RWI in den Medien

Das neue Maß der Dinge

Saubere Luft, hohe Löhne, politische Teilhabe: Was gibt wirklich Auskunft über den Wohlstand eines Landes? Die Kritik am Bruttoinlandsprodukt als traditionellem Gradmesser wird lauter. Aber was taugen die Alternativen?

DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau vom 16.09.2018

Vielleicht wird er als Sommer des Zweifels in die Geschichte eingehen – der Jahrhundertsommer, dessen Tage bald gezählt sind. Felder voll abgestorbener Maispflanzen, ausgetrocknete Bäche, Menschen, die auf der Flucht vor dem Feuer ihre Häuser verlassen müssen: Bilder, die den schwitzenden Deutschen einen kühlen Schauer beigebracht haben. Das prosperierende Land, das persönliche Wohlergehen, die prinzipiell reichlich verfügbaren Möglichkeiten zum Glück schienen mehr denn je verletzlich. Geht es uns wirklich so gut, wie wir es messen? Orientieren wir uns an den richtigen Kennziffern?

Dass der Klimawandel auch ein ökonomisches Problem ist, ist offensichtlich. Dennoch spielen ökologische Fragen bei der Wohlstandsmessung bislang keine große Rolle. Das neue Gewerbegebiet, die breitere Autobahn, das schnellere Internet, die große Forschungsoffensive – all das dient im Zweifel dem einen Ziel: die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als Summe aller produzierten Güter und erbrachten Dienstleistungen. Das Bruttoinlandsprodukt ist die zentrale Maßgröße für die Wirtschaftkraft eines Landes und gilt vielen als der Wohlstandsindikator schlechthin. Aber wie weit reicht seine Aussagekraft tatsächlich? Im Großen und Ganzen gilt zwar: Wächst die Wirtschaft eines Landes, dann werden auch seine Bewohner im Schnitt reicher. Allerdings messen die Wirtschaftsforscher nur den Nutzen, den ein Gut stiftet, nicht den Schaden, den es anrichtet. Wenn beispielsweise infolge des Dieselskandals Autos mit neuer Hardware nachgerüstet würden, stiege das Bruttoinlandsprodukt, obwohl die Gründe dafür schädlich waren. Schon lange reift die Ahnung, dass die Ökonomen mit ihrer Fixierung auf das Bruttoinlandsprodukt schlicht das Falsche messen könnten. Doch Politiker, die sich ernsthaft an alternativen Wohlstandsindikatoren orientieren möchten, findet man höchstens bei Teilen der Grünen. Denn für die Zusammensetzung und Gewichtung der neuen Indikatoren gibt es im Gegensatz zum Bruttoinlandsprodukt keine klaren Regeln. Schon gar nicht solche, die international standardisiert sind, sodass Werte einzelner Länder gut miteinander verglichen werden können.

Trotzdem existieren vielversprechende Ansätze, sagt Uwe Schneidewind, Chef des Instituts für Klima, Umwelt, Energie in Wuppertal. Zum Beispiel den von Wissenschaftlern in Heidelberg und Berlin erdachten Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI), der das Bruttoinlandsprodukt um Faktoren wie Einkommensverteilung oder Ressourcenverbrauch ergänzt. Insgesamt umfasst er 20 Komponenten, deren Wert einzeln ermittelt wird und mit unterschiedlicher Gewichtung in den Index einfließt. Stellt man die Entwicklung des Wohlfahrtsindex und des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland gegenüber, wird schnell deutlich: Während das BIP seit den 90er-Jahren um mehr als 30 Prozent gestiegen ist, wuchs der als NWI gemessene Wohlstand nur um rund drei Prozent. Seit 2005 stagniert er auf dem Niveau von 1991.

Am Wuppertaler Institut sind alternative Modelle sogar auf einzelne Städte heruntergebrochen worden. Ziel sei, Ministerpräsidenten oder Bürgermeister daran zu messen, dass sie Wählern nicht einfach nur mehr Konsum verschafften, sondern mehr von dem, was gutes Leben in seiner Breite ausmacht. „Überall auf der Welt möchten sich die Menschen gerne gesund ernähren, im Grünen aufhalten und in Kontakt miteinander sein. Ökonomen sind oft blind für diese Aspekte der menschlichen Existenz“, sagt der Betriebswirt Schneidewind.

Die Debatte um das Bruttoinlandsprodukt hat Tradition. Schon in den 90er- Jahren sahen renommierte Wirtschaftsprofessoren und Nobelpreisträger wie Joseph Stiglitz und Amartya Sen das Bruttoinlandsprodukt als wenig geeignet für die Messung von Lebensqualität. Der Bericht „Grenzen des Wachstums“ des fast vergessenen Club of Rome hat bereits 1972 gezeigt, dass die Menschheit sehenden Auges in ihr Verderben rennt, wenn sie die Erde einfach ausplündert.

Die internationale Finanzkrise vor zehn Jahren gab den Bemühungen neuen Schub. Im Auftrag der französischen Regierung unter dem konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy dachte die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission 2008/2009 über die korrekte Wohlstandsmessung nach. Pressestimmen behaupteten, das sei deshalb geschehen, weil Frankreichs tatsächliche Wachstumsraten zu wünschen übrig ließen: Eine Änderung der Berechnungsgrundlage sei da höchst willkommen.

In Deutschland bekam den Auftrag erst der Sachverständigenrat, dann eine Enquete-Kommission – paritätisch besetzt mit Wissenschaftlern und Politikern aller Fraktionen. „Die Wirtschafts- und Finanzkrise hatte alle ins Grübeln gebracht. Mancher wollte wohl auch politisches Kapital daraus schlagen“, erzählt der Kölner Wirtschaftsprofessor Marc Oliver Bettzüge, damals Mitglied der Kommission.

