RWI in den Medien

Das lange Ende der letzten Grubenfahrt

Kohle Die Ära des deutschen Steinkohlebergbaus geht in diesem Monat zu Ende. Begonnen hat das Zechensterben im Ruhrgebiet allerdings schon 1958.

Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe vom 04.12.2018

Das Datum ist mit Bedacht gewählt. Ihren Dauerbetrieb haben die beiden noch verbliebenen deutschen Steinkohlebergwerke Anthrazit im münsterländischen Ibbenbüren und Prosper Haniel in Bottrop/Ruhrgebiet zwar schon im Spätsommer eingestellt, aber in Ibbenbüren wird an diesem Dienstag noch einmal Kohle ans Tageslicht geholt – am Barbaratag, dem Gedenktag zu Ehren der heiligen Barbara von Nikomedia, der Schutzheiligen der Bergleute.

Am 21. Dezember ist dann endgültig Schluss mit dem Steinkohleabbau in Deutschland. Bundespräsident Frank- Walter Steinmeier erhält bei einem Festakt in Bocholt das letzte Stück „schwarzen Goldes“ aus der Hand von Bergleuten und beschließt damit die Ära ganz offiziell.

Andere Branchen in Deutschland, die unteren oder dramatisch geschrumpft sind – von der Uhren- über die Textilindustrie bis zur Unterhaltungselektronik –, haben sich ohne solch ein Requiem verabschiedet – leise, teilweise sehr leise. Das Ruhrgebiet begeht das Ende zwar mit Wehmut, aber voller Stolz. Kein Wunder, denn Kohle und Stahl von Rhein und Ruhr haben die deutsche Wirtschaft im 20. Jahrhundert geprägt, zunächst als Schwerindustrie mit großem Gewicht in der Rüstung, später als treibende Kraft der Metallindustrie mit dem Autobau an der Spitze. „Es geht ein Stück deutscher Geschichte zu Ende“, sagte Harald Sikorski von der Bergbaugewerkschaft IG BCE auf Zeche Zollverein in Essen bei einem der vielen Bürgerfeste in diesem Jahr unter dem Motto „Danke, Kumpel!“. Der Chef seiner Gewerkschaft, Michael Vassiliadis, betonte bei der Gelegenheit, dass der gesamte Personalabbau in der Branche mit einst mehr als 600 000 Beschäftigten ohne Entlassungen bewältigt wurde – ohne „ins Bergfreie“ zu fallen, wie es in der Sprache der Kumpel heißt. „Es ist nur deshalb niemand ins Bergfreie gefallen, weil die Beschäftigten zuvor lautstark den Respekt und die Anerkennung eingefordert haben, die ihnen gebühren“, sagte der 54-Jährige, dessen Vater einst aus Griechenland nach Essen kam und selbst vom Strukturwandel im Bergbau betroffen war. Noch 1997 demonstrierte die Gewerkschaft ihre Macht, als sie 220 000 Menschen für eine fast 100 Kilometer lange Menschenkette im Ruhrgebiet mobilisierte, um – letztlich erfolglos – für den Erhalt des Bergbaus zu demonstrieren. Aber der Abbau wurde dank einer in Nordrhein-Westfalen verankerten Allianz aus den Gewerkschaften, der Kohle- Einheitsgesellschaft Ruhrkohle und der Politik in einer Weise abgefedert, von der andere Branchen nur träumen konnten.

