RWI in den Medien

Genialer Querulant

Der Wachstumstheoretiker Paul Romer erhält den Wirtschaftsnobelpreis. Dabei hat er viele Kollegen gegen sich aufgebracht.

DIE WELT vom 09.10.2018

Es war früh am Morgen, draußen war es noch dunkel. Als das Telefon am Montag in New York klingelte, machte sich Paul Romer deshalb nicht die Mühe, an den Apparat zu gehen. Um diese Uhrzeit konnte es nur ein Werbeanruf sein. Er war sauer über die frühmorgendliche Störung. Der Ärger wurde noch größer, als das Telefon kurz darauf ein zweites Mal klingelte. Bevor er sich wieder hinlegen wollte, fiel ihm die Vorwahl des Anrufs auf. Schweden. Das konnte doch nicht?

Als Romer zurückrief, meldete sich am anderen Ende ein Mitarbeiter der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Der entschuldigte sich für die Störung, aber die Nachricht sei recht wichtig: Romer habe nämlich - zusammen mit dem Ökonomen William Nordhaus - den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften gewonnen.

"Ich hatte nicht erwartet, den Preis zu bekommen", sagte Romer nach der Bekanntgabe des Preises. Vermutlich stimmt das sogar, denn der Professor der New York University hatte sich in den vergangenen Jahren mit so ziemlich jedem in seiner Zunft angelegt. Anfang des Jahres musste er seinen Posten als Chefvolkswirt bei der Weltbank räumen, nachdem er den versammelten Ökonomen des Hauses vorgeworfen hatte, ihren Job nicht ordentlich zu machen. Mit anderen Worten: Romer, 62, ist kein einfacher Zeitgenosse, genau genommen ist er ein misanthropischer Freak, ein Querulant - aber eben auch ein ziemlich genialer Volkswissenschaftler.

Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften scheint sich nicht für Romers Charaktereigenschaften zu interessieren. Sie wird ihm den Preis am 10. Dezember verleihen, weil Romer mit seiner sogenannten endogenen Wachstumstheorie die Wohlstandsforschung aus der intellektuellen Sackgasse geführt hatte. In den Jahren bevor Romer mit seiner Doktorarbeit im Jahr 1983 den Grundstein für seine Theorie legte, glaubte der Mainstream der Forscher an die "Grenzen des Wachstums". Romer ignorierte die Meinung seiner Kollegen - und sollte recht behalten. Der Ökonom hatte eine simple, aber neue Erklärung dafür gefunden, warum kapitalistische Volkswirtschaften selbst dann noch kräftig wachsen können, wenn sie schon wohlhabend sind. Bis dahin konnten Ökonomen dauerhaftes Wachstum und Wissensvorsprung nicht richtig erklären. "Vor Romer waren ökonomische Modelle so gestrickt, als ob das menschliche Wissen vom Himmel fiele", sagt Christoph Schmidt, der Vorsitzende der sogenannten Wirtschaftsweisen, zu WELT. "Aber Romer hat zum ersten Mal die relevanten Fragen dazu gestellt: Wie entsteht dieses Wissen in einer Marktwirtschaft? Und welche Bedingungen brauchen Forscher und Entwickler, damit sie Innovationen hervorbringen?" Romer zeigte, dass Länder umso schneller wachsen, je besser ihr Bildungsangebot ist und je besser sie es verstehen, neue Ideen zu fördern und zu schützen. Der Internetboom in den 90er-Jahren bestätigte seine Thesen.

Plötzlich galt er als Vordenker der Volkswirtschaftslehre, er wurde zum Schöpfer der Neuen Wachstumstheorie. Romer war damals ein echter Star. 1997 wählte das US-Magazin "Time" ihn als einzigen Ökonomen zu einem der 25 einflussreichsten Menschen der USA. Nicht wenige spekulierten, den Nobelpreis habe er sicher. Doch dann wurde es plötzlich sehr still um ihn. Er zog sich aus der Wissenschaft zurück, um im Silicon Valley ein Start-up aufzubauen. WELT AM SONNTAG verriet Romer im Juli 2015 in einem seiner ganz seltenen Interviews, warum er sich damals aus der Forschung zurückgezogen hatte. Der Artikel in "Time" sei für ihn der Anfang vom Ende gewesen. "Die Medienaufmerksamkeit machte viele meiner Kollegen neidisch", sagte Romer damals. Er wurde angefeindet, ein Kollege habe sogar das Gerücht in die Welt gesetzt, Romer habe eine PR-Firma engagiert, um Jubelartikel über sich in der Presse zu platzieren. Deswegen habe er sich im Jahr 2000 beleidigt zurückgezogen.

