RWI in den Medien

Tief im Westen

Schmelztiegel, Feuerarbeit, Kreuz über Kohle und Eisen - das Ruhrgebiet lebt, aber nur im Mythos. Nicht nur als montanindustrielles Kraftzentrum Europas ist es längst Geschichte.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.12.2018

Eine Schönheit war das Ruhrgebiet noch nie - aber war seine Wahrnehmung jemals so widersprüchlich wie heute? Das Bild einer Vorzeigeregion für gelungenen technologiebasierten Strukturwandel steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu Wahrnehmungen als einer düsteren, sozial prekären und wirtschaftlich abgehängten Industrielandschaft ohne Zukunft. Nicht zu bestreiten ist nur: Das Ruhrgebiet hat seine Rolle als montanindustrielles Kraftzentrum Europas verloren.

Real ist auch sein zunehmender Zerfall als einheitlicher Wirtschaftsraum. Das Jahr 2018 wird diesen epochalen Einschnitt endgültig besiegeln: Der Steinkohlenbergbau im Revier, der in den vergangenen Jahrzehnten nur durch milliardenschwere Subventionen am Leben gehalten werden konnte, endet am kommenden Freitag mit der Stilllegung der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop. Ebenso steht die Duisburger Stahlzentrale von ThyssenKrupp vor der Schließung. Die verbliebenen Werke werden Bestandteil eines neuen, multinationalen Stahlkonzerns mit Sitz in Amsterdam. Damit endet die Montanhistorie des Ruhrgebiets. Überlebt hat sein Mythos - Anlass genug, eine historische Bilanz zu ziehen.

Das "Ruhrgebiet", also das Gebiet des Regionalverbands Ruhr mit den Städten Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Herne, Mülheim/Ruhr und Oberhausen sowie den umliegenden Kreisen, ist mit etwa 5,1 Millionen Einwohnern auf einer Fläche von 4435 Quadratkilometern der größte Ballungsraum Deutschlands und der fünftgrößte Europas. Sein industrieller Aufstieg im 19. Jahrhundert war kometenhaft. 1899 zog das Ruhrgebiet an der Stahlproduktion Frankreichs vorbei, 1925 überholte es sogar England, das Mutterland der Industrialisierung. Nur wenige Jahrzehnte später brachen die Schlüsselindustrien Kohle und Stahl zusammen. Sie hinterließen neben Altlasten und Arbeitslosigkeit eine auf immer gezeichnete Landschaft. Die Zechenhalden sind mittlerweile weitgehend begrünt, viele ehemalige Industrieruinen präsentieren sich heute als Museen und ziehen in der regelmäßig im Juni stattfindenden Nacht der Industriekultur Hunderttausende Besucher an. Die "Extraschicht" erlaubt es ihnen, mit wehmütiger Begeisterung die Reste von mittlerweile versunkenen, von Feuerarbeit und "Maloche" geprägten Arbeits- und Lebenswelten zu bestaunen, die hier als museale Relikte verwahrt werden.

