RWI in den Medien

Das rätselhafte Nord-Süd-Gefälle bei Diesel und Benzin

Preise für Rohöl sinken, Sprit wird trotzdem teurer. Die Ölkonzerne verweisen auf Nachschubprobleme. Doch das kann nicht überall stimmen.

DIE WELT vom 28.11.2018

Die Talfahrt der Ölpreise geht weiter: Am Dienstag verbilligte sich ein Barrel (Fass mit 159 Litern) der Nordseesorte Brent um weitere 36 Cent. Ein Trend, der schon seit Wochen anhält. Doch wer nun auf billigeres Benzin hofft, wird enttäuscht. An den Tankstellen kommt praktisch nichts an. "Diese Diskrepanz macht Autofahrer stutzig", sagt Manuel Frondel vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung: "Seit Anfang Oktober befinden sich die Preise für Rohöl im Sinkflug, die Preise für Benzin und Diesel sind seither jedoch gestiegen."

Von der Mineralölwirtschaft wird das Auseinanderklaffen von Rohöl- und Benzinpreisen mit Engpässen bei der Kraftstoffversorgung erklärt. Weil nach der Dürre im Sommer der Rhein weiterhin niedrige Pegelstände hat, können Tankschiffe mit Kraftstoffen etwa aus dem Hafen Rotterdam nicht mehr mit voller Ladung Richtung Süddeutschland schippern. Einige Passagen sind sogar gar nicht mehr passierbar. Erschwerend kommt hinzu, dass eine bedeutende Raffinerie in Süddeutschland nach einem Großbrand als Produzent und regionaler Versorger weitgehend ausfiel.

Das RWI hat sich die Preisentwicklung in seinem "Benzinpreisspiegel" jetzt genauer angeschaut - und ist dabei auf eine Anomalie gestoßen: Auch in Städten wie Hamburg, die von den Lieferengpässen des Rheins überhaupt nicht betroffen sind, steigen die Spritpreise trotz sinkender Ölnotierungen.

Zwar fallen die Differenzen zwischen Benzin- und Rohölpreisen in Hamburg geringer aus als zum Beispiel in Stuttgart, das stark auf die Belieferung durch Binnenschiffe angewiesen ist. Doch warum gibt es überhaupt steigende Benzinpreise in Hamburg? Die Stadt liegt immerhin nicht am Rhein. Es stelle sich schon die Frage, so RWI-Experte Frondel, "ob die Zunahme der Preisdifferenz zwischen Benzin und Rohöl in Hamburg seit Anfang Oktober auch auf Lieferschwierigkeiten zurückzuführen ist". An dem naheliegenden Verdacht, dass norddeutsche Tankstellenbetreiber hier aufs Trittbrett der süddeutschen Knappheitspreise aufspringen wollen, sei allerdings nichts dran, behauptet der Mineralölwirtschaftsverband (MWV). "Angesichts der angespannten Versorgungslage im Westen und Süden Deutschlands werden zunehmend auch Mineralölprodukte wie Benzin, Diesel und Heizöl aus dem Norden auf dem Landweg in die von den Engpässen betroffenen Gebiete transportiert", sagt die Organisation der Mineralölunternehmen: "Das hat eine erhöhte Nachfrage bei weitgehend unveränderter Angebotsmenge zur Folge, was wiederum auch im Norden zu Preissteigerungen geführt hat." Allerdings, so könnte man einwenden: Beim Heizöl ist von hohen Preisen ja auch nichts zu spüren. Der Brennstoff, der von rund sechs Millionen Heizungsbesitzern in Deutschland gekauft wird, wird anders als Benzin und Diesel beständig billiger - Pegelstände hin, Transportkapazitäten her. Ein Widerspruch? Nicht unbedingt, heißt es beim Dachverband Mittelständische Energiewirtschaft Deutschland (MEW). Der Unterschied liege in den Verbrauchsstrukturen: Heizöl wurde im besonders heißen Sommer kaum nachgefragt und musste entsprechend weniger transportiert werden. Regionale Knappheiten wegen niedriger Flusspegelstände seien deshalb bei diesem Brennstoff nicht aufgetreten.

Entsprechend spannend dürfte die Entwicklung in den nächsten Wochen werden: Wenn die Ölheizungsbesitzer jetzt erst zu Beginn der Heizsaison ihre Tanks auffüllen, könnten sich die immer noch niedrigen Pegelstände der schiffbaren Flüsse auch hier noch bemerkbar machen.

Gleichwohl ist mittelfristig an den Zapfsäulen und in den Heizungskellern Entspannung zu erwarten, sagt RWIExperte Frondel voraus: "Sobald die Pegelstände der Flüsse wieder deutlich ansteigen und die Lieferengpässe per Schiff beseitigt sind, sollten die Kraftstoffpreise, wie in der Vergangenheit auch, wieder der Entwicklung des Rohölpreises folgen."

Hoch