Der 850-seitige Schlussbericht präsentierte 2013 auch neue Indikatoren als Alternative zum Bruttoinlandsprodukt. Sie sollten die drei Bereiche Materieller Wohlstand, Soziales und Teilhabe sowie Ökologie abdecken. Christoph Schmidt, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung RWI und ebenfalls Kommissionsmitglied, sieht in einer alternativen Wohlstandsmessung große Chancen: „Wie ein Armaturenbrett im Auto dient ein Indikatorensystem dazu, einen Überblick der relevanten Informationen zu vermitteln. Richtet unsere Gesellschaft ihren Blick auf alle Instrumente dieses Armaturenbretts und nicht auf ein einzelnes Messinstrument wie das Bruttoinlandsprodukt, dann können wir einfach besser navigieren.“ Ein Indikatorensystem sage von sich aus zwar nichts über Ursachen und Lösungsmöglichkeiten aus, sagt der Volkswirt. Es könne aber signalisieren, wo Handlungsbedarf besteht.

Trotzdem wurden die herausgearbeiteten Ziele seither nicht aufgegriffen. Nach den Bundestagswahlen und dem Regierungswechsel 2013 löste sich die Kommission auf. Kai Carstensen, damals Wirtschaftsforscher am Münchner Ifo-Institut, heute Professor an der Universität Kiel, sagt: „Der Leidensdruck ist wohl nicht hoch genug.“ Das Thema sei „nicht so griffig“ und „nicht wirklich sexy“. Alle ahnten wohl: „Es gibt nicht den einen Indikator, der uns sagt, es geht uns gut.“

Carstensen will das Bruttoinlandsprodukt „nicht kleinreden“ und bricht eine Lanze für das Wirtschaftswachstum: „Die Wirtschaft wächst, weil die Leute innovativ sind. Würde man Wohlstand und Wachstum entkoppeln, müsste man den Menschen verbieten, neugierig zu sein, über bessere Lösungen nachzudenken und damit Geld zu verdienen.“ Dennoch könne die Gesellschaft bestimmte Produktionsmöglichkeiten ausschließen, also etwa Kinderarbeit, die Verschmutzung der Flüsse oder das Betreiben von Kernkraftwerken: „Man kann in unserer Demokratie der Wirtschaft eine Menge vorgeben, ohne das Wachstum gleich zum Fetisch zu erklären oder zum Feindbild zu stempeln.“

Über die Wachstumsorientierung der Gesellschaft kann man dennoch ins Grübeln geraten. So hat sich der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Angus Deaton die Mühe gemacht, 450.000 Antworten einer Glücksbefragung in den USA anzusehen (dem Gallup-Healthways Well Being Index). 2011 veröffentlichten die beiden Forscher ihre überraschende Erkenntnis: Menschen mit einem Haushaltseinkommen von 75.000 Dollar sind so glücklich, wie man nur werden kann; bei Einkommen über diesem Limit nimmt das persönliche Wohlbefinden kaum mehr zu. Auf der Suche nach einer Erklärung stützen sich Deaton und Kahnemann auf die These, dass man sich an Annehmlichkeiten, die mit Geld zu kaufen sind, sehr schnell gewöhnt. Immer mehr Konsum führt demnach nicht zu immer mehr Glück. Auch der Züricher Ökonom Bruno Frey betonte 2002 in seinem mit Alois Stutzer verfassten Artikel „The Economics of Happiness“, welch starken Einfluss Faktoren außerhalb des rein Finanziellen auf die Zufriedenheit der Menschen haben. Auch er meint, dass Glück sich abnutzt, welches rein auf der Verfügbarkeit von materiellen Gütern fußt. Allerdings habe auch die Inflation eine Auswirkung auf das Wohlbefinden der Bevölkerung. Arbeitslosigkeit mache jedoch noch unglücklicher. Außerdem sieht Frey die individuelle Teilhabe des Einzelnen an politischen Entscheidungen als extrem wichtigen Glücksfaktor.

In Ecuador und Bolivien hat das Glück Verfassungsrang. Und das Vorbild für die Glücksdefinition sind nicht etwa weiße US-Amerikaner mit dicken Autos. Es sind die Indianer des Regenwalds, die wenigen, die noch ungestört leben dürfen, wie ihre Vorfahren es jahrtausendelang taten: in einer Tauschwirtschaft, einer starken Gemeinschaft, in der Mitglieder sich gegenseitig stützen und die „Rechte der Mutter Erde“ achten.

Im katholisch geprägten Südamerika sei die Debatte über alternative Wohlstandsindikatoren und neue ökonomische Verfassungen wesentlich lebendiger als in Europa, sagt Schneidewind. Der Wirtschaftswissenschaftler hat jetzt eine Betriebsanleitung vorgelegt, wie man aus dem ewigen Kreislauf aus Wachstum, Beschleunigung und Innovation ausbrechen könnte. In seinem Buch „Die große Transformation“ plädiert er für eine „Kultur des Genug“ mit den vier Dimensionen Entrümpelung, Entschleunigung, Entflechtung und Entkommerzialisierung. Denn das Glück, so haben schon seine Vordenker am Wuppertaler Institut betont, finde sich nicht allein im Güterwohlstand. Würde Wohlstand beispielsweise an einem wachsenden Wohlfahrtsindex festgemacht, könnte sich auch ein stagnierender oder leicht rückläufiger Privatkonsum positiv auswirken, wenn zur selben Zeit eine gleichmäßigere Einkommensverteilung oder ein geringerer Ressourcenverbrauch zu verzeichnen wäre.

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