mine eingefahren. Die Flamme zeigte dem Steiger an, wie viel Gas die Luft – bergmännisch das Wetter – enthielt, wann es also gefährlich wurde. Symbolisch reicht Gutsche mit dem Präsent das Licht an die nächste Generation weiter. Die Familie seiner Tochter hat eine kleine Ecke im Wohnzimmer mit der heiligen Barbara und dem Grubenlicht eingerichtet.

Kurz vor Weihnachten wird ein Bergmann der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop dem deutschen Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, das letzte Stück Ruhrkohle in die Hand drücken. Ist dieser 21. Dezember noch etwas Spezielles? Dies werde ein sehr trauriger Moment sein, sagt Gutsche – gleichzeitig machten die Bergmänner die Faust im Sack. Mit der Schließung von Prosper- Haniel werde «schließlich eine ganze Branche weggeschippt», die Deutschland jahrzehntelang geprägt und vorwärtsgebracht habe. Dann heißt es «Schicht im letzten Schacht». Die beiden Kumpel werden aber dafür sorgen, dass sich bergmännische Werte wie Solidarität und Verlässlichkeit durch ihr Engagement weiter vererben.

Hoch