Der Erste Weltkrieg und seine politischen Folgen hatten den industriellen Aufschwung zunächst gedämpft. Die gewaltsame Niederschlagung der Roten Ruhrarmee im April 1920 durch die Reichswehr unter Generalleutnant Oskar Freiherr von Watter beendete einen Bürgerkrieg, der nach der Novemberrevolution von 1918 und dem Zusammenbruch des sozialen Scheinfriedens der Kaiserzeit das Revier mit einer Welle politischer Gewalt überzogen hatte. In der historischen Rückschau war das Ruhrgebiet damit erstmals als politischer Akteur auf die Bühne der deutschen Geschichte getreten. Zwischen Januar 1923 und Oktober 1924 rückte es im Zuge des Ruhrkampfs abermals in ihren Fokus. Obwohl auf der Londoner Konferenz im Mai 1921 die Reparationsschuld in Höhe von ursprünglich 226 Milliarden Mark sowie einer jährlichen Lieferung von 40 Millionen Tonnen Steinkohle um gut ein Drittel herabgesetzt worden war, hatte Deutschland erklärt, dass die fällige Rate seine Zahlungsfähigkeit überschreite und nur zur Hälfte aufgebracht werden könne. Im Januar 1923 marschierten französische und belgische Truppen in das Ruhrgebiet ein, um die rückständigen Reparationsleistungen durch die Beschlagnahme von Ruhrkohle zu erzwingen. Die deutsche Bevölkerung reagierte auf Frankreichs "Politik der produktiven Pfänder" mit passivem Widerstand und zahllosen Sabotageanschlägen. Abermals eskalierte die politische Gewalt. Erst als im Ruhrgebiet die Lebensmittelversorgung zusammengebrochen war, die Arbeitslosenquote mit fast 90 Prozent ins Unermessliche gestiegen, die Währung zerrüttet und die deutsche Wirtschaft ruiniert war, gab Reichskanzler Stresemann nach. Eine neuerliche Konferenz in London beschloss im August 1924 schließlich die Räumung des Ruhrgebietes, während der gleichzeitig verabschiedete "Dawes-Plan" das Ende der wirtschaftlichen Krise einleitete.

Diese von politischer Polarisierung geprägten Not- und Krisenjahre wurden zu einem zentralen Element der mehrfach gebrochenen regionalen Identität des Ruhrgebiets. Die öffentliche Inszenierung politischer Feindbilder und die Gewaltmetaphorik des Ersten Weltkriegs warfen ebenso wie die politische Propaganda der Dolchstoßlegende, der "Schmach" von Versailles und des Schreckgespenstes des Bolschewismus lange Schatten auf die noch junge Weimarer Republik.

In der Folge des Versailler Vertrages war es zu einer verhängnisvollen Verfestigung der montanindustriellen Monostruktur gekommen. Das Ruhrgebiet kompensierte innerhalb weniger Jahre die Gebietsverluste von Elsass-Lothringen, an der Saar sowie von Teilen Oberschlesiens und verdoppelte seinen Anteil an der deutschen Stahlproduktion auf mehr als 80 Prozent. Die damit verbundenen Risiken wurden deutlich, als die Weltwirtschaftskrise das Ruhrgebiet in seinen Grundfesten erschütterte. Das Jahr 1929 ging mit zahllosen Hungermärschen und Straßenkämpfen als "Vorhölle" der nationalsozialistischen Machtergreifung von 1933 in die Annalen der Geschichte ein. Die Montanindustrie verlor etwa die Hälfte ihrer Wirtschaftskraft, etwa 40 Prozent der Bevölkerung lebten von der "Fürsorge". Industrielle Kreise und die Interessenvertretung der Wirtschaft suchten weniger nach ökonomischen als nach politischen Ursachen. Man fand sie in der "Reparationskrise", obwohl man wusste, dass die Siegermächte in dem im Juni 1929 ausgehandelten "Young-Plan" dem deutschen Wunsch nach Senkung der festgeschriebenen Schuldenlast weit entgegengekommen waren. Auf dem linken Flügel tobte der Kampf zwischen der KPD und den Sozialdemokraten. Letzteren wurde im Ruhrgebiet ein Großteil der Verantwortung für den wirtschaftlichen Niedergang angelastet, die Kommunisten diffamierten sie als "Sozialfaschisten".

Aus den ursprünglich 320 000 Einwohnern des Ruhrgebietes waren mittlerweile etwa 4,2 Millionen geworden. Ein Großteil des Bevölkerungswachstums ging auf Migration zurück; das Revier wurde zum Schmelztiegel, insbesondere durch den massenhaften Zuzug der "Ruhrpolen". Das Ruhrgebiet blieb indes eine riesige Agglomeration von Industriedörfern ohne politische, kulturelle und städtebauliche Zentralität. Es war die Expansion der Zechen und Hüttenwerke, die den Takt der Urbanisierung vorgab. Eine koordinierte Raumordnung und Stadtplanung, die zentrale Aufgabenstellung des 1920 gegründeten Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk (SVR; heute RVR), hielt damit nicht Schritt. Im Gegenteil: Unter dem planerischen Einfluss des SVR entstanden fünf Grüngürtel, die in der Rückschau sogar wesentlich dazu beitrugen, ein Zusammenwachsen als "Stadt" zu verhindern.

