RWI in den Medien

Woran die Wachstumskritik krankt

Wachstum ohne Ende: So kann es nicht weitergehen, sagen Kritiker - doch ihre Alternativmodelle haben Mängel.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.11.2018

Die Einschläge kommen näher. Sollte es bis zum Jahr 2050 nicht gelingen, nur noch so viel CO2 auszustoßen wie auch gespeichert werden kann, ist das 1,5- Grad-Ziel nicht mehr zu schaffen. Davor warnt der Weltklimarat. Doch aktuelle Prognosen sehen ganz anders aus. Rohstoffverbrauch und CO2-Ausstoß verdoppeln sich in den kommenden vierzig Jahren, rechnet die Industriestaatenorganisation OECD vor.

Eine andere Baustelle: Der materielle Wohlstand ist in Deutschland heute um ein Vielfaches höher als vor einem halben Jahrhundert. War ein eigener Fernseher in den frühen sechziger Jahren noch ein Luxusgut, hat heute jeder Teenager ein Smartphone in der Hosentasche, mit dem sich Tausende Sender und Serien abrufen lassen. Aber ist die Zufriedenheit der Menschen auch entsprechend in die Höhe geschossen? Die Deutschen sind laut Umfragen zwar ein zufriedenes Volk, zugleich leiden sie aber immer häufiger unter psychischen Erkrankungen. In den Jahren 2005 bis 2016 ist der Anteil der 18- bis 25-Jährigen mit psychischen Krankheiten um 38 Prozent gestiegen, vor allem Depressionen werden häufiger, heißt es im aktuellen Barmer-Ärztereport. Die allgemeine Diagnose: Der steigende Leistungsdruck, sei es am Arbeitsplatz oder im Studium, macht die Menschen krank. Beide Herausforderungen haben eine gemeinsame Wurzel - den in unserem Wirtschaftssystem angelegten Zwang zu einer immer weiter wachsenden Wirtschaftsleistung. Das sagt zumindest eine in vielen Industrieländern nicht mehr zu überhörende Gruppe von Wachstumskritikern. Zu ihnen gehören nicht nur radikale Kapitalismuskritiker und Umweltaktivisten, sondern auch Ökonomen wie der Brite Tim Jackson, Autor des Buches "Prosperity without Growth" (Wohlstand ohne Wachstum) und der deutsche "Postwachstumsforscher" Niko Paech von der Universität Siegen. Viele Studenten und Nachwuchswissenschaftler tummeln sich auf Konferenzen, auf denen Auswege aus dem gesucht werden, was sie "Wachstumszwang" nennen.

Zwei Alternativvorschläge stehen in ihrer Debatte im Mittelpunkt. Der erste firmiert unter dem Schlagwort "Grünes Wachstum". Grob zusammengefasst verbirgt sich dahinter die optimistische Annahme, dass sich Wirtschaftswachstum und Umweltbelastung dauerhaft entkoppeln lassen. Stahlwerke, Autohersteller und Internetkonzerne können dann zwar das Bruttoinlandsprodukt immer weiter befeuern, Rohstoffverbrauch und Treibhausgasemissionen sinken aber trotzdem. Der Schlüssel dafür müssten Innovationen und neue Technologien sein oder der Verzicht auf Schwerindustrie zugunsten von Dienstleistungen.

Verfechter des zweiten Ansatzes (genannt "Degrowth") halten das für utopisch. Sie sind überzeugt, dass wir uns vom Wachstum insgesamt verabschieden müssen, um die Umwelt zu schonen und den Druck zu lindern, immer mehr leisten zu müssen.

Doch wie realistisch sind diese beiden Alternativmodelle? Offenbar sind sie bei weitem nicht so gut durchdacht und praktikabel, wie die Wachstumskritiker behaupten. Beide Vorschläge beruhen auf Kernannahmen, "die sich wissenschaftlich nicht hinreichend begründen beziehungsweise belegen lassen". Zu diesem Ergebnis kommen Forscher des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie sowie des RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Gerade die beiden erstgenannten Institute stehen nicht im Verdacht, Alternativen zum wirtschaftspolitischen Mainstream besonders kritisch gegenüberzustehen. Entsprechend überraschend kommt die Grundsatzkritik aus den eigenen Reihen.

In ihrer ausführlichen Untersuchung, die an diesem Montag bei einer Konferenz in Berlin diskutiert wird, legen die Forscher den Finger in die Wunde. Zum "Grünen Wachstum" schreiben sie, dass es zwar theoretisch möglich sei, Wachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. "Doch bisherige Modellergebnisse demonstrieren nicht, dass dies im zur Verfügung stehenden Zeitraum auch in einem hinreichenden Ausmaß gelingen wird."

Auch gegen die Kernthesen des "Degrowth"-Ansatzes ließen sich "grundsätzliche Einwände" vorbringen. Die Vertreter dieses Modells würden nicht überzeugend erläutern, "ob und insbesondere wie" die Lebensqualität erhalten bleiben könne, wenn das Wirtschaftswachstum je Kopf stark abnimmt. Besonders kritisch sehen die Forscher, dass bislang nur "sehr begrenzt" untersucht worden sei, wie die von den Beiträgen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanzierten Sozialsysteme ohne Wirtschaftswachstum funktionieren können. Was passiert also, wenn die Menschen plötzlich weniger Geld verdienen und im Umlageverfahren die Rentnergeneration nicht mehr finanzieren können?

Für das Rentensystem schlagen die Wachstumskritiker unter anderem vor, das Renteneintrittsalter zu erhöhen oder ein Zeitgutschriftensystem zu schaffen, in dem durch gesellschaftlich sinnvolle Tätigkeiten Ansprüche erworben werden.

Die Forscher urteilen, dass sämtliche Reformideen die Wachstumsabhängigkeit nicht dauerhaft und umfassend auflösen könnten und vor allem zu einer Lastenumverteilung führen. Ähnlich skeptisch fällt das Urteil für die Krankenversicherung aus. Die Forscher belassen es nicht bei der Kritik. Sie plädieren selbst für einen dritten Weg, zwischen "Grünem Wachstum" und gezielter Wirtschaftsschrumpfung. Diese "vorsorgeorientierte Postwachstumsposition" soll eine gesellschaftliche Diskussion und den Forschungsprozess anregen, hoffen die Autoren. Sie verschweigen nicht, dass diese Diskussion in Deutschland schon einmal auf hoher politischer Ebene geführt wurde. Bis zum Jahr 2013 beschäftigte sich eine Enquetekommission des Deutschen Bundestages damit, wie "nachhaltiges Wirtschaften" aussehen sollte - "ohne dass sie hinreichende politische Impulse auslösen konnte", sagt Projektleiter Ulrich Petschow vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung.

Hoch