RWI in den Medien

Die Autoindustrie bremst Deutschlands Wirtschaftswachstum

Alle Konjunkturforscher haben ihre Prognosen für 2018 und 2019 gesenkt. Kann die Automobilindustrie ihre Probleme wie den neuen Abgas-Prüfstandard stemmen?

Handelsblatt.com vom 18.12.2018

Die deutsche Wirtschaft könnte zum Jahreswechsel ihre Schwäche hinter sich lassen – eigentlich. Wäre da nicht jene Schlüsselindustrie, auf der seit Jahrzehnten ein Großteil des Reichtums des Landes beruht. „Die Automobilindustrie dämpft die deutsche Konjunktur“, wählt das RWI-Institut als Überschrift für seine neue Konjunkturprognose.

Wie alle anderen Konjunkturforscher in den vergangenen zwei Monaten korrigiert auch das Institut, das der Chef der deutschen Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, leitet, seine Wachstumserwartungen nach unten: In diesem und nächstem Jahr rechnet es nur noch mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um jeweils 1,4 Prozent.

Aus Stärke wird Schwäche. „Ausschlaggebend für unsere Revision ist, dass die Probleme in der Automobilindustrie sich als hartnäckiger erweisen als zunächst erwartet“, sagt RWI-Konjunkturchef Roland Döhrn. Vergangenen Donnerstag hatte auch Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser Zweifel an der Rückkehr dieser Branche zu alter Stärke geäußert. „Die Nachfrage nach Autos hat sich weltweit abgeschwächt“, so Wollmershäuser.

Es ist nach Auffassung der Konjunkturexperten wohl nicht allein das Umstellungsproblem auf den neuen Abgas-Prüfstandard WLTP, das die deutschen Hersteller bis zum 1. September 2018 nicht schafften, aber inzwischen lösen: „Es gibt Zeichen, dass sich der Produktionstrend generell verlangsamt hat, worin sich der Dieselskandal und der sich abzeichnende Übergang zur Elektromobilität widerspiegeln könnten“, sagt Döhrn.

Auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger blickt mit Skepsis auf die Automobilindustrie. „Sie ist ein Unsicherheitsfaktor für die Konjunktur“, sagt er dem Handelsblatt.

Das Ifo-Institut hatte seine Prognose für dieses Jahr auf 1,5 Prozent und die für nächstes Jahr sogar auf 1,1 Prozent gesenkt. Nicht allein wegen der Autoindustrie: Wollmershäuser sieht die deutsche Wirtschaft generell „in einer Phase der Abkühlung“. Das bestätigt an diesem Dienstag einmal mehr der Ifo-Geschäftsklimaindex, der – nach einem Zwischenhoch im August – zum vierten Mal in Folge auf jetzt 101 Punkte gefallen ist.

Die für diesen Frühindikator befragten Manager von 9000 deutschen Unternehmen beurteilen sowohl die aktuelle Geschäftslage als auch die Aussichten schlechter als zuvor – mit Ausnahme der Bauwirtschaft. Die Chefs der Baufirmen bewerten die aktuelle Lage durchweg als gut. Mit Blick auf die nahe Zukunft schwächen sich aber sogar dort die Erwartungen leicht ab. „In diesem Jahr fällt die Bescherung für die deutsche Industrie mager aus“, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Die Prognosen aller Konjunkturforschungsinstitute für nächstes Jahr liegen nunmehr zwischen 1,1 und 1,6 Prozent. Die kühleren Prognosen haben allerdings viel mit dem Wachstumseinbruch im Sommer dieses Jahres zu tun, der offenbar bis zum Jahresende nicht komplett aufgeholt wird. Das abgeschwächte Wachstum geht als „Basiseffekt“ in die Prognosen für 2019 ein.

Wie sehr die Wachstumseuphorie geschwunden ist, zeigt ein Rückblick auf die Dezemberprognosen vor einem Jahr: Höher, weiter, größer. Die Konjunkturforscher überschlugen sich damals mit immer neuen Boom-Erwartungen für 2018. Mindestens 2,1 Prozent, eher aber 2,5 Prozent Wachstum weissagten sie. Das Ifo-Institut traute dem deutschen BIP sogar 2,6 Prozent Zunahme zu. In der Realität wird es 2018 wohl nur um 1,5 Prozent zugelegt haben.

Eine solch starke Abweichung der Prognosen von der Realität ist für sich schon ein Zeichen für eine Konjunkturwende. Solange ein steter Aufschwung (oder ein steter Abschwung) anhält, sind die Vorhersagen der meisten Konjunkturforscher ziemlich zuverlässig. Die Wendepunkte allerdings wurden kaum je zuverlässig vorhergesehen.

Aktuell sprechen die Forscher ganz offen von großen Prognose-Unsicherheiten. Welcher Trend sich wie stark auswirken wird, das weiß aktuell offenbar niemand. Das globale Umfeld sieht der Wirtschaftsweise Peter Bofinger aktuell sogar eher aufgehellt. „Die Geldpolitik bleibt expansiv, die Fiskalpolitik gibt Gas, in China stabilisiert sich das Wachstum, die Öl- und Rohstoffpreise helfen der Wirtschaft“, analysiert er.

Auf der Positiv-Seite sieht er zudem, dass Trump beim Thema Zölle vorsichtiger zu agieren scheine und Italiens Regierung versuche, sich mit der EU-Kommission im Haushaltsstreit zu einigen. Als Schwierigkeit aber laste die Autoindustrie auf der deutschen Konjunktur.

Und: Neben dem sinkenden Ifo-Geschäftsklimaindex stagniere auch die Zahl der offenen Stellen. Für Bofinger ist das ein ziemlich harter Frühindikator, zeigt er doch, ob die Firmen wirklich eine Ausweitung ihres Geschäfts angehen.

Eine Rezession erwarten sämtliche Konjunkturbeobachter bisher zwar nicht, wohl aber eine spürbare Abkühlung. Schlecht einschätzen lässt sich auch der Indikator der sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Weil nun alle erkennen, dass die Wirtschaft schlechter läuft als zuvor erwartet, und ihre Prognosen senken, kann allein das zur Investitionszurückhaltung und geringerer Einstellungsbereitschaft führen. Daraus kann durchaus eine sich verstärkende Abwärtsspirale entstehen.

Denn schaut man allein darauf, dass derzeit die meisten Konjunkturforscher nächstes Jahr eine Wachstumsrate um die 1,5 Prozent erwarten, ist das für eine alternde Gesellschaft wie die deutsche gar nicht schlecht. Käme Deutschland gerade aus einer Rezession heraus, dann würden sich die Auguren vor Aufschwungshoffnungen überschlagen. Aber nach neun Jahren steten Wachstums halten es vermutlich alle für wahrscheinlich, dass auch dieser Boom zu Ende geht – nicht irgendwann, sondern recht bald.

Das RWI warnt deshalb die Politik auch schon jetzt, nicht allzu viel auf den Rekordüberschuss in den öffentlichen Kassen zu geben. Allein schon wegen der Steuersenkungen zum Jahreswechsel dürfte der Überschuss von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialkassen von 56 Milliarden Euro in diesem Jahr bis 2020 auf 30 Milliarden Euro zurückgehen, so das RWI.

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