Es verwundert nicht, dass es lange keinen einheitlichen Namen gab und man ein wenig umständlich vom "rheinischwestfälischen Industriebezirk" sprach. Das änderte sich erst, als in den späten 1920er Jahren eine Vielzahl von Reportern und Schriftstellern, fasziniert von der "Feuerarbeit", in die Region kamen. Darunter waren Egon Erwin Kisch, Ernst Jünger und Eugen Roth. Sie hinterließen der Nachwelt düstere Reportagen über eine als unheimlich, monströs und zyklopisch wahrgenommene Industrielandschaft. In dieser Zeit entstanden durch die neue Gattung der Arbeiterliteratur aber auch zahllose verklärende literarische Annäherungen. Ihre Exponenten waren Erich Grisar, Paul Zech, später Max von der Grün und die Dortmunder Gruppe 61. 1928 erschien schließlich der großformatige Bildband "Der Gigant an der Ruhr" mit mehr als 300 Aufnahmen bekannter Fotografen wie Erich Angenendt, Adolf Eyermann, Anton Meinholz oder Fritz Mielert, bezeichnenderweise in der Buchreihe "Das Gesicht der Städte". Darin wurden üblicherweise Metropolen wie Paris, Barcelona, Moskau, Peking oder Berlin vorgestellt.

Hans Spethmann, der Autor des Bildbandes, erhob erstmals die politische Forderung nach einer kommunalen Einheit des Ruhrgebiets. Das war kein Zufall, denn es war die Zeit einer zweiten großen Gebietsreform; Kreise wurden aufgelöst und die Großstädte gestärkt, von denen viele, wie Gelsenkirchen (1903) oder Bochum (1904), erst um die Jahrhundertwende entstanden waren. Es war ebenfalls Hans Spethmann, der den Begriff "Ruhrgebiet" verankerte, und zwar durch sein zwischen 1933 und 1938 erschienenes dreibändiges Werk "Das Ruhrgebiet im Wechselspiel von Land und Leuten, Wirtschaft, Technik und Politik". Seine Thesen und Forderungen erhielten während des Dritten Reiches Rückenwind durch Wilhelm Brepohl, der die 1935 gegründete "Forschungsstelle für das Volkstum im Ruhrgebiet" leitete. Das Institut war der nationalsozialistischen Rassenideologie verpflichtet, was noch in Brepohls Werk über das "Ruhrvolk" von 1948 deutlich nachklang.

Spethmanns "Ruhrgebiet" war eine gedankliche Konstruktion, die wenig mit der historischen Realität zu tun hatte. Denn in Wahrheit korrelierte die mangelnde urbane Zentralität mit einer fehlenden gemeinsamen politischen Haltung. Von Beginn an dominierten Partikularinteressen. Immer wieder prallten die Interessengegensätze rivalisierender Großstädte und Industriekonzerne, der sieben Handelskammern, der zwei Provinzialverbände und des Siedlungsverbands aufeinander, so dass wichtige Modernisierungsprojekte verschleppt oder sogar ganz verhindert wurden.

