RWI in den Medien

Die deutsche Wirtschaft kommt nicht mehr vom Fleck

Der Welthandel schwächelt, die deutsche Wirtschaft zeigt sich verwundbar. Kapazitätsengpässe bremsen das Wachstum. Der monatliche F.A.Z.-Konjunkturbericht.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.11.2018

Die Furchen, die sich mit jedem protektionistischen Beben auf internationalen Handelswegen stärker bemerkbar machen, und die Unsicherheiten, die daraus für Unternehmen entstehen, bringen den Welthandel aus dem Tritt. Zuletzt hat er im besten Fall stagniert, meldete das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) Essen auf Basis der Daten zum Containerumschlag- Index vom Oktober. Dabei war der globale Handel noch bis Jahresanfang kräftig gestiegen.

Ohne diesen im Rücken hätte die deutsche Wirtschaft 2017 nicht zu einer solchen Hochform auflaufen können, als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 2,2 Prozent zulegte. Nun ebbt der Aufschwung klar ab. Was auch mit den Schwierigkeiten der Autohersteller zu tun hat, die Abgastests für die Zulassung von Neuwagen auf den Standard WLTP umzustellen. Inzwischen rechnen Ökonomen damit, dass die Wirtschaftsleistung als Folge davon im Sommerquartal stagniert oder sogar geschrumpft ist. Noch klarer zeigt sich, dass der lang anhaltende Aufschwung an Grenzen kommt. "Wir sind in der letzten Phase angelangt", sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank, der F.A.Z. Wie im gesamten Euroraum erlebt die Konjunktur hierzulande einen Herbst.

Die Auswirkungen des Handelsstreits machen Unternehmen zunehmend zu schaffen. "Sie führen zu einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums, vor allem in Asien und dort insbesondere in China", sagte kürzlich der Chef des Chemiekonzerns BASF, Martin Brudermüller, als er die für Anleger enttäuschenden Zahlen zum dritten Quartal vorlegte. Klagen über ein schwierigeres Marktumfeld häufen sich. Der Roboterhersteller Kuka erklärte, dass er die Gewinnziele nicht erreichen werde, unter anderem wegen neuer Unwägbarkeiten in China. Die Exporte gingen nach kalender- und saisonbereinigten Zahlen des Statistischen Bundesamts in den Monaten Juli und August um 0,9 Prozent zurück. Frühindikatoren verheißen für die Zukunft wenig Gutes: Die Zahl der Neuaufträge im Export fällt. Die geringere Nachfrage nach deutschen Produkten aus dem Rest der Welt dämpft die Wachstumspotentiale nicht allein. "Angebotsseitige Beschränkungen wie der Fachkräftemangel und technische Engpässe haben im Frühjahr schon gezeigt, dass sich der Aufschwung in der bisherigen Geschwindigkeit nicht fortsetzen kann", sagt Konjunkturforscher Timo Wollmershäuser vom Münchner Ifo-Institut. Nach wie vor liegt die Kapazitätsauslastung in der Industrie mit 87,8 Prozent höher als der Durchschnitt im Euroraum. Die Beschäftigtenzahl ist mit rund 45 Millionen so hoch wie seit der Wiedervereinigung nicht, die Arbeitslosenquote entsprechend auf einem Tiefstand - sie betrug im Oktober noch 4,9 Prozent. Was für die Menschen ein Segen ist, erscheint Personalabteilungen als Fluch: Unternehmen bekommen kaum noch die Fachkräfte, die sie brauchen, um solide zu wachsen.

