RWI in den Medien

Amerika übertrumpft Deutschland

Amerikas Wirtschaft wächst schneller, hierzulande trüben sich die Aussichten ein. Trumps Steuerreform macht die Industrie neidisch.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.09.2018

Als Donald Trump zu Amerikas Präsidenten gewählt wurde, erklärten ihn Fachleute schon zum Totengräber der amerikanischen Wirtschaft. Knapp zwei Jahre später zeigt sich ein völlig anderes Bild. Trotz Handelskonflikt und Negativschlagzeilen wuchs die amerikanische Wirtschaft im Zeitraum April bis Juni mit einer hochgerechneten Rate von 4,2 Prozent, teilte das Handelsministerium am Donnerstag mit. Die Notenbank Fed hatte kurz zuvor ihre Prognose auf üppige 3,1 Prozent für das Gesamtjahr erhöht. In Deutschland zeigt die Entwicklung in entgegengesetzte Richtung. "Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft verliert an Fahrt", sagte der Konjunkturchef des Essener RWI-Instituts, Roland Döhrn, während der Vorstellung des Herbstgutachtens der führenden Forschungsinstitute. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde in diesem Jahr statt der noch im Frühjahr erwarteten 2,2 nur um 1,7 Prozent wachsen. Für 2019 werden 1,9 Prozent erwartet, für 2020 1,8 Prozent.

Der starke Aufschwung in den Vereinigten Staaten wird vor allem von Trumps Steuersenkungspaket getragen, das ein Volumen von 1,5 Billionen Dollar hat und von dem vor allem Unternehmen profitieren. Auch ein großes staatliches Ausgabenprogramm und die gute Beschäftigungslage sorgen für Wachstum. Internationale Krisen und der schwelende Handelskonflikt werden dadurch nach Ansicht von Volkswirten überkompensiert. Von dem Aufschwung profitieren nicht nur die amerikanischen Unternehmen, sondern auch die deutschen, die jenseits des Atlantiks Geschäfte machen. In Summe betrug das Umsatzwachstum der 50 größten deutschen Unternehmen in den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr 7 Prozent. Das gab die amerikanische Handelskammer in Deutschland, Amcham Germany, am Donnerstag bekannt. Deutsche Unternehmen stehen nunmehr für 366 Milliarden Euro Umsatz in Amerika und beschäftigen dort etwa 650000 Mitarbeiter. Die Automobilindustrie führt die Liste der deutschen Unternehmen in Amerika an. Für Amcham-Vize Frank Riemensperger steht fest: "2017 war ein Hammerjahr." Der Umsatz der 50 größten amerikanischen Unternehmen in Deutschland wuchs langsamer - um rund 3 Prozent auf 170 Milliarden Euro.

Dass es in der Exportnation Deutschland schlechter läuft, liegt nach Ansicht der Konjunkturgutachter nicht in erster Linie an dem Handelskonflikt, der zwar weiter als großes Risiko gilt, sich bislang aber noch kaum in den Zahlen niederschlage. Vielmehr stießen die Unternehmen "an produktionsseitige Engpässe", sagte Ökonom Döhrn. Es fehlten schlicht genügend Mitarbeiter, um weitere Aufträge abzuarbeiten. "Das Arbeitskräfteangebot ist immer weniger in der Lage, die Nachfrage zu befriedigen." Zudem habe die deutsche Autoindustrie nach Ansicht der Wirtschaftsforscher "einen nicht unerheblichen Anteil" daran, dass der Aufschwung sich deutlich verlangsamt. Ursache sei das neue Abgastestverfahren WLTP. Dieses ist aufwendiger und soll den realen Fahrbetrieb besser abbilden. Nicht alle Hersteller kommen damit gut klar, vor allem der Volkswagen-Konzern hatte Schwierigkeiten, seine Fahrzeuge bis zum Stichtag 1. September zu zertifizieren. Im dritten Quartal dürfte das BIP gegenüber dem Vorquartal wohl nur um 0,1 Prozent zugenommen haben, schreiben die Forscher.

Sollte die schwächere Entwicklung anhalten, dürfte in Deutschland der Ruf nach Steuerentlastungen - nach amerikanischem Vorbild - lauter werden. Zumal sich der internationale Steuerwettbewerb ohnehin verschärft. Die britische Premierministerin Theresa May hatte der Wirtschaft ihres Landes am Mittwochabend "die niedrigsten Unternehmensteuern in der G20" versprochen. In Deutschland schauen die Unternehmen neidisch auf die Investitionsbedingungen in Amerika. Industriepräsident Dieter Kempf hatte zu Wochenbeginn die Bundesregierung zum wiederholten Mal aufgefordert, die Steuerbelastung der Unternehmen zu senken. Die derzeitige Steuerpolitik grenze an "unterlassene Hilfeleistung". Von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) gibt es allerdings bisher keinerlei Bestrebungen, die Unternehmensteuern zu senken. Ob die Wahl des Steuerfachmanns Ralph Brinkhaus zum Unionsfraktionschef die Debatte beleben wird, ist nicht absehbar. Für die Jahre 2019 und 2020 sind die Wachstumsaussichten auf beiden Seiten des Atlantiks etwas schwächer. Der Handelskonflikt dürfte dann stärker ins Gewicht fallen. Die Welthandelsorganisation (WTO) rechnet in diesem Jahr nur noch mit einem Wachstum des Welthandels von 3,9 Prozent, wie sie am Donnerstag bekanntgab. Im April hatte die WTO noch ein Plus von 4,4 Prozent in Aussicht gestellt.

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