RWI in den Medien

Visionen für das Rheinische Revier

Die Region zwischen Aachen, Köln und Neuss bereitet sich auf die Zeit nach der Braunkohle vor. Irgendwann soll es Technologieparks, Forschungslabors und eine Seenplatte geben.

WELT AM SONNTAG vom 04.11.2018

Als vor zehn Tagen die sogenannte Kohlekommission in Bergheim tagte, wurde den Mitgliedern ein "Rheinischer Appell" überreicht. In dem Papier betonten die Industrie- und Handelskammern Mittlerer Niederrhein, Aachen und Köln die Bedeutung ihrer rund 300.000 Mitgliedsunternehmen für Wirtschaft und Wohlstand, auch für ganz NRW und Deutschland. "Weil wir mit unseren zahlreichen energieintensiven Unternehmen im Rheinischen Revier von den Beschlüssen der Kommission besonders betroffen sein werden, richten wir unseren Appell an ihre Mitglieder", sagte Michael F. Bayer, Chef der IHK Aachen. Wegen der Braunkohle hätten sich energieintensive Branchen wie die Aluminium-, Papier-, Glas-, Chemie- und Nahrungsmittelindustrie mit rund 93.000 Jobs in der Region angesiedelt. Und diese brauchten auch künftig eine verlässliche Versorgung mit bezahlbarem Strom.

"Wir verstehen uns als Chancenregion", sagt Bayer, der als Experte gehört wurde und dann die Kommission bei einer Busfahrt durch das Rheinische Braunkohlerevier mit ihren rund 9000 direkt in Förderung und Verfeuerung Beschäftigten begleitete. Die Kommission soll der Bundesregierung bis zum Jahresende eine Empfehlung zur Zukunft der Braunkohlereviere in Ostdeutschland und im Westen geben und auch Daten für einen vorzeitigen Ausstieg nennen. Dass mit der Braunkohle früher Schluss sein dürfte, als noch 2016 unter der rotgrünen Landesregierung in Düsseldorf geplant, ist den meisten Akteuren in NRW mittlerweile bewusst. In den betroffenen Regionen macht man sich seit einigen Jahren Gedanken für die Zeit nach der Braunkohle. Diese werden nun angesichts des politischen Drucks verstärkt und konkretisiert. Etwa im Rheinkreis Neuss, wo man beim Düsseldorfer Wirtschaftsministerium ein Sofortprogramm mit Projekten und Maßnahmen angemeldet hat. Auch die Zukunftsagentur Rheinisches Revier, hinter der Kreise, Städte, Kammern und die Bergbaugewerkschaft IG BCE stehen, arbeiten an Szenarien für die Zeit nach der Braunkohle. Einige zentrale Projekte stellen wir im Folgenden vor.

Sonderförderzone
Der Kreis Neuss fordert von Bund und Land die Überführung des Rheinischen Revieres um die Tagebaue Garzweiler, Hambach und Inden in eine Sonderförderzone. Dort soll es etwa Erleichterungen bei der Ausweisung und Entwicklung von Gewerbeflächen geben. Durch die Verkürzung von Verfahren und Planungszeiten sollen Wohn- auch Gewerbegebiete schneller ausgewiesen und realisiert werden. "Wir wollen aktiv zur positiven Gestaltung des Strukturwandels in unserer Region beitragen", sagt Landrat Hans-Jürgen Petrauschke, der auch die digitale Infrastruktur massiv ausbauen will und auf entsprechende Fördermittel setzt. "Wir dürfen keine Zeit verlieren, wenn wir mit dabei sein wollen, wenn die ersten Strukturprogramme starten." Konkret könnte das schon bald um das RWE-Kraftwerk Weisweiler mit 200 Hektar Fläche werden, das mit dem bislang für 2030 geplanten Auslaufen des Tagebaus Inden vom Netz gehen soll. Am Dienstag werden in Weisweiler Überlegungen für ein Industriedrehkreuz vorgestellt, an dem unter anderem die Städte Eschweiler und Stolberg, die Gemeinde Inden, die Städteregion Aachen und der Kreis Düren beteiligt sind. "Nach solchen gut angebundenen Gewerbeflächen gleich an der Autobahn 4 zwischen Aachen und Köln lecken sich doch viele Industrieinvestoren die Finger", sagt Ralph Sterck, Geschäftsführer der Zukunftsagentur Rheinisches Revier. Und in der Tat haben sich dort bereits das Aachener Logistikunternehmen Hammer sowie die Computerfirma QCS angesiedelt, der Kosmetikhersteller Babor hat den Neubau einer Fabrikanlage angekündigt. Ähnliche Pläne gibt es auch beim "Masterplan Rheinisches Sixpack". Hier geht es um die Entwicklung von Bedburg, Bergheim, Elsdorf, Grevenbroich, Jüchen und Rommerskirchen, die kaum über vermarktbare Gewerbeflächen verfügen. Doch das könnte sich ändern, wenn die RWEKraftwerke Neurath und Frimmersdorf bereits ab 2021 vom Netz gehen und ähnlich wie in Weisweiler große Flächen frei werden.

