RWI in den Medien

Die Schattenseite der Digitalisierung

Roboter und Vernetzung sollen die Wirtschaft produktiver machen. Ausgerechnet aber in den Fabriken der Maschinenbauer funktioniert das noch nicht. Wie kann das sein?

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.10.2018

Die Fabrik der Zukunft ist menschenleer. In rasantem Tempo montieren Roboterarme Autos, Smartphones und Maschinen. 3D-Drucker füttern die Produktionslinien mit Bauteilen, und weil alles vernetzt ist, gibt es nur noch ein paar menschliche Aufpasser, die notfalls eingreifen. Unter dem Strich stehen viele entlassene Arbeiter - aber auch ein atemberaubendes Produktivitätswachstum, das Wohlstand in Hülle und Fülle für alle ermöglicht.

So versprechen es Unternehmer, Berater und Forscher seit vielen Jahren. Und seit vielen Jahren können sie nicht erklären, warum die deutsche Wirtschaft trotz all dieser technischen Innovationen kaum noch produktiver wird. Ging es in den Jahren 1996 bis 2006 noch jährlich um 1,7 Prozent voran, so wuchs die Produktivität in den zehn Jahren danach im Schnitt nur noch 0,7 Prozent. Im Maschinenbau, einer hochtechnologisierten Branche, die sich zu Recht als "industrieller Leuchtturm" des Landes bezeichnet, sieht es sogar noch schlechter aus. Zwischen 2011 und 2015 ging die Arbeitsproduktivität sogar zurück. Das heißt, je Arbeitsstunde wurde weniger - nicht mehr - produziert. In der Branche, die inzwischen mehr als eine Million Menschen beschäftigt und von einem Rekordgewinn zum nächsten eilt, ist das höchst erstaunlich - und bedenklich. "Die vergleichsweise schwache Produktivitätsentwicklung der Branche im nationalen und internationalen Vergleich ist ein Alarmzeichen für die Branche", sagt Thomas Lindner, der frühere Präsident des Branchenverbandes VDMA und heutige Kuratoriumsvorsitzende der VDMA-nahen Impulsstiftung. Um der rätselhaften Entwicklung auf den Grund zu gehen, hat die Stiftung sie jetzt von zwei renommierten Forschungseinrichtungen untersuchen lassen.

Was das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und das Fraunhofer- Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) zu Tage gefördert haben, stellt einiges von dem auf den Kopf, was bislang in Bezug auf die Digitalisierung in Betrieben als Allgemeingut galt. In der Studie heißt es nüchtern: "Die rasche Verbreitung einer umfassenden, intensiven Digitalisierung in der Produktion des Maschinenbaus trägt aktuell nicht zu Produktivitätsgewinnen bei." Oder anders gesagt: Unternehmen, die Millionen in Roboter, neue Software und Vernetzung investieren, sind Stand jetzt kaum produktiver als Konkurrenten, die einfach weitergemacht haben wie bisher. Eine "äußert umfangreiche Nutzung von Digitalisierungsmaßnahmen im Vergleich zu einem moderaten Einsatz" könne sogar zunächst mit einer niedrigeren Produktivität einhergehen, fassen die Forscher zusammen, die mehrere bestehende Erhebungen ausgewertet und Interviews mit Maschinenbauern geführt haben.

Sind die Hoffnungen, die mit der Digitalisierung und der "Industrie 4.0" verknüpft werden, also einfach nur maßlos überzogen? Bewahrheitet sich die These des amerikanischen Forschers Robert Gordon, der die jüngsten Innovationen schlicht für nicht so großartig hält wie die Dampfmaschine oder die Eisenbahn?

