RWI in den Medien

„Wir leben in einem flüchtigen Paradies"

Wir wiegen uns in falscher Sicherheit und haben uns an Vorurteile gewöhnt: Der Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, lieferte beim Wirtschaftsforum Impulse von RP und IHK eine packende Wirtschaftsanalyse.

Rheinische Post Krefeld vom 26.09.2018

Vielleicht war dies der Satz, der am meisten aufrüttelte: „Wir leben in einem flüchtigen Paradies.“ Gemeint ist die sehr gute Wirtschaftslage Deutschlands und die Aufschwünge in anderen europäischen Volkswirtschaften. Gerade in Deutschland dauert die Wachstumsphase nun schon ein Jahrzehnt an. In einem packenden wirtschaftsanalytischen Vortrag unter der Überschrift „Braucht man einen Neustart für die deutsche Wirtschaftspolitik“? hat der Chef der Wirtschaftsweisen, Prof. Christoph Schmidt, davor gewarnt, die Zeit der Fülle ungenutzt verstreichen zu lassen. So ist der Schuldenabbau Deutschlands trotz sprudelnder Steuereinnahmen tatsächlich sehr gering. „Die relative Staatsverschuldung liegt deutlich über dem Wert von 1990 und deutlich über den Maastricht-Kriterien. Dass sie sich diesen nun langsam annähert, ist angesichts der derzeitigen Wirtschaftslage keine Leistung“, sagte der Experte. Schmidt war Referent beim diesjährigen Wirtschaftsforum „Impulse“, das IHK und Rheinische Post veranstalten. Sein Vortrag war, obwohl dicht und gespickt mit Zahlen, spannend bis zum letzten Wort.

IHK-Präsident Armin te Neues führte vor gut 200 Gästen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ins Thema des Abends ein. Wie in den vergangenen Jahren fand die Veranstaltung in der für solche Anlässe bestens geeigneten Halle von Mercedes Herbrand an der Magdeburger Straße statt: Die lichte Sachlichkeit des Baus passt zum Werkstattcharakter der Impulse-Vorträge, in denen es ja um strittige Themen und kritische Denkanstöße geht. Für Krefeld stellte te Neues Aufbruchstimmung fest. „Die Lust auf einen Neustart ist überall spürbar“, sagte er. Für das Land allerdings warnte er: „Erfolg macht offenbar träge.“ Wachstum sei auch darauf zurückzuführen, dass die deutsche Wirtschaft „gedopt“ sei von einem schwachen Euro und billigem Geld, also von den niedrigen Zinsen der europäischen Zentralbank.

Schmidt stimmte dem zu. Er räumte zudem mit Vorurteilen auf – Vorurteile, die gefährlich sind, weil sie ein falsches Bild der wirtschaftlichen Lage und Ressentiments gegenüber der Marktwirtschaft nähren. Zu den verblüffendsten Passagen seines gut einstündigen Vortrags gehörte das Thema Lohnzurückhaltung: Angeblich, so ist auch auf europäischer Ebene zu hören, ist ja die deutsche Wirtschaft auch deshalb so übermächtig neben anderen Volkswirtschaften, weil hierzulande übergroße Lohnzurückhaltung geübt werde. Die Daten, die Schmidt dazu parat hatte, geben diese These einfach nicht her: „Lohnmoderation ist längst beendet: Die Reallöhne sind zwischen 2011 und 2016 um 0,7 Prozent pro Jahr stärker angestiegen als die Stundenproduktivität.“ Fazit des Wirtschaftswissenschaftlers: „Deutschland büßt an Wettbewerbsfähigkeit ein.“ Die brummende Konjunktur überdeckt das nur.

Auch müsse der Schuldenabbau angesichts der sprudelnden Einnahmen schneller vonstatten gehen. Überhaupt Steuern: Die Abgabenlast im Land sei zu hoch, betonte Schmidt. Die immer mal wieder verteufelte Automatisierung vernichte, aufs Ganze gesehen, ebensowenig Arbeitsplätze wie die Digitalisierung. Vielmehr würden im Zuge von Innovationen und Strukturwandel immer wieder neue Arbeitsplätze aufgebaut und die Grundlage für neuen Wohlstand geschaffen. „Deutschland tut gut daran, Digitalisierung und Strukturwandel zu umarmen“, so Schmidt.

Auch einen beliebten Topos der Linken verwies Schmidt ins Reich der Legende: die angeblich steigende Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Schmidt räumte ein, dass das oberste Prozent der Reichen in der Welt überproportional dazugewonnen habe; dies sei auch kritikwürdig. Aber diese Zugewinne sind Schmidt zufolge eben nicht prägend für die Wohlstandsentwicklung der Welt im Ganzen. Global gebe es vielmehr einen drastischen Rückgang der „absoluten Armut“ (wenn Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen). In Deutschland sei zwar das „Markteinkommen“ (im Sinne von selbstverdientem Geld) der unteren Einkommensgruppen gesunken, doch sei das Nettoeinkommen in diesem Bereich durch sozialstaatliche Umverteilung seit 2005 weitgehend unverändert. Auch die Angstvision von der schrumpfenden Mittelschicht stimme nicht, betonte Schmidt und resümierte: „Glauben Sie nicht all den Leuten, die immer Alarm rufen.“

Der Wirtschaftsweise plädierte dafür, der Marktwirtschaft weiter Raum und Zutrauen zu geben. Langfristig völlig ungelöst ist für Professor Schmidt die Rentenfrage. „Bis 2030 ist die Rente demografiefest, danach nicht mehr“, sagte er. Und er warnte die Politik davor, in Zeiten des Steuerreichtums die strukturellen Ausgaben des Staates zu erhöhen. Heißt: Sobald die Konjunktur nachlässt, steigt die Staatsverschuldung sprunghaft an – mit all den Problemen, die damit verbunden sind.

Hoch