Wissenschaftsparks
In Jülich, wo bereits das 1956 gegründete Forschungszentrum mit mehr als 2000 Wissenschaftlern zu den Bereichen Information, Energie und Bioökonomie forscht, ist auf rund 50 Hektar Fläche ein sogenannter Brainergy Park geplant. Dort sollen nicht nur Unternehmen Platz in der Nähe zur Fachhochschule und dem Forschungszentrum finden, es ist zudem eine Simulationsfläche für das Energiemanagement der Zukunft vorgesehen. Unter dem Arbeitstitel Green Battery Park qualifiziert sich zudem eine Landesentwicklungsfläche in Euskirchen/Weilerswist für die Ansiedlung einer Batteriezellproduktion. Mit der RWTH Aachen, dem Forschungszentrum Jülich und den Unis Köln und Bonn sowie verschiedenen FHs sitze man mitten in einer Wissensregion, sagt Ralph Sterck von der Zukunftsagentur. So könne das Revier zu einer Modellregion für Fragen der Energiewende werden.

Technologie-Campus
In der Kreisstadt Grevenbroich, die sich wegen der vielen RWE-Braunkohlekraftwerke und Tagebaue lange "Bundeshauptstadt der Energie" nannte, will man künftig auf Medizintechnik und Gesundheitswirtschaft setzen. In einem geplanten "Campus Changeneering" soll es um innovative Forschung in den Bereichen Metall, Chemie und Gesundheit gehen. Teil davon ist das Projekt "Alu Valley 4.0". Dahinter steht ein Innovationszentrum, das sich mit dem energieeffizienten Einsatz von Aluminium und seiner verstärkten Anwendung in der Bau-, Verpackungs- und Maschinenbauindustrie sowie im Freizeit- und Designbereich beschäftigen soll. Immerhin gibt es in Neuss und Grevenbroich bereits Hersteller und Verarbeiter von Aluminium, die Pläne sind also nicht allzu utopisch. Für das Projekt wurde bereits ein Förderantrag gestellt. Um den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien geht es beim Innovationspark Jüchen, dort ist einer der größten Windparks an Land geplant. Auf dem Gelände sollen auch zukunftsfähige Speichertechnologien getestet werden.

Der Indesche Ozean
Wenn Inden 2030 als erster der drei Tagebaue geschlossen wird, soll das Areal über Jahre geflutet werden. In der Region träumt man bereits von einem "Indeschen Ozean", von Segelhäfen, Hotels und schicken Wohngebieten. Und in der Tat wird bereits von steigenden Grundstückspreisen entlang der acht Kilometer breiten und zwei Kilometer breiten Grube berichtet. Auch die Tagebaue Garzweiler und Hambach sollen später einmal geflutet werden. Doch damit aus den heutigen Mondlandschaften Freizeitparadiese mit Yachthäfen, Golfplätzen und einer Fahrradroute Kulturlandschaft entstehen, werden wohl viele Milliarden in die Region fließen müssen. Allein in dieser Legislaturperiode plant Berlin für die deutschen Braunkohlereviere Strukturhilfen von 1,5 Milliarden Euro ein. Für Professor Manuel Frondel vom Essener RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung enthalten die Pläne aus dem Rheinischen Revier und dem Kreis Neuss interessante Ansätze, etwa beim Ausbau der verkehrlichen und der digitalen Infrastruktur. "Auch höhere finanzielle Mittel für Forschung und Entwicklung sind generell zu begrüßen", sagt der Ökonom. Allerdings sollte die Errichtung von Campus-Gebieten auf der grünen Wiese, weitab von bestehenden Forschungszentren, überdacht werden. "Und die Förderung des Radtourismus durch die Errichtung einer Route Kulturlandschaft halte ich für ein ebenso teures wie fruchtloses Ansinnen", sagt der RWI-Wissenschaftler.

Hoch