Erinnert sei nur an den mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Weg zur Gründung der Universität in Dortmund, die vor allem an regionalen Konkurrenzen und Eitelkeiten scheiterte. Insbesondere große Verkehrsprojekte wurden zum Kristallisationspunkt divergierender strukturpolitischer Interessen, wie die Querelen um die Rolle des Dortmunder Flughafens beispielhaft belegen. Massive Störfeuer auf unterschiedlichsten politischen Ebenen kamen namentlich aus Essen, wo die Stadt und der SVR ein eigenes Flughafenprojekt verfolgten, "um den gesamten Flugverkehr für Westdeutschland hierhin zu ziehen", wie eine Denkschrift der Stadt Dortmund von 1925 beklagte. 1926 kam gegen erhebliche politische Widerstände eine gesellschaftsrechtliche Assoziation mit der Lufthansa zustande, die fortan den westfälischen Kranich als Signet trug. Mit diesem "Coup" zog man an Essen vorbei und befand sich Ende der 1920er Jahre auf Augenhöhe mit Düsseldorf, bis die Nationalsozialisten Dortmund 1936 durch die Stationierung des Jagdgeschwaders "Horst Wessel" von der zivilen Luftfahrt abschnitten. 1930, als die Weltwirtschaftskrise in Deutschland auf ihren Höhepunkt zusteuerte, erschien mit der Reportage "Schwarzes Revier" des Schriftstellers und Journalisten Heinrich Hauser (1901- 1955) ein weiteres Buch, das mit seiner weiten Verbreitung an der Mythenbildung ebenfalls maßgeblich beteiligt war. Hauser war eine durch die Zeitumstände geprägte, zerrissene Persönlichkeit. Er hatte als Angehöriger des Freikorps Maercker gegen aufständische Arbeiter- und Soldatenräte gekämpft, in einem Duisburger Stahlwerk gearbeitet und sich nach einem Arbeitsunfall als Matrose, Kameramann, Farmer, Holzfäller und Pilot durchgeschlagen. 1926 kam er zur "Frankfurter Zeitung", emigrierte 1938 in die Vereinigten Staaten und kehrte 1948 nach Deutschland zurück, wo er unter anderem als Chefredakteur beim "Stern" tätig war. Hauser stand den idealisierten Vorstellungen Spethmanns sehr nahe und lieferte in den bitteren Krisenjahren dringend benötigte Identifikationsmuster. So schufen Spethmann und Hauser den "Ruhrgebietler", dem die Arbeit "ein stummes Gefühl der Gemeinsamkeit" und "innerlich einen einheitlichen Stempel" aufdrücke. Der Takt der Feuerarbeit riss in diesen romantisierenden Vorstellungen sogar die sozialen Schranken zwischen Arbeitern und Fabrikherren ein: "Die Reichen wohnen hier nicht in Palästen, der Reichtum wirkt nicht aufreizend. Vor allem aber: Der Reichtum arbeitet." Indes waren die Klassengegensätze nirgends ausgeprägter als im Ruhrgebiet, wie die Arbeitskämpfe in der Tradition des großen Bergarbeiterstreiks von 1889 oder des "Ruhreisenstreits" von 1928 belegen, der zur wochenlangen Aussperrung von mehr als 200 000 Stahlarbeitern geführt hatte. Nach 1933 setzten die Nationalsozialisten neue ordnungspolitische Rahmenbedingungen; riesige Arbeitsbeschaffungsprogramme sowie die militärische Aufrüstung setzten starke konjunkturelle Impulse frei. Die neomerkantilistische Autarkiepolitik zehrte die volkswirtschaftliche Substanz immer mehr aus. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sowie nach der Entflechtung und Neuordnung der Ruhrkonzerne brachte die mühsame Wiedergeburt der Montanindustrie Arbeit und Brot. Verstärkt durch das Investitionshilfegesetz und den Korea-Boom, wurde die Montanindustrie zum wirtschaftlichen Motor des Wiederaufbaus in der frühen Bundesrepublik. 1958 zählte das Ruhrgebiet fast 1,1 Millionen Industriebeschäftigte, davon 433 000 im Bergbau und 140 000 in der Eisen- und Stahlindustrie. Die Zechen förderten 115 Millionen Tonnen Steinkohle, und in den Hüttenwerken wurden 22 Millionen Tonnen Rohstahl erschmolzen.

