RWI in den Medien

Zum Impfen in die Apotheke

Jens Spahn will Apotheken mehr Kompetenzen geben, doch Ärzte protestieren. Dabei wäre das nur der erste Schritt: Experten erwarten, dass Pharmazeuten künftig noch mehr Aufgaben der Hausärzte übernehmen, um die Versorgung auf dem Land zu sichern.

WELT AM SONNTAG vom 25.11.2018

Der Mann, der an diesem Dienstagabend in der Egghölzli Apotheke in Bern steht, ist für Pharmazeutin Diana Walker ein klassischer Fall. Der 35-Jährige ist gerade Vater geworden und will sich zum ersten Mal überhaupt gegen Grippe impfen lassen. Der Büroangestellte wollte dafür allerdings nicht extra einen Termin beim Arzt vereinbaren und geht deshalb lieber nach Feierabend in die Apotheke. In Bern geht das.

Apothekerin Walker führt den Kunden in ein separates Behandlungszimmer und bittet ihn, dort auf einem einfachen Liegestuhl Platz zu nehmen. Dann befragt sie ihn zu Vorerkrankungen und Allergien, blättert sein Impfbuch durch, sieht, dass er bereits vor der Geburt des Kindes die Keuchhustenimpfung aufgefrischt hat und dass Diphtherie, Tetanus und Polio ebenfalls auf dem neuesten Stand sind. Nichts spricht gegen die Grippeimpfung. Nachdem Walker den Patienten über Nebenwirkungen aufgeklärt hat und ihm rät, sich nach der Impfung ein wenig zu schonen, setzt sie die Spritze an. Nach 20 Minuten verlässt der junge Vater geimpft die Apotheke - ohne mit einem Arzt gesprochen zu haben.

Nicht nur in einigen Kantonen der Schweiz, in vielen Ländern können sich Menschen in Apotheken impfen lassen. Umso überraschender ist es, wie heftig die Ärzteschaft jüngst protestierte, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorschlug, auch hierzulande Impfungen in der Apotheke zu erlauben. Die Abwehrhaltung der Mediziner dürfte dafür sorgen, dass aus dem Vorschlag erst einmal nichts wird. Gesundheitsexperten erwarten allerdings, dass sich die medizinische Versorgung in dünn besiedelten ländlichen Regionen künftig nur noch aufrechterhalten lässt, wenn Apotheker und Schwestern die Hausärzte unterstützen - und ihnen viele ärztliche Routinetätigkeiten abnehmen. Impfen wäre nur der Anfang; Experten überlegen bereits heute, welche Aufgaben Ärzte künftig problemlos abgeben könnten.

Schon jetzt ist der Ärztemangel in vielen ländlichen Regionen spürbar. Die Kommunen dort kämpfen zwar um junge Mediziner, bieten mietfreie Praxen, kostenloses Bauland für junge Ärzte und andere Vergünstigungen, um zu verhindern, dass mit dem Ruhestand des ansässigen Landarztes auch seine Praxis schließen muss. Aber trotz solcher Maßnahmen fällt es es schwer, junge Mediziner aufs Land zu locken. Dabei sind gerade die älteren Menschen, die auf dem Land leben, auf ärztliche Versorgung angewiesen. Schließlich ist es für Senioren häufig besonders mühselig, für den Arztbesuch in den nächstgrößeren Ort zu fahren.

Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit beim Wirtschaftsforschungsinstitut RWI, glaubt denn auch, dass der Widerstand der Mediziner gegen die Abgabe von Kompetenzen an Apotheker in den kommenden Jahren bröckeln wird. "Spätestens in fünf Jahren wird man miteinander reden, einfach aus der Not heraus, weil die Kassenärztlichen Vereinigungen es dann nicht mehr schaffen werden, alle ärztlichen Praxen in ländlichen Gebieten zu besetzen", sagt der Gesundheitsökonom. "Dann werden die verbliebenen Ärzte auf dem Land so viele Leute versorgen müssen, dass sie sogar dankbar dafür sein werden, wenn der Apotheker ihnen Arbeit abnimmt."

Dabei geht es nicht nur um Pharmazeuten; auch Schwestern und Pfleger könnten im ländlichen Raum ärztliche Aufgaben übernehmen und so die Hausärzte entlasten. Die Robert-Bosch-Stiftung hat konkrete Vorstellungen: Die Pfleger sollen Patienten untersuchen können, selbst entscheiden, ob der Fall an einen Arzt vermittelt werden muss, Medikamente verschreiben und Bagatellerkrankungen vor Ort versorgen.

