RWI in den Medien

Mit aller Fachkraft voraus

Die einen verweisen ständig auf den Fachkräftemangel in Deutschland. Die anderen argumentieren, es gebe ihn gar nicht. Was stimmt denn nun? Und braucht Deutschland ein Zuwanderungsgesetz für Fachkräfte?

Hannoversche Allgemeine Zeitung Stadtausgabe vom 20.10.2018

Schrödingers Katze ist eines der bekanntesten Gedankenexperimente der modernen Physik. Der Physiker Erwin Schrödinger hat 1935 damit darauf hingewiesen, dass die Gesetze der Quantenmechanik zu absurden Schlussfolgerungen führen, wenn man sie aus der Quanten- in die Alltagswelt überträgt. Schrödinger zeigte am Beispiel einer mit radioaktivem Material und einem Zähler in eine Kiste eingesperrten Katze, dass in der Quantenwelt zwei Zustände, die sich gegenseitig ausschließen, gleichzeitig auftreten können: Die Katze ist quantenmechanisch tot und lebendig zugleich. Ihr Zustand wird nach den Regeln der Quantenmechanik erst dann eindeutig festgelegt, wenn das System mit der Umwelt interagiert - etwa durch einen Blick in die Kiste.

Ähnliches wie für Schrödingers Katze scheint auch für den Fachkräftemangel zu gelten: Es gibt ihn und zugleich gibt es ihn nicht. Es kommt nur darauf an, wen man fragt. Das gewerkschaftsnahe WSI-Institut argumentierte jüngst in einer Analyse, dass es den viel diskutierten Fachkräftemangel weder aktuell gibt noch in der Zukunft geben dürfte. Vielmehr handele es sich dabei lediglich um einen Popanz der Arbeitgeberseite, um Lohnsteigerungen zu begrenzen. Damit wird implizit auch infrage gestellt, ob das derzeit diskutierte Fachkräftezuwanderungsgesetz notwendig ist. Eckpunkte für ein solches Gesetz, das die Möglichkeiten zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte weiter verbessern sollte, hatten die zuständigen Minister Horst Seehofer, Peter Altmaier und Hubertus Heil im August vorgelegt. Mit ihrer Studie hatten die gewerkschaftsnahen Forscher auf zuvor publizierte drastische Zahlen von Arbeitgebern und arbeitgebernahen Forschungsinstituten reagiert. Diese hatten auf das Problem des Fachkräftemangels aufmerksam gemacht und sich damit für ein Fachkräftezuwanderungsgesetz ausgesprochen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag sprach dabei von 1,6 Millionen Stellen, die mangels qualifizierter Bewerber und Bewerberinnen schon heute nicht besetzt werden könnten.

Was spricht nun dafür, dass der Fachkräftemangel von der Arbeitgeberseite, die Lohnsteigerungen fürchtet, zumindest stark übertrieben wird? Zum einen gibt es in der Tat keine verlässlichen Indikatoren, die Fachkräftemangel zweifelsfrei belegen können. Zum anderen ist zumindest auf der Basis des Standardmodells der arbeitsökonomischen Theorie ein Fachkräftemangel kein langfristiges Problem. Denn auf eine hohe Nachfrage nach Arbeitskräften würden die Arbeitgeber mit Lohnsteigerungen reagieren, die wiederum auf das Arbeitskräfteangebot wirken. Die Ausbildung in den entsprechenden Berufen würde rentabler - mit der Folge, dass mehr in den entsprechenden Berufen ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung stünden. Zudem haben zumindest einige Unternehmen die Option, in arbeitssparenden technologischen Fortschritt zu investieren. Damit würde wiederum die Nachfrage nach Arbeitskräften zurückgehen. Im realen Wirtschaftsleben sieht es aber bekanntlich anders aus als im Grundmodell der ökonomischen Theorie. Gerade der Arbeitsmarkt ist weit davon entfernt, ein vollkommener Markt zu sein, in dem Angebot und Nachfrage schnell nach einem Gleichgewicht streben. Vielmehr existieren dort Mobilitäts- und Informationskosten, staatliche Eingriffe, Preisbildungen in Form von Tarifverhandlungen, unternehmensinterne Fairnesserwägungen und weitere Faktoren, die die Lohnkosten und die Geschwindigkeit der Lohnanpassungen beeinflussen. Auch Humankapitalinvestitionen und Investitionen in arbeitssparenden technologischen Fortschritt benötigen vor allem Zeit.