Auf diesem Höhepunkt der montanwirtschaftlichen Blüte legten Heinrich Böll und der Kölner Fotograf Carl-Heinz Hargesheimer (Künstlername Chargesheimer) ihre Reportage "Im Ruhrgebiet" vor, einen ebenfalls großformatigen Text- und Bildband mit 121 zum Teil doppelseitigen Schwarzweißfotografien. Sein Erscheinen löste in den sozialdemokratisch regierten Ruhrgebietsstädten Entsetzen aus. Der langjährige Essener Oberbürgermeister Wilhelm Nieswandt eröffnete den Reigen der Empörung mit einem offenen Brief, dem Gelsenkirchen und Bochum sofort beistimmten: Das Ruhrgebiet werde aus einer "Dreckatmosphäre" gesehen. Es fiel sogar das Wort "Entartung". Der mühsam konstruierte Mythos Ruhrgebiet bekam Risse.

Diese Reaktionen sind aus heutiger Sicht kaum mehr verständlich. Der Böllsche Text hat unbestritten hohe ästhetische Qualität und zollt der industriellen Leistung Respekt und Anerkennung. Es ist spürbar, dass sich Böll intensiv mit dem Thema beschäftigt hat und mit seinen Beschreibungen Spethmann und Hauser eher nah als fern steht: "Entdeckt ist das Ruhrgebiet noch nicht. Es bleibt Mythos oder Begriff und ist doch Heimat, so geliebt wie jede andere Heimat." Vielleicht war es die Metapher von Hephaistos, dem griechischen Gott des Feuers und der Schmiede, von Böll mit dem Bild von giftigen, gelben Flammen und rotem Feuer vermischt, die so verletzten, obwohl diese Bildsprache auch die zeitgenössische Industriemalerei beherrschte, die als Auftragskunst die Sitzungszimmer der Stahlbarone schmückte. Böll rief damit Bilder in Erinnerung, die um die Jahrhundertwende in den hitzigen politischen Debatten im Reichstag immer wieder von Arbeiterführern wie Otto Hue gezeichnet worden waren, um für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen: "Anderthalb Millionen Arbeiter arbeiten dort mit unbeschränkter Arbeitszeit bei einer Hitze im Winter von 40 Grad, im Sommer in der reinsten Hölle. Die Zustände sind geradezu grauenhaft. Feuerbetriebe haben zum Teil 24-stündige Schicht ohne Pausen."

Solche Zustände gehörten - und darauf war man stolz - spätestens nach dem erfolgreichen Kampf für die Montanmitbestimmung, der Vergangenheit an. Unbestritten ist auch die hohe künstlerische Qualität der Fotografien von Chargesheimer. Karl Korn, damals Mitherausgeber und Leiter der Feuilleton- Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, nannte sie "eine kulturpolitische Tat". "Chargesheimer lügt nicht. Er hat den Mut zur Wahrheit . . . Man fühlt sich mit einem Dante der Kamera konfrontiert." Mittlerweile ist Chargesheimer im Ruhrgebiet rehabilitiert; 2014 präsentierte das Essener Ruhr Museum mit großem Erfolg die mittlerweile 56 Jahre alten "Skandalfotos".

Die Dünnhäutigkeit der Ruhrgebietsstädte beruhte aber auch auf düsteren Vorahnungen über die Folgen der heraufziehenden Kohlekrise. Seit 1957 ging das Schreckgespenst "sterbender Städte" um. Man war zwar krisenerfahren im Ruhrgebiet und aus den großen konjunkturellen Einbrüchen von 1857, 1873 und 1929 immer wirtschaftlich gestärkt herausgekommen. Der Niedergang des Bergbaus war aber längst zu einer massiven Strukturkrise geworden. Sie war einerseits Resultat des verstärkten Konkurrenzdrucks durch Importkohle und Erdöl. Andererseits hatte die Politik der subventionierten Kohlepreise im Wiederaufbau verhindert, dass der Ruhrbergbau in einer Zeit enorm wachsenden Energiebedarfs wettbewerbsfähig blieb. Schon ein Jahr nach Erscheinen des Buches von Böll und Chargesheimer zogen am 5. September 1959 nach den ersten Stilllegungsbeschlüssen der Gelsenkirchener Bergwerks AG 120 000 Bergleute mit schwarzen Fahnen zu einer Protestkundgebung der IG Bergbau und Energie auf den Bochumer Husemannplatz, und Oberbürgermeister Fritz Heinemann erklärte Bochum zum "wirtschaftlichen Notstandsgebiet".

