RWI in den Medien

Der Bürger ist bei Stromtrassen nur bedingt käuflich

Steigt der Widerstand, gegen den Leitungsbau, wenn Geld fließt? Eine Studie kommt zu verblüffenden Ergebnissen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.09.2018

Als Schlagadern der Energiewende sollen künftig drei Stromautobahnen überschüssigen Windstrom aus Norddeutschland in die südlichen Industriezentren bringen. Weil sich aber allerorts Widerstand gegen solche "Monstertrassen" regt, versucht sich der Bund die Zustimmung von Grundstückeigentümern zu erkaufen. Mit Erfolg? Daran äußern Wissenschaftler des Rheinisch- Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen nun indirekt Zweifel. In einer Studie, die der F.A.Z. vorliegt, kommen sie zu dem Ergebnis, dass Geldzahlungen keineswegs per se die Zustimmung von Anwohnern erhöhen - und sich die erwünschte Wirkung sogar ins Gegenteil verkehren kann.

Hierfür befragte das RWI eine repräsentative Stichprobe von 10 000 Bürgern nach ihrer Meinung zum Bau einer hypothetischen Trasse in ihrer Umgebung. Während einem Drittel der Befragten eine Einmalzahlung von 100, 250 oder 500 Euro in Aussicht gestellt wurde, erfuhr ein weiteres Drittel von Finanzhilfen für die Gemeinde. Dem letzten Drittel teilte man mit, dass weder Anwohner noch Gemeinde Geld erhielten. Das eigentlich zu erwartende Ergebnis, dass die Akzeptanz aus der Bevölkerung mit der Höhe der Geldzahlung steigt, trat überraschenderweise nicht ein. Im Gegenteil: Im Vergleich zur Kontrollgruppe, der kein Geld versprochen wurde, führten Summen von 100 und 250 Euro sogar zu einer signifikant sinkenden Zustimmung. Selbst 500 Euro machten die befragten Bürger weniger weich für den Trassenbau in ihrer Gemeinde, wenn auch in geringem Maße.

Für diese verblüffenden Ergebnisse kann es aus Sicht der Forscher zwei Gründe geben: Zum einen schwinde die Motivation, aus eigenem Antrieb im Sinne des Gemeinwohls zu handeln, wenn Geld fließt. Zum anderen näherten Geldzahlungen die Skepsis, dass es verdeckten Risiken gibt, von denen derlei Zahlungen ablenken sollen. Doch ist damit keineswegs gesagt, dass Bürger sich ihre Zustimmung generell nicht erkaufen ließen, sagt Studienautor Manuel Frondel - möglicherweise sind 100, 250 oder 500 Euro einfach zu wenig. Indiz sei die nicht mehr signifikant sinkende Zustimmung bei 500 Euro. Erst recht nicht zulässig seien in jedem Falle Rückschlüsse auf die Zustimmung bei Eigentumsentschädigungen, sagt Frondel. Hier gehe es nur um das Anreizverhalten von Anwohnern, nicht von Bürgern, durch deren Acker oder Vorgarten Masten gespannt würden. Dass das Bundeswirtschaftsministerium, wie ihm aus verschiedenen Gemeinden zugetragen wurde, die Ergebnisse dafür nutze, die Höhe der Entschädigungen beim Netzausbau niedrig zu gestalten, wertet der Wissenschaftler als "mehrfachen Missbrauch": Weil Entschädigung für Eigentümer und Geldzahlungen für Anwohner unterschiedliche Dinge seien und da völlig offen bleibe, ob höhere finanzielle Anreize die Zustimmung nicht doch erhöhen könnten. Das Ministerium zeigte sich auf Anfrage überrascht. Die Höhe von Entschädigungen werde in 95 Prozent der Fälle über Vereinbarungen zwischen Netzbetreibern und Eigentümern vereinbart. Und die Vielzahl an wissenschaftlichen Arbeiten bewerte man im Einzelnen nicht, so ein Sprecher.

Hoch