Umso größer war die Überraschung als sich Romer 2015 mit einem lauten Knall zurückmeldete. In der "American Economic Review", dem angesehenen Fachjournal des amerikanischen Ökonomenverbands, schrieb er einen Artikel, der eine hitzige Debatte in den USA auslöste. Denn Romer warf seinen Kollegen unseriöses Arbeiten vor. Sie missbrauchten Mathematik, um unter dem Deckmantel vermeintlich neutraler Modelle ihre wirtschaftspolitischen Dogmen zu vertreten. Romer griff dabei nicht irgendwelche Ökonomen an. Er knöpfte sich keine Geringeren vor als die beiden Nobelpreisträger Robert Lucas und Edward Prescott sowie Starökonom Thomas Piketty. Seiner These gab Romer gleich auch einen Namen: "Mathiness".

Romer empfing WELT AM SONNTAG damals in seinem Büro an der New York University. Er war dort ungefähr ein halbes Jahr zuvor eingezogen, trotzdem saß er noch auf unausgepackten Kisten, es gab weder Bilder an den Wänden noch eine Kaffeemaschine. Romer entschuldigte sich, er habe einfach andere Prioritäten gehabt. Zum Beispiel die, nach der Wachstumstheorie nun auch die gesamte Volkswirtschaftslehre zu revolutionieren. Es sei doch so: Viele Ökonomen missbrauchten die Mathematik, um ihre wissenschaftlichen Papiere unnötig kompliziert zu machen. Damit, so sagte der 62- Jährige damals, "werden Ökonomen zu einer modernen Version mittelalterlicher Priester. Jeder andere ist auf ihre Interpretation der heiligen Texte angewiesen". Leider verhielten sich viele Makroökonomen so, als könnten sie gar nicht falschliegen. "Sie haben aufgehört, Daten zu sammeln, die nicht zu ihren Glaubenssätzen passen. Ihr Dogma steht."

Man kann Romer also nicht vorwerfen, er habe seine Zunft nicht gewarnt. Obwohl Romer angekündigt hatte, auf einen Umsturz aus zu sein, ernannte ihn die Weltbank im Herbst 2016 zum Chefökonomen und Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Entwicklungshilfeinstitution. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die Lage eskalierte. Romer warf seinen Mitarbeitern, allesamt renommierte Volkswirte, vor, sie würden schlechte Arbeit machen, ihre Berichte seien unnötig kompliziert und zuweilen sogar politisch motiviert. Der Weltbank war das dann doch ein bisschen viel der Revolution. Im vergangenen Jahr musste Romer schon die Leitung der volkswirtschaftlichen Abteilung abgeben, im Januar 2018 trat er auch vom Posten des Chefvolkswirts zurück. Wieder gab er dabei übrigens den anderen die Schuld. Seine Entmachtung sei das Ergebnis einer Gerüchtekampagne gegen ihn, schrieb er in einem Blogeintrag. Dem Artikel gab er die Überschrift "Romer schlachtet Babykätzchen."

Es dürfte spannend sein, wie Romer nun mit seinem unerwarteten Erfolg umgehen wird. Zuletzt hatte er sich wunderbar in seiner Rolle des einsamen Sonderlings eingerichtet. Auf die Frage, was er in seiner Freizeit so mache, kann er minutenlang von einer Mathesoftware erzählen, die komplizierte Gleichungen in Grafiken umwandelt. Seit die Kinder ausgezogen sind und die Scheidung mit seiner Frau durch ist, hat er mit dem Thema Sozialleben offenbar weitgehend abgeschlossen. Er wolle sich nur noch der Wissenschaft widmen, erzählte er 2015 in seinem kargen Büro. Mit dem Nobelpreis erhält er jetzt die Chance, dass ihm wieder jemand zuhört.

Hoch