RWI in den Medien

Digitalisierung führt zu mehr Ungleichheit - doch Deutschland ist dafür gewappnet

Focus Money vom 21.09.2018

Die Digitalisierung hat eine janusköpfige Natur: Großen Erwartungen hinsichtlich der Steigerung des materiellen Wohlstands und der Ausweitung individueller Entfaltungsmöglichkeiten stehen Sorgen im Hinblick auf Leistungsdruck und Anpassungserfordernisse gegenüber.

Die Digitalisierung birgt das große Versprechen, dass sie die Basis für die Fortsetzung der erfolgreichen Wirtschaftsgeschichte der vergangenen Jahrhunderte bilden kann. Dabei war der technische Fortschritt einer der zentralen Wohlstandsmotoren, neben einer vertieften internationalen Arbeitsteilung und Spezialisierung durch Handelsöffnung. Allerdings haben technologische Fortschritte im Lauf der Geschichte immer nur im Verbund mit einer breiten Diffusion neuen Wissens zu großem Wirtschafts- und Wohlstandswachstum geführt.

Ihre Anfänge hatte die Digitalisierung zwar bereits vor vielen Jahren in der Computerisierung der Verwaltung und der Robotisierung der Produktion. Dabei kam es übrigens keineswegs zu dem vielfach ausgerufenen Ende der Arbeit: Das geleistete Arbeitsvolumen ist heute auf einem historischen Höchststand. Doch mittlerweile können zunehmend intelligente Objekte ihren Zustand selbständig erkennen, daraus aus eigener Kraft die richtigen Schlussfolgerungen ziehen und ebenso selbständig handeln:

Neue Produkte und maßgeschneiderte Dienstleistungen ermöglichen neue Geschäftsmodelle.

Neue Prozesse und Organisationsformen ermöglichen die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen zu geringeren Kosten.

Assistenzsysteme werden es erlauben, ein längeres Leben mit stärkerer gesellschaftlicher Teilhabe zu verknüpfen.

Das alles macht nicht nur große Hoffnungen auf eine Fortsetzung des Wohlstandswachstums: Aus Sicht der künftigen Generationen von Arbeitnehmern verspricht die digitalisierte Arbeitswelt eine Beteiligung am Arbeitsleben, die sich losgelöst von Raum und Zeit, bei besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf und befreit von körperlichen Einschränkungen vollzieht.

Die Kehrseite der Digitalisierung

Doch es gibt auch eine Kehrseite: Denn die zunehmende Digitalisierung der Arbeitswelt stellt hohe Anforderungen. Die Beschäftigten werden ihre Bildungsinvestitionen anpassen und sich im Verlauf ihres Arbeitslebens immer wieder auf ein gewandeltes Arbeitsumfeld einstellen müssen. Die Politik muss ihnen das auch zutrauen — und zumuten.

Angesichts dieser vielfältigen Veränderungen dürften sich die mit diesen Bildungsinvestitionen verbundenen Markteinkommen ebenfalls stärker auffächern. Deutschland ist allerdings wie kaum eine andere Volkswirtschaft dafür gewappnet, denn das deutsche Steuer- und Transfersystem trennt die Markteinkommen effektiv von den verfügbaren Einkommen. Hohe volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit lässt sich so mit einer im internationalen Vergleich moderaten Ungleichheit der verfügbaren Einkommen verbinden.

Aber Vorsicht: Deutschland wird in einem scharfen internationalen Wettbewerb um Talente stehen. Dies begrenzt die Möglichkeit eines allzu progressiven Systems der Einkommensbesteuerung. Zudem ist es Aufgabe der Politik, Subsidiarität und Solidarität so zu balancieren, dass das, was am Markt erwirtschaftet wird, letztlich für das Ergebnis nach der Umverteilung maßgeblich bleibt.

Die Soziale Marktwirtschaft steht im Ergebnis für individuelle Freiheit und Chancengerechtigkeit. Darum ist es gerade jetzt für die deutsche Politik so wichtig, deren Grundzüge — wie Eigenverantwortung und Wettbewerb — nicht in Frage zu stellen. Sie sollte vielmehr daraus Kraft schöpfen. Dann kann die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte fortgeschrieben werden.

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