RWI in den Medien

Mehr als Kaffeesatzleserei
Wie sinnvoll sind Konjunkturprognosen?

Die Konjunkturprognose der wichtigsten deutschen Wirtschaftsforscher wirft die Frage nach der Aussagekraft und dem Sinn solcher Vorhersagen auf. Doch das liegt an einem Missverständnis.

ntv vom 29.09.2018

Der Wert von Konjunkturprognosen wird häufig in Zweifel gezogen - meistens mit dem Hinweis darauf, dass sie nur selten eintreffen. Dieser Vorwurf basiert jedoch auf einem Missverständnis: Konjunkturprognosen wie die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, die vergangenen Donnerstag vorgestellt wurde, können und sollen keine exakten Vorhersagen liefern.

Sie treffen Aussagen unter Unsicherheit und auf Basis von zahlreichen Annahmen. Seriöse Konjunkturforscher machen das in ihren Publikationen auch deutlich. Dennoch ist die Öffentlichkeit in der Regel an einer konkreten Prognosezahl interessiert, an der die Forscher später gemessen werden. Mal sind die Abweichungen zur Realität größer und mal kleiner - das allein sagt jedoch noch nichts über die Qualität der Prognose aus.

Doch wozu braucht man überhaupt Konjunkturprognosen? In erster Linie dienen sie als Planungsgrundlage. Viele politische Entscheidungen basieren auf Prognosen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Um einen Haushaltsplan aufzustellen, sind Regierungen zum Beispiel auf realistische Schätzungen zu künftigen Steuereinnahmen angewiesen. Diese hängen wiederum entscheidend vom Wirtschaftswachstum und der Beschäftigungsentwicklung ab. Auch Unternehmen nutzen Konjunkturprognosen für ihre Produktionsplanungen und Investitionsentscheidungen.

Gäbe es keine Konjunkturprognosen, bliebe all diesen Akteuren nur die Möglichkeit, die künftige gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu erraten. Oder sie könnten von der simplen Annahme ausgehen, dass die Wirtschaftsentwicklung im nächsten Jahr so sein wird wie in diesem Jahr. Meistens liegen solche naiven Prognosen aber deutlich schlechter als seriöse

Wie wird das Wetter?

Ein Beispiel: Im Krisenjahr 2009 sank das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 5,6 Prozent. Im Herbst desselben Jahres prognostizierte die Gemeinschaftsdiagnose für 2010 ein Wachstum von 1,2 Prozent. Tatsächlich wuchs die deutsche Wirtschaft dann deutlich stärker, um 4,1 Prozent. Die Prognose lag also um knapp drei Prozentpunkte daneben - ein überdurchschnittlich großer Fehler. Aber immerhin hatten die Experten erkannt, dass die Wirtschaft wieder wachsen würde - und waren damit deutlich näher an der Realität als die Annahme einer konstanten Entwicklung. Die hätte nämlich einen weiteren Rückgang um 5,6 Prozent vorhergesagt und wäre somit um fast zehn Prozentpunkte zu niedrig gewesen. Das hätte Haushaltspläne oder Investitionsentscheidungen in eine völlig falsche Richtung geleitet. Offenbar sind Konjunkturprognosen also doch mehr als Kaffeesatzleserei.

Anders als häufig angenommen sind sie auch nicht das Ergebnis eines einzigen großen Computermodells, in das blind Zahlen eingegeben werden. Die Prognosen entstehen im Zusammenspiel von Expertenwissen und mathematischen Modellen verschiedenster Art. Ausgangspunkt der Prognosen am RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, welche auch in die Gemeinschaftsdiagnose einfließen, ist eine Betrachtung der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung. Dazu werden zahlreiche Kenngrößen herangezogen, etwa der Auftragseingang der Industrie, der Umsatz im Einzelhandel oder Ergebnisse von Umfragen unter Unternehmen. Gemeinsam mit anderen Variablen - zum Beispiel Wetterdaten - werden diese Kenngrößen in mehrere Computermodelle eingespeist. Diese errechnen jeweils eine Einschätzung der aktuellen Wirtschaftslage und der Entwicklung der kommenden Monate.