Ganz so weit gehen die Fachleute nicht. Sie begründen den ausgebliebenen Produktivitätsschub damit, dass sich die meisten Unternehmen im untersuchten Zeitraum bis 2016 noch in der Investitionsphase befunden hätten: Neue IT-Abteilungen und Tätigkeitsbereiche (zum Beispiel die Datenauswertung) wurden aufgebaut, Roboter und Softwareanwendungen angeschafft - ohne dass dabei schon entsprechende Vertriebskonzepte und Geschäftsmodelle erschlossen waren. Der große Sprung kann also noch kommen. Ob diejenigen, die schon besonders weit vorgeprescht sind, am Ende die großen Gewinner sind, scheint allerdings nicht ausgemacht. "Inwieweit sich dies jedoch in höheren Produktivitätsgewinnen auszahlen wird, lässt sich auf der aktuellen Datenbasis noch nicht sagen", resümieren die Forscher in der Studie, die bei dem am Dienstag beginnenden Maschinenbaugipfel für Gesprächsstoff sorgen dürfte. Auch die Erwartungen an die vernetzten Maschinen in der "Industrie 4.0" im Maschinenbau dämpfen die Forscher. Weil vieles schon verwirklicht sei und in den Fabriken oft mit der Losgröße 1 und nicht in Serienproduktion gefertigt wird, könne durch den "Einsatz der neuesten Konzepte der digitalen Fabrik" die Produktivität im Maschinenbau nicht mehr so stark gesteigert werden wie in anderen Industriebranchen.

Der Kuratoriumsvorsitzende Lindner bleibt trotzdem optimistisch: "Bislang trägt die Digitalisierung kaum Früchte in Form steigender Umsätze und Gewinne, wir sind da in einer Übergangsphase. Sie ist eine große Wette auf die Zukunft", sagt er. Es werde zwar auch zu Fehlinvestitionen kommen, trotzdem sei die Digitalisierung der richtige Weg. "In vielen Unternehmen sehen wir auch schon Erfolgsgeschichten." Die neuen Erkenntnisse decken sich mit einer im September veröffentlichten Arbeit, an der die beiden "Wirtschaftsweisen" Christoph Schmidt (RWI Essen) und Lars Feld (Walter Eucken Institut Freiburg) beteiligt waren. Auch sie wollten dem "Produktivitätsparadoxon" auf den Grund gehen. Auch sie kommen zu dem Schluss, dass die Informations- und Kommunikationstechnologie die Produktivität bislang nicht entscheidend vorangebracht hat. Das liegt ihrer Meinung nach an einem doppelten Effekt: Die Digitalisierung erhöhe zwar die Wirtschaftsleistung signifikant, sie schaffe aber auch neue Beschäftigung. Für die Produktivität, die beide Größen ins Verhältnis setzt, sei der Effekt entsprechend klein. Dass die deutsche Wirtschaft seit Jahren kaum produktiver wird, begründen Schmidt und Feld vor allem mit den Millionen Arbeitskräften, die seit 2005 hierzulande in Betrieben Fuß gefasst haben. Sie seien im Schnitt nicht so produktiv wie die schon zuvor beschäftigten.

Auch im Maschinenbau gibt es mehrere weitere Gründe, wegen denen die Branche ihren Produktivitätsvorsprung gegenüber der ausländischen Konkurrenz einbüßt. Zum einen gebe es auch im Maschinenbau einen Trend zur Dienstleistung. Maschinen müssen beispielsweise gewartet und repariert werden. Das ist arbeitsintensiv und damit eher hemmend für Produktivitätssteigerungen. Zumal sich viele Unternehmen nicht ausreichend damit befassten, wie sie in diesem Bereich Fortschritte machen können, wie die Forscher kritisch anmerken. Zwei weitere Ursachen sind eher methodischer Natur: Die Preisentwicklung und die darin enthaltenen Qualitätsverbesserungen seien im Maschinenbau nur schwer zu erfassen. Es sei möglich, dass die Produktivitätsentwicklung unterschätzt werde. Zudem erfasse die Wirtschaftsstatistik nur die Aktivitäten in den deutschen Standorten. Baut ein Unternehmen eine hochinnovative Fabrik im Ausland, wird dieser Fortschritt übersehen. "Ein Teil der schwachen Produktivitätsentwicklung lässt sich mit Messschwierigkeiten erklären. Das lindert die Problematik etwas. Aber wir müssen natürlich wachsam sein", fasst Lindner zusammen. Ihren Produktivitätsvorsprung im internationalen Vergleich haben die deutschen Maschinenbauer jedenfalls schon verloren. Mitte der neunziger Jahren lagen sie nach Berechnungen der Forscher weit vor allen wichtigen Wettbewerbern in Europa. 2015 waren die Niederlande, Österreich und Schweden vorbeigezogen.

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