Mit dem Kohleanpassungsgesetz vom 14. Juni 1968 wurden schließlich die Weichen für die Sanierung des Ruhrkohlenbergbaus durch Staatshilfe gestellt. In der neuen Einheitsgesellschaft Ruhrkohle AG, einer Art "bad bank" der Montanindustrie, lagerten die Konzerne ihre verlustbringende Bergbausparte aus. Allein zwischen 1997 und 2006 wurden nach dem Subventionsbericht der Bundesregierung jährlich drei Milliarden Euro vom Bund und weitere 500 Millionen Euro vom Land Nordrhein-Westfalen für die Aufrechterhaltung des Steinkohlebergbaus zur Verfügung gestellt.

Zeitversetzt brach die Strukturkrise Mitte der 1970er Jahre auch in der Stahlindustrie aus. Der ökonomische Lehrsatz von der Krise als Kehrseite der wirtschaftlichen Wachstumsdynamik bestätigte sich in Gestalt einer starken Deindustrialisierung. Etwa 470 000 montanindustrielle Arbeitsplätze gingen allein bis zum Jahr 2000 verloren. Inzwischen droht der Totalverlust. Die fortschreitende Globalisierung des Stahlmarktes zwingt die mittlerweile unter dem Dach von ThyssenKrupp vereinigte Stahlindustrie des Ruhrgebiets zum Zusammenschluss mit dem indischen Tata-Konzern.

Vor dem Hintergrund dieses ökonomischen Langzeittrends wirken die spektakulären Selbstinszenierungen des Ruhrgebiets, die die alten Mythen wiederauferstehen lassen, wie mühsame Rekonstruktionen und anachronistische Zerrbilder einer längst untergegangenen Welt. Zu nennen ist an erster Stelle die Internationale Bauausstellung Emscher- Park, die von 1989 bis 1999 mit ihren Renaturierungsprojekten Wiedergutmachung am ökologischen Raubbau vergangener Jahrzehnte verfolgte. Gleichzeitig verankerte sie das Thema "Industriekultur" als Alleinstellungsmerkmal des Ruhrgebiets - jedoch mit einem Überangebot an heute nur noch schwer zu finanzierenden Industriedenkmälern. Es folgte mit "Historama Ruhr 2000" ein großangelegter "Rückblick auf das Industriezeitalter", der von einer 656 Seiten starken Bild- und Textdokumentation begleitet war, die unter dem Titel "Ruhrstadt. Die andere Metropole" den alten Spethmannschen Ruhrstadt-Gedanken wieder wachküsste.

Real ist dagegen das Fortwirken älterer räumlicher Klammern, wie wir sie zum Beispiel in Duisburg mit dem rheinischen oder in Dortmund mit seinem westfälischen Hinterland finden. Das Fortleben älterer Raumstrukturen erklärt auch, dass die Gründung eines eigenen Ruhrbistums im Jahr 1958 mit dem legendären "Ruhrbischof" Franz Hengsbach an der Spitze Fragment geblieben ist. Teile von Essen und Mülheim gehören weiterhin zum Erzbistum Köln, Rheinhausen und die linksrheinischen Gebiete Duisburgs sowie Teile Bottrops zum Bistum Münster, Dortmund und Hagen verblieben im Erzbistum Paderborn. Jüngere Vorschläge, das Bistum Essen aufgrund finanzieller Schwierigkeiten aufzulösen und in die bessergestellten Urbistümer Köln, Münster und Paderborn zurückzuführen, deuten darauf hin, dass auch in der Seelsorge im Revier kein dauerhaftes "Wir-Gefühl" entstanden ist.

