RWI in den Medien

Italien und Deutschland bremsen den Euroraum

Die konjunkturell besten Zeiten sind vorbei - der Welthandel schwächelt. Monatlicher Konjunkturbericht.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 04.12.2018

Die Konjunktur im Euroraum geht schwereren Zeiten entgegen. Das Bruttoinlandsprodukt in den Euroländern ist im dritten Quartal nur um 0,2 Prozent gewachsen, in Deutschland und Italien schrumpfte die Wirtschaft sogar leicht. Die Industrie vermochte die Produktion zuletzt kaum auszuweiten, die Kapazitäten sind etwas schwächer ausgelastet als in den Vorquartalen. Einen Trugschluss sehen Ökonomen dennoch darin, solche Schwächen im fünften Jahr des Aufschwungs als Vorboten für eine Rezession zu lesen. "Der Höhepunkt liegt hinter uns, am Ende ist der Zyklus aber nicht", sagt Reinhard Cluse, Europa- Chefökonom der Schweizer Bank UBS, der F.A.Z.

So mäßig, wie die Lage auf den ersten Blick aussehen mag, ist sie nicht. Der Beschäftigungsaufbau setzt sich fort - die Erwerbstätigenzahl ist im dritten Quartal gegenüber dem Frühjahr von 158 Millionen auf 158,3 Millionen gestiegen, auch die Löhne steigen ordentlich. Das hat das Verbrauchervertrauen gefestigt. Die Fiskalpolitik begünstigt zudem den Konsum in weiten Teilen der Währungsunion. Der Aufschwung geht also erst einmal weiter. "Die konjunkturelle Dynamik hat sich zwar verlangsamt. Das wird aber noch überlagert durch die Sondereffekte, und das ausgerechnet in einem der Schwergewichte im Euroraum - in Deutschland", sagt Stefan Kooths, Konjunkturforscher des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Wie schon die Grippewelle und Arbeitsniederlegungen in den Vorquartalen, hat dort im Sommer ein weiterer Einmalfaktor dem Aufschwung zugesetzt: Autohersteller mussten wegen der Probleme, die Abgastests auf den WLTP-Standard umzustellen, die Produktion deutlich zurückfahren - was auf die Zuliefererindustrie in ganz Europa ausgestrahlt hat. Deutschland wurde damit vom Magneten zum Bremsklotz für den Euroraum: "Das sind ganz wesentlich die minus 0,2 Prozent, die auf das dortige Wachstum durchgeschlagen sind", sagt Roland Döhrn, Konjunkturforscher am rheinisch- westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

Eine zusätzliche Delle könnte hierzulande überdies hinterlassen haben, dass es für die Binnenschifffahrer wegen der niedrigen Pegelstände auf dem Rhein seit Wochen über weite Strecken kein Durchkommen gibt. Der dadurch erschwerte Transport von Heizöl und Benzin dürfte nach Daten des RWI die ohnehin stark steigenden Energiepreise zusätzlich verteuert und das Konsumklima leicht gedämpft haben. Die Chemiekonzerne Corvestro und BASF hatten die Produktion drosseln müssen.

Dass nicht nur solche Sonderfaktoren den Aufschwung in Europa bremsen, sondern die unterliegende konjunkturelle Dynamik auch schwächer geworden ist, ist unbestritten. Denn wirtschaftliche Turbulenzen in den Schwellenländern Türkei und Argentinien, die Zollkonflikte und das allgemein rauhere politische Umfeld haben das Unternehmensvertrauen geschwächt. Mit dem Brexit und dem Haushaltsstreit zwischen Rom und Brüssel bleibt die Stimmung angespannt.

Das Risiko einer Destabilisierung der Währungsunion, das der Streit um den Haushalt im strukturschwachen Italien birgt, wiegt laut Ökonomen besonders schwer. Die Regierung in Rom beabsichtigt, den Stabilitäts- und Wachstumspakt zu verletzen und damit offen Recht zu brechen. "Institutionen funktionieren in Abhängigkeit davon, ob ein Konsens über Regeln besteht, der diese trägt", sagt IfW-Forscher Kooths. Die Lage in Rom könne "auch dazu führen, dass die Geldpolitik länger auf dem Gaspedal bleibt, als man aus Finanzstabilitätsgesichtspunkten für gut heißen könnte", fürchtet Kooths. Zumal sinkende Insolvenzzahlen in Deutschland bereits darauf hindeuteten, dass nicht nachhaltige Strukturen als Folge der lockeren Geldpolitik konserviert werden. Dass die Geldpresse die strukturellen Probleme in Italien löst, gilt als ausgeschlossen: "Kein einziges Problem in Italien ist gelöst worden", gibt RWI-Forscher Döhrn zu bedenken. Angesichts einer hohen strukturellen Arbeitslosigkeit komme das Land dabei um kostenintensive Umschulungsmaßnahmen nicht umhin, sagen die Ökonomen. Kritik an der expansiven Geldpolitik, wonach diese Anreize in Italien verringere, nötige Reformen anzugehen, hält die EZB wohl nicht davon ab, die Zinsen länger niedrig zu halten als bisher angedacht. Mit einer Anhebung des Einlagensatzes rechnet Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, nicht mehr zum November, sondern erst ab März 2020. "Auch dann werden wir aber keinen klassischen Zinserhöhungszyklus sehen", sagt er.

Die Verlangsamung im Welthandel spürt die deutsche Wirtschaft von allen Euroländern am stärksten. Wie in der gesamten Eurozone sind die Exporte in Deutschland zurückgegangen. In den Welthandel braucht das verarbeitende Gewerbe vorerst keine übermäßigen Hoffnungen zu setzen: "Es zeichnet sich zwar kein Einbruch ab, aber ich bin skeptisch, dass da so bald große Impulse kommen", sagt RWI-Forscher Döhrn.

In immer größere Nöte könnte der Mangel an Fachkräften die Unternehmen stürzen. Denn deren Verfügbarkeit stellt für kleine und mittlere Unternehmen nach einer Umfrage der EZB mittlerweile im gesamten Euroraum das drängendste Problem dar. Dieses wird sich in Deutschland durch das stattliche Wirtschaftswachstum in den osteuropäischen Ländern - von rund 4,2 Prozent in diesem Jahr - verschärfen. "Der Zustrom aus dem Osten ist mit dem Boom zurückgegangen", sagt UBS-Chefökonom Cluse. Des Mitarbeiters Freud wird des Unternehmers Leid sein: "Die Reallohnsteigerungen werden daher in den nächsten zwei Jahren deutlicher ausfallen als bisher", sagt Cluse. Ob ein Fachkräftezuwanderungsgesetz den Mangel beheben kann? Ökonomen zweifeln daran.

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