Für Prognosen über einen längeren Zeitraum braucht es zusätzliche Informationen und Annahmen. Daher stehen am Beginn jeder Prognose eine Auseinandersetzung mit den Plänen der Finanzpolitik, eine Einschätzung der künftigen Geldpolitik und ein Überblick über weltwirtschaftliche Entwicklungen. Diese Vorgaben gehen in Modelle ein, die in der Vergangenheit beobachtete Beziehungen zwischen wirtschaftlichen Größen fortschreiben, und sie bilden die Grundlage für die Konjunktureinschätzung durch Experten. Letztere können - anders als Modelle - auch qualitative Informationen in ihre Prognose einfließen lassen, und sie sind überlegen bei der Abschätzung des Einflusses einmaliger Konstellationen, zum Beispiel den der Einführung der Abwrackprämie für Pkw während der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Lehmans Zusammenbruch war unkalkulierbar

Am Ende gleichen die Konjunkturforscher Modell- und Expertenprognosen so lange ab und modifizieren ihre Prognosen, bis ein konsistentes Bild der Wirtschaft entsteht. Später werden die Prognosen dann mit der Realität verglichen, überprüft und die Modelle - sollten systematische Fehler festgestellt werden - weiterentwickelt.

Dabei darf man nicht vergessen: Obwohl Konjunkturprognosen aufwändig und sorgsam ausgearbeitet werden, bleiben sie Wahrscheinlichkeitsaussagen. Zum einen stehen sie oft schon auf einer unsicheren Datenbasis. Obwohl beispielsweise etwa drei Viertel der deutschen Wirtschaftsleistung im Dienstleistungssektor entstehen, weiß man nur wenig über dessen Produktion - und was man erfährt, wird oft erst mit großer Verzögerung bekannt. Zum anderen hängt eine Prognose umso stärker von Annahmen ab, je länger der Prognosezeitraum wird. Daher nehmen die Prognosefehler auch mit der Länge des Prognosezeitraums zu. Die Gemeinschaftsdiagnose vom Herbst prognostiziert deshalb die wirtschaftliche Entwicklung im folgenden Jahr stets genauer als die vom Frühjahr.

Wenn Prognosen weit daneben liegen, liegt das meist an unvorhergesehenen Ereignissen. Noch einmal ein Beispiel aus der Finanz- und Wirtschaftskrise: Im Herbst 2008 - unmittelbar vor der Pleite von Lehman Brothers - hatte vieles auf eine allmähliche Beruhigung am Immobilienmarkt der USA hingedeutet. Die bis Mitte September 2008 veröffentlichten Prognosen waren daher recht zuversichtlich. Dass ein so großes Bankhaus zusammenbrechen würde, konnte man nicht vorhersehen. Und selbst wenn man mit dessen Probleme vertraut gewesen wäre, man hätte nicht gewusst, wann der Zusammenbruch erfolgt und was er auslösen würde: Das gegenseitige Vertrauen der Banken war so stark beschädigt, dass die Finanzierung größerer Außenhandelsgeschäfte fast unmöglich wurde, was binnen kürzester Zeit zu einem beispiellosen Rückgang des Welthandels um rund 15 Prozent führte. Erfahrungswerte hatte man dazu vorher nicht.

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Aufwändige Prognosen stehen in Konkurrenz zur Annahme, dass alles so wird, wie es war. Wenn es mit der Wirtschaft stetig aufwärts geht, mag diese Prognose bisweilen Recht behalten. In wirtschaftlichen Wechsellagen sind Konjunkturprognosen zwar ungenau, aber naive Prognosen liegen noch weiter daneben. Auch wenn Konjunkturprognosen keine exakten Vorhersagen bieten können, sind sie also nicht wertlos. Sie sind die derzeit beste bekannte Methode, die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung etwas zu reduzieren und eine Planung auf realistischer Grundlage zu ermöglichen.

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