Schon 1991 sprach der Wirtschaftshistoriker und spätere Rektor der Ruhr-Universität Bochum Dietmar Petzina nach dem Bedeutungsverlust der Montanindustrie vom Ruhrgebiet als einer "analytischen Fiktion". Zehn Jahre später identifizierte eine Studie von Paul Klemmer, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), durch die Messung von Pendlerströmen neue regionale Arbeitsmarktzentren jenseits des Ruhrgebiets. Die Auflösung des Ruhrgebiets war weiter fortgeschritten. Die letzte Generation von mächtigen Managern der "alten" Ruhrindustrie wie Rudolf von Bennigsen-Foerder (VEBA), Friedhelm Gieske (RWE), Detlev Rohwedder (Hoesch), Klaus Liesen (Ruhrgas), Wilhelm Scheider (Krupp) oder Dieter Spethmann (Thyssen) hatten 1989 den "Initiativkreis Ruhrgebiet" gegründet, um dem sterbenden Wirtschaftsraum neue Impulse zu geben. Mit Erfolg. Auf der Strecke geblieben ist allerdings der Name "Ruhrgebiet", der mittlerweile durch ein schlichtes "Ruhr" ersetzt wurde. Das lässt ebenso tief blicken wie das Auslöschen von traditionellen Firmennamen wie Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks AG (VEBA), Ruhrgas, Stinnes oder des "weißen" Bereiches der Ruhrkohle AG. An ihre Stelle sind die Kunstnamen Eon und Evonik getreten, die alle semantischen Bezüge zum Ruhrgebiet aufgegeben haben.

Die wichtigsten Grundirrtümer in der Mythenbildung namens Ruhrgebiet sind die fehlende urbane Zentralität, die fehlende politische Geschlossenheit sowie die partikularistischen Prägungen der Kommunalpolitik, wodurch zahllose Projekte auf der Strecke geblieben sind. Zu groß waren die Interessengegensätze nicht nur auf der Längsachse Duisburg- Dortmund, sondern auch im vertikalen Raum zwischen Marl und Hagen oder Dorsten und Hattingen. Wichtige neue Industrieansiedlungen wurden durch "Bodensperre" der Montankonzerne verhindert, die über fast ein Drittel der gesamten Gewerbefläche des Ruhrgebiets verfügten und unerwünschte Unternehmen vom Arbeitsmarkt fernhielten. Schon in den 1920er Jahren wurde die Ansiedlung der AEG und Daimler in Essen verhindert. Hinzu kommen Kirchturmdenken und die enge Verflechtung von Betriebsräten und Kommunalpolitik. Zu Beginn der 1960er Jahre scheiterten die Versuche von VW und Schering, im Ruhrgebiet Fuß zu fassen; Ford verhandelte ergebnislos mit Herten, Unna, Dortmund und Hamm und zog schließlich nach Belgien.

Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele mittelständische Unternehmen wurden in ihrer Entwicklung ausgebremst. Das Unternehmen Wilo, ein Familienunternehmen in Dortmund in vierter Generation, ist dafür ein aussagekräftiges Beispiel. Man erhielt in den 1970er Jahren für Erweiterungspläne keine Baugenehmigung und verlagerte Teile der Produktion nach Irland. Mittlerweile haben sich die Verhältnisse grundlegend gewandelt. Wilo, heute mit einem Umsatz von fast 1,5 Milliarden Euro einer der Weltmarktführer in der Pumpenindustrie, investiert am Standort Dortmund mehr als 230 Millionen Euro unter anderem in den Bau einer "smart factory" und den neuen "Wilo- Campus".

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