RWI in den Medien

Ich arbeite, aber lebe von 2,66 Euro am Tag!

Vollzeit-Job zum Niedriglohn - und kaum Geld für Essen.

Bild vom 01.12.2018

SO LEBE ICH VON 8O EURO FÜR ESSEN IM MONAT MICHAELA KLAUER KAI WEISE

Millionen Deutsche verdienen Niedriglöhne. In BILD erklärt eine Floristin, wie man von 1500 Euro netto leben kann. Was sie einkauft, worauf sie verzichtet

Hamburg - Vanessa Radtke (27) ist eine von 4,2 Millionen Arbeitnehmern, die Niedriglöhne bekommen. Die Hamburger Floristin erhält 1500 Euro netto in ihrem Vollzeitjob.

Nach Abzug von Kosten wie Miete (650 warm, 50 Quadratmeter), Handy (50 Euro), Auto (200 Euro), Versicherungen (80 Euro) und einigen Nebenkosten bleiben der jungen Frau rund 200 Euro monatlich, um ihren Alltag zu bestreiten (BILD berichtete).

Rund 80 Euro pro Monat gibt sie für Lebensmittel aus - das sind rechnerisch rund 2,66 Euro am Tag!

"Ich kaufe selten Fleisch. Niemals Alkohol, Zigaretten oder Markenprodukte! Aus Süßigkeiten mache ich mir nichts. Ich schaue nach Angeboten. Manchmal kaufe ich dann auf Vorrat", sagt Vanessa zu BILD.

Ihr Essen - mehr als bescheiden: "Morgens esse ich immer eine Scheibe Toast mit Käse. Trinke dazu eine Tasse Kaffee. Über den Tag gibt's Obst und Gemüse. Abends gibt es Nudeln." VANESSAS LEBENSMITTEL-EINKAUF FÜR EINE WOCHE:
2 - 3 Packungen Nudeln à 0,39 Euro = 1,17 Euro
1/2 Packung Käse (12 Scheiben) à 2,29 Euro = 1,14 Euro
1/2 Packung Cappuccino à 2,65 Euro = 1,32 Euro
knapp 1 Liter Milch à 0,65 Euro = 0,65 Euro
1 Packung passierte Tomaten à 0,49 Euro = 0,49 Euro
Obst und Gemüse = ca. 2 - 3 Euro
12,50 Euro für Katzenfutter

Vanessa sagt: "Meine drei Katzen und das Auto sind der einzige Luxus, den ich mir gönne."

Das müssen wir ändern, damit sich Arbeit wieder lohnt!

Berlin - Wozu eigentlich morgens aufstehen?

4,2 Millionen Deutsche arbeiten in Vollzeit für einen sogenannten "Niedriglohn": also monatlich weniger als 1733 Euro brutto (Ost) bzw. 2226 Euro im Westen (BILD berichtete). Für Familien mit Kindern ist das oft nur wenig mehr, als ein Hartz-IV Haushalt zur Verfügung hat (Karte).

DIE SCHATTENSEITE DES DEUTSCHEN JOB-WUNDERS?

Oder auch "Nebenwirkung" eines großzügigen Sozialstaats? "Es ist wichtig, denen, die keine Arbeit haben, wirksam zu helfen, ohne denen, die Arbeit haben, die Botschaft zu senden, ihre Anstrengungen würden sich nicht lohnen", warnt der Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph M. Schmidt.

ABER WAS MÜSSEN WIR ÄNDERN; DAMIT SICH ARBEIT WIRKLICH LOHNT?

Steuern und Abgaben - Wer zum Niedriglohn arbeitet, zahlt in Deutschland keine oder kaum Steuern, ein Single erst ab 1029 Euro/Monat. Steuersenkungen helfen also wenig. Anders bei den Sozialbeiträgen (Rente, Krankenversicherung): "Die treffen Niedriglöhner hart. Statt Wahlgeschenke zu verteilen, wie die Rente mit 63, müssen die Beiträge runter", sagt FDP-Fraktionsvize Christian Dürr (41) zu BILD.

Arbeitsminister Hubertus Heil (46, SPD) will darum volle Sozialbeiträge künftig erst ab 1300 Euro brutto erheben (bisher: 850 Euro) - ohne dass die Rente schrumpft.

Sozialstaat 2018 gibt der Staat fast eine Billion Euro für Soziales aus (u.a. Hartz IV, Rente, Kranken- und Pflegeversicherung). Aber manche Leistungen (z.B. Kindergeld) oder Zuverdienste werden mit den Hartz-Zahlungen verrechnet. "Wir müssen das Sozialsystem vereinfachen und die vielen verschiedenen Sozialleistungen besser aufeinander abstimmen", sagt Clemens Fuest (50), Chef des ifo-Instituts.

Mehr Mindestlohn Zum 1. Januar steigt der gesetzliche Mindestlohn auf 9,19 Euro/ Stunde, aber Vizekanzler Olaf Scholz (60, SPD) fordert die Anhebung auf 12 Euro! Arbeitgeber sagen: Das kostet Jobs, weil Betriebe die hohen Löhne nicht zahlen können.

FAKT IST: Dort, wo nicht die staatliche Mindestlohnkommission, sondern die Tarifpartner ( Arbeitgeber , Gewerkschaften) die Lohnhöhe festlegen, gibt es viel weniger Niedriglöhne. "Die Politik muss dringend eine Reform der Sozialpartnerschaft erzwingen, damit die Arbeit im Niedriglohnbereich wieder über Tarifverträge abgesichert ist", sagt Marcel Fratzscher (47), Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Ausbildung Förderung als Weg aus dem Niedriglohn schlägt Julie Kozack (46) vom Weltwährungsfonds IWF vor: "Einer der Schlüssel für steigende Löhne, vor allem im Dienstleistungs- Sektor, ist Produktivität. Und die kann dadurch erhöht werden, dass mehr in die Ausbildung und Weiterbildung der Arbeitnehmer investiert wird."

Gestern verabschiedete die GroKo ein Gesetz, das Weiterbildungs-Angebote vor allem in kleinen Unternehmen massiv ausweiten soll.

… und so viel haben Hartz-IV Familien

Berlin - Ein schlecht bezahlter Job statt Hartz IV - ab wann lohnt sich das? BILD zeigt (siehe Deutschland- Karte), wie viel Geld Hartz-IV-Familien in Deutschland monatlich zur Verfügung haben. Dazu hat die Bundesagentur für Arbeit für alle deutschen Kreise das Haushalts-Budget (inkl. Miete, Heizung, Zuverdienste) einer Hartz-IV-Familie mit zwei Kindern errechnet: Im Oberallgäu etwa sind dies 1733 Euro/Monat, in Darmstadt- Dieburg 2591 Euro/ Monat. Dies also müssen Arbeitnehmer mindestens netto (ohne Kindergeld) verdienen, damit sie mehr haben.

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