Der Staat, so resümieren die Forscher Philipp Herpich, Hanna Brauers und Pao-Yu Oei vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Branchenanalyse, habe den Kohlebergbau mit 289 bis 331 Milliarden Euro subventioniert. Weil der Begriff Subvention nicht genau definiert ist, kursieren auch andere, etwas niedrigere Zahlen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen kam 2006, ein Jahr vor der Entscheidung über den Zeitplan für das endgültige Aus, auf Subventionen von 128 Milliarden Euro. Alleine für die Ausstiegsphase von 2006 bis 2018 fielen freilich noch einmal 38 Milliarden Euro an. Darin enthalten: ein großzügiges Anpassungsgeld für Kumpel, die mindestens 50 Jahre alt sind und ihren Job durch Zechenstilllegung verlieren. Mit der Schließung der letzten Steinkohlegrube endet eine Talfahrt, die bereits vor 60 Jahren begann. „Bereits seit den fünfziger Jahren“, so schreibt das DIW in einer Untersuchung, „war die Steinkohleförderung in Nordrhein-Westfalen, wie auch in anderen Regionen Deutschlands, nicht mehr wettbewerbsfähig und musste mit erheblichen Subventionen unterstützt werden.“ Ausgelöst wurde die Krise im Frühjahr 1958, zunächst vor allem durch billige Importkohle. Aber auch andere Energieträger wie Gas und Erdöl schoben sich in den nächsten Jahren immer mehr in den Vordergrund, weil sie ebenfalls billiger waren. In den siebziger Jahren trat noch die Atomenergie hinzu, deren Ende in Deutschland aber auch beschlossene Sache ist.

Im Herbst 1958 begann das Zechensterben im Ruhrgebiet mit der Stilllegung des Bergwerks Minden/Ostwestfalen und der Grube Lieselotte in Bochum. In den folgenden Jahren schlossen dann mehr als hundert Bergwerke. Was übrig blieb, wurde 1968 in der Ruhrkohle als Einheitsgesellschaft für 50 Schachtanlagen und 200 000 Beschäftigte zusammengefasst. Ihr Auftrag: die Gewährleistung eines leistungsfähigen Bergbaus. Hierzu diente vor allem ein Vertrag mit der Energiewirtschaft über den Vorrang einheimischer Kohle bei der Verstromung. Die Preisdifferenz zur Importkohle mussten die Stromkunden durch den sogenannten Kohlepfennig ausgleichen. 1994 wurde diese Zahlung vom Bundesverfassungsgericht beanstandet und musste abgeschafft werden.

Gingen in den ersten zehn Jahren der Krise 320 000 Jobs und damit mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze verloren, so wurde die aus öffentlichen Kassen finanzierte Anpassung nach unten danach gebremst. Ein Grund dafür: Fanden die Bergleute in den Zeiten der Hochkonjunktur bis Mitte der sechziger Jahre noch leicht Ersatzjobs, vor allem in der Metallindustrie, so war das nach der Rezession 1966/67 nicht mehr so leicht möglich.

Seit 1964 sprach wirtschaftlich eigentlich nichts mehr für den Steinkohleabbau in Deutschland, denn in diesem Jahr war Importkohle erstmals billiger als das „Grubengold“ aus dem Ruhrgebiet. Und in den Folgejahren ging die Schere immer weiter auseinander. Auf dem Weltmarkt kostet Kohle zwischen 60 und 90 Euro pro Tonne; die bisherige deutsche Förderung ist etwa doppelt so teuer gewesen. Ein weiterer Vergleich lässt den Abbau heimischer Kohle vollends absurd erscheinen: 1989 erreichten die Subventionen mit 7,5 Milliarden Euro ihren Höhepunkt. Verteilt auf die damals knapp 139 000 Mitarbeiter der Branche entsprach das einer Subvention von 54 000 Euro pro Kopf im Jahr. Da die durchschnittlichen Löhne deutlich unter diesem Betrag lagen, hätte die Volkswirtschaft Geld gespart, wenn die Beschäftigten einfach zu Hause geblieben wären.

Das politische Argument der Versorgungssicherheit durch heimische Rohstoffe hat der Kohle aber noch viele Jahre Aufschub gebracht. Auch die Debatte über Risiken der Atomkraft schien der Kohle zeitweilig eine Renaissance bescheren zu können. Nach dem 21. Dezember ist all das Historie.

Hoch