Damit nicht genug: Weil sich die Automobilbranche schwertat, die Abgasprüfverfahren umzustellen, kam es zu Zulassungsstaus - woraufhin die Produktion in der gesamten Industrie im Juli und August um 1,6 Prozent nachgab. Während viele Deutsche außer Landes waren und sorglos unter der Sonne lagen, setzte der Konjunkturmotor laut Bundesbank wohl vorübergehend aus. Dass die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal voraussichtlich sogar um 0,3 Prozent schrumpfte, teilte das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel am Freitag mit. Sollte tatsächlich das Wachstum des BIP, das in Deutschland im zweiten Quartal mit 0,5 Prozent noch stattlich war, im Sommerquartal geschrumpft sein, wäre das nicht unbedingt dramatisch. Ernstlich beschädigt haben dürfte das den Aufschwung nicht. "Im vierten Quartal sollte sich ein deutlich spürbarer Nachholeffekt realisieren - wenn auch die Stimmung in der Automobilindustrie durch den Diesel-Skandal dann noch getrübt ist", sagt der Chefvolkswirt der DZ Bank, Bielmeier. Deshalb wagen Ökonomen im Wirtschaftsministerium weiter einen positiven Ausblick. Der Zulassungsstau werde sich im Schlussquartal lösen und die Konjunktur damit beschleunigen, heißt es. Geht es allerdings nach den Signalen, die Frühindikatoren im Oktober für die Autohersteller aussendeten, erscheint das unrealistisch: Die Geschäftserwartungen der Branche verschlechterten sich nach einer Ifo-Umfrage zuletzt rapide - der entsprechende Index stürzte im Monatsvergleich um rund 15 Saldenpunkte ab. "Entgegen der Prognose der Bundesregierung erwarte ich da keine starke Erholung mehr", sagt Ifo-Forscher Wollmershäuser. Die Probleme in der Autoindustrie liegen mit der Krise um den Diesel tiefer. "Wir werden eine Verlangsamung der Konjunktur bekommen - alle Frühindikatoren zeigen das an", sagt Wollmershäuser.

Schwarzsehen lässt die Wachstumsdelle aber keinen der Ökonomen. "Der Rückgang ist eben zum Teil auch eine Normalisierung nach einem außergewöhnlich starken Jahr", sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. Wenn sich auch die Wirtschaft schwächer entwickelt als zu Jahresanfang erwartet, wächst sie auf Jahressicht solide. Um 1,7 Prozent werde sie zulegen, prognostizieren die Wirtschaftsforschungsinstitute im Herbstgutachten. Allerdings dürften stärkere Impulse ausbleiben - das Potentialwachstum soll daher in Deutschland wie im Euroraum zum Maß der Dinge werden.

Es bleibt die Binnenwirtschaft, die dem Aufschwung dabei eine zuverlässige Stütze bietet. Das Baugewerbe ist weiter eher positiv gestimmt. Die Aufträge stapeln sich. Die Preise steigen entsprechend. Ungebrochen ist die Kauflaune unter Privatverbrauchern. Der Konsumklimaindex der GfK stagniert zurzeit auf hohem Niveau. Die Konsumausgaben sollen laut Herbstgutachten 2017 um 1,7 Prozent zulegen. Ordentliche Tarifabschlüsse und steigende Nettolohneinkommen - etwa durch die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Krankenkassenbeiträge im kommenden Jahr - dürften begünstigen, dass die Kauflaune über das Jahr hinaus anhält.

Aufschwünge sterben nicht an Altersschwäche - wie das hohe Wachstum der australischen Wirtschaft zeigt. "Es wird darauf ankommen, ob sich die Lage in Italien beruhigt, wie es mit dem Brexit weitergeht und ob der Protektionismus weiter um sich greift", sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, zu seinem im Grundsatz positiven Ausblick. Wie viele ihrer Drohungen Populisten in den Regierungen umsetzen, wie viele Wahlversprechen sie wahrmachen, wird laut Ifo-Forscher Wollmershäuser für die Konjunktur entscheidend sein. "Wenn sich die Risiken auflösen, könnte das entgegengesetzte Impulse geben. Dann könnte der Aufschwung wieder an Tempo gewinnen", sagt er. Je länger die Risiken weiterer politischer Beben aber im Raum stehen, desto gründlicher werden die Unternehmen ihre Geschäftsbeziehungen überdenken.

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