Dies führt dazu, dass sich der Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nur langsam vollzieht. Selbst wenn also langfristig steigende Löhne einen Mangel von Arbeitskräften in bestimmten Berufen korrigieren und sich somit das Fachkräfteproblem durch den Marktmechanismus lösen ließe, spricht viel dafür, dass kurzfristig durch einen Fachkräftemangel erhebliche Kosten entstehen können. Gerade für Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen und die mitunter Aufträge ablehnen müssen, wenn ihnen die entsprechenden Fachkräfte fehlen, bringt die aus der ökonomischen Theorie ableitbare Hoffnung wenig, dass sich langfristig das Problem des Fachkräftemangels durch die Kräfte des Marktes von selbst lösen wird.

Die Frage nach dem Fachkräftemangel ist also gar nicht eindeutig zu beantworten: Wie Schrödingers Katze in der Quantenwelt gibt es ihn und zugleich gibt es ihn nicht - es ist eine Frage der zeitlichen Perspektive und der eingesetzten Messindikatoren. Gleichzeitig bleibt eines aber sehr klar: Ein Fachkräftezuwanderungsgesetz, das die bestehenden und in vielen Teilen bereits jetzt weitreichenden Möglichkeiten der Gewinnung ausländischer Fachkräfte ergänzen und ausbauen würde, sollte die Bundesregierung auf jeden Fall verabschieden. Zum einen wäre ein solches Gesetz, unabhängig davon, ob man nun die Gewerkschaftssicht oder die Argumente der Arbeitgeberseite überzeugender findet, als Vorsichtsmaßnahme zu sehen. Denn der demografische Wandel wird Fachkräfteengpässe früher oder später hervorbringen und verstärken. Zum anderen ist die Angst übertrieben, dass ein solches Fachkräftezuwanderungsgesetz für einheimische Arbeitskräfte erhebliche negative Nebenwirkungen aufweisen könnte. Denn im Vergleich zur Anstellung inländischer Arbeitskräfte ist es für jedes Unternehmen mit erheblich höheren Such- und Einstellungskosten verbunden, ausländische Fachkräfte zu rekrutieren. An diese schließen sich bei erfolgreicher Suche im Ausland noch weitere Integrations-, Ausbildungs- und Organisationskosten an. Für jedes Unternehmen bleibt die Anwerbung aus dem Ausland daher allein aus Kostengründen die Ultima Ratio. Für die Diskussion, ob Deutschland durch ein Fachkräftezuwanderungsgesetz die bestehenden Regelungen ergänzen und nachbessern sollte, ist die Frage, ob es aktuell einen Fachkräftemangel gibt oder nicht, also eher zweitrangig. Selbst wenn man dies - ähnlich wie das Befinden von Schrödingers Katze im quantenmechanischen Zustand - nicht eindeutig klären kann, spricht vieles für und wenig gegen ein solches Gesetz. Denn mittelfristig werden sich Engpässe auf dem Arbeitsmarkt allein durch die demografische Entwicklung ergeben. Die Politik agiert also vorausschauend, wenn sie sich bereits jetzt darauf vorbereitet.

Zitat-Text: Gerade der Arbeitsmarkt ist weit davon entfernt, ein vollkommener Markt zu sein, in dem Angebot und Nachfrage schnell nach einem Gleichgewicht streben.

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