Tatsächlich gibt es viele Tätigkeiten, die hierzulande nur dem Arzt erlaubt sind, die aber in anderen Ländern völlig selbstverständlich auch von Nicht-Medizinern übernommen werden. In Kanada beispielsweise gibt es Praxen, in denen nur spezialisierte Pflegekräfte, sogenannte nurse practitioners, arbeiten und die sich um die Diagnose und Behandlung von Alltagserkrankungen kümmern. Auch in den USA kann es vorkommen, dass Patienten zunächst von Schwestern oder Pflegern untersucht und beraten werden. Nur komplexe Fälle werden dann zum Arzt gelassen. Auch Apotheker dürfen anderswo mehr als in Deutschland: In einer Umfrage des Welt-Apothekerverbandes FIP gaben vor zwei Jahren 13 von 45 beteiligten Ländern an, dass Apotheker bei ihnen impfen dürften. Dazu gehören Staaten mit guten Gesundheitssystemen, etwa Australien, Dänemark, Irland, Kanada, Neuseeland und die USA. Gesundheitsökonom Augurzky hat mit Kollegen vom Institute for Health Care Business weltweit Beispiele dafür gesammelt, welche Aufgaben Apotheker hierzulande künftig übernehmen könnten. Die bisher unveröffentlichte Studie "Zukunft der Apotheken" liegt WELT AM SONNTAG vor. Das Spektrum ist breit: In Großbritannien etwa kümmern sich Apotheker auch um Raucherentwöhnung oder Vorsorgeuntersuchungen. In Finnland schulen sie Pflegepersonal und Patienten im Umgang mit bestimmten Medikamenten. In Australien kommen Apotheker auch nach Hause und überprüfen, ob die verschriebenen Medikamente bei chronisch Kranken immer noch die richtigen sind und ob die Betroffenen sie richtig einnehmen.

Apotheker könnten eigenverantwortlich Medikamente austauschen, wenn sie Wechselwirkungen mit anderen Mitteln feststellen, heißt es in einer Studie. Ein wichtiges Aufgabenfeld sehen die Verfasser bei der Unterstützung von Ferndiagnosen über das Internet, die in ländlichen Gebieten wichtiger werden könnten. "Wenn die Telemedizin sich verbreitet, wird es immer wieder Situationen geben, wo der Teledoktor für seine Diagnose vielleicht mal eine Urinprobe oder eine Blutabnahme braucht. Dann wäre es ideal, wenn er den Patienten einfach nach nebenan in die Apotheke schicken könnte", sagt Augurzky. Hierzulande blockiert die Ärzteschaft solche Vorstöße allerdings bisher - in der Regel mit dem Verweis auf eine jahrhundertealte Trennung von Arzt und Apotheker. Tatsächlich hatte erstmals der Stauferkaiser Friedrich II. im Edikt von Salerno von 1231 die Trennung der Berufe Arzt und Apotheker fixiert. Dahinter steht eine begründete Vorsicht: Ärzte sollen nicht daran verdienen, wenn sie dem Patienten viele Medikamente verschreiben.

Mit Blick auf die Kosten lassen auch die Krankenkassen sich nicht von der Idee begeistern, die Aufgabenbereiche zu vermischen. "Was soll der Vorteil daran sein, wenn Apotheker auch ärztliche Leistungen übernehmen?", fragt etwa Thomas Ballast, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse, der größten Kasse hierzulande. "Geld würde das auf keinen Fall sparen; schließlich wollen auch die Apotheker für ihre Leistung bezahlt werden."

Und die Apotheker? Die reißen sich nicht darum, ärztliche Leistungen zu übernehmen. Der Branchenverband ABDA reagierte verhalten auf Spahns Vorschlag. "Wir impfen nicht aus wirtschaftlichen Gründen", sagt auch die Berner Apothekerin Walker. "Wenn man den Zeitaufwand und die Kosten für die erforderliche Aus- und Fortbildung einberechnet, ist diese neue Dienstleistung für uns aktuell noch nicht rentabel." Es gehe darum, dass der Patient sie und ihre Kollegen als medizinisch kompetent wahrnehme. Das hilft wohl beim Umsatz mit frei verkäuflichen Medikamenten - und ist die Bedingung dafür, dass Apotheken erfolgreich weitere medizinische Dienstleistungen übernehmen. Die Egghölzli-Apotheke zumindest ist darauf vorbereitet.

Hoch