RWI in den Medien

Das Wachstum hängt an Bau und Konsum

Die Deutschen reisen viel und gehen gerne aus / Unwägbarkeiten im verarbeitenden Gewerbe. Der monatliche F.A.Z.-Konjunkturbericht.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.09.2018

FRANKFURT, 2. September. Es ist Sommer, und das gefühlt schon seit April. Die Deutschen lassen es sich gutgehen. Sie können sich das leisten. Die Beschäftigtenzahl klettert, wenn auch verlangsamt, weiter. Mit rund 45 Millionen Erwerbstätigen liegt sie auf dem höchsten Stand seit 1991 in einem August. Die Tarifentgelte legten laut Bundesbank-Statistik im zweiten Quartal auf Jahressicht um 3,2 Prozent zu. Und es gibt immer mehr sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Man kann sich in Sicherheit wiegen. Während sich die Menschen im Nachbarland Frankreich derzeit sparsam verhalten, kaufen sie hierzulande im Überfluss ein. Oder buchen Urlaube an Nord- und Ostsee, wie es ihnen passt: "Die Reise- und Ausgehlust der Menschen ist ungebrochen", sagt Guido Zöllick, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands. Den Umsatzrekord von 2017 könnte seine Branche dieses Jahr übertreffen. Der Einzelhandel hat im Juni im Monatsvergleich zwar etwas weniger umgesetzt, doch der Online-Handel kann weiter glänzen. Das Wachstum hängt zurzeit ganz wesentlich an den privaten Verbrauchern. "Man sieht, dass die Binnenkonjunktur die ökonomische Entwicklung in Deutschland treibt", sagt der Vizepräsident vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Oliver Holtemöller, der F.A.Z. Auch das Baugewerbe hält sie intakt - wenn auch knappes Gerät und Fachkräftemangel die Unternehmen weiter daran hindern, die vielen Aufträge schnell abzuarbeiten.

Nachdem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Frühjahr gegenüber dem Vorquartal real um 0,5 Prozent zugelegt hat, ist die Wachstumsdynamik im Sommer stabil. Dass die Impulse für das Gesamtjahr hinter denen von 2017 zurückbleiben, die zu einem Zuwachs von 2,2 Prozent führten, gilt Ökonomen dennoch schon als sicher. "Den konjunkturellen Hochpunkt haben wir um die Jahreswende gesehen", sagt der Chefvolkswirt der Unicredit für Deutschland, Andreas Rees, der F.A.Z. Die Staatsbank KfW etwa hat ihre Prognose zuletzt um 0,3 Prozentpunkte gesenkt und rechnet für das laufende Jahr noch mit einem Wachstum von 1,8 Prozent. Auf Basis auch von harten Indikatoren und wegen der größeren politischen Risiken ergibt sich weiterhin ein durchmischtes Bild. Die Auftragseingänge in der Industrie gingen zum Beispiel im Juni gegenüber dem Vormonat um 4 Prozent zurück. "Aus der Industrie, die stärker vom Außenhandel abhängt, kommen momentan kaum Impulse", sagt der Konjunkturforscher Roland Döhrn vom RWI Essen der F.A.Z. Wenn auch die Auftragspolster groß sind, verzeichnen die Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe insgesamt doch nur ein bescheidenes Wachstum. Dafür spricht auch die Zahl der zugelassenen Kraftfahrzeuge. Ihre Fahrzeugflotten stockten die Unternehmen zuletzt nicht weiter auf.

Mit dem schwächelnden Welthandel entwickelte sich der deutsche Außenbeitrag in den ersten beiden Quartalen negativ. Die Exporte, die zu Jahresbeginn gefallen waren, gaben allerdings im Juni gegenüber Mai nicht weiter nach, sondern stagnierten. "Im zweiten Halbjahr wird sich der Außenhandel wieder etwas ausgeglichener darstellen", prognostiziert Konjunkturforscher Holtemöller. Auch die Exporteure selbst rechnen mit weniger Gegenwind. Die Stimmung unter ihnen hat sich jedenfalls nach dem vorlaufenden Ifo-Indikator für den Export im August weiter aufgehellt. Gegenüber Juli stieg der Wert von 13,8 Punkten auf 14,4 Punkte. Vor allem nahm dabei die Autoindustrie den Welthandel - unter anderem wegen des Waffenstillstands zwischen Amerika und Europa - wieder positiver wahr. Ein Seufzer der Erleichterung käme aber verfrüht. Die Fragilität der Vereinbarung mit seinem Land hat Amerikas Präsident Donald Trump den Europäern vergangene Woche einmal mehr vor Augen geführt, als er der EU vorwarf, diese sei genauso schlimm wie China - "nur kleiner". Der Handelsstreit zwischen China und Amerika droht in dieser Woche weiter zu eskalieren. Auch wegen der jüngsten Hiebe Trumps gegen die Welthandelsorganisation (WTO) sehen Ökonomen für Euphorie keinen Grund. Ferner ist nach Einschätzung von Ökonomen in der Handelsvereinbarung zwischen Amerika und Mexiko, für die Zugeständnisse mit Drohungen gegenüber der Regierung in Mexiko-Stadt abgerungen worden waren, Konfliktpotential angelegt. Wie die höheren Arbeiterverdienste in der Industrie in Mexiko durchgesetzt werden, ist nicht klar. Für international eingebundene deutsche Unternehmen bleibt Amerika unter Trump damit unberechenbar. Die Auftragseingänge könnten sich daher - aufgrund nachlassender außenwirtschaftlicher Impulse - im zweiten Halbjahr schwach entwickeln und damit den Ausblick für Produktion und Export dämpfen, warnte jüngst der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI).

Die Weltwirtschaft sehen Wirtschaftsforschungsinstitute im laufenden Jahr mit deutlich mehr als 3 Prozent freilich kräftig zulegen. Global erwarten sie damit eine Entwicklung über dem langjährigen Trend. Einen vorsichtig optimistischen Ausblick auf die Entwicklung des deutschen Außenhandels wagt deshalb Chefvolkswirt Rees von der Unicredit. "Wenn wir in der zweiten Jahreshälfte keinen größeren politischen Unfall erleben, werden wir von der Weltwirtschaft wieder mehr Momentum kriegen", sagt er.

Die Investitionen deutscher Unternehmen in Ausrüstung liegen auf einem nachhaltigen Niveau. Die niedrigen Zinsen kurbeln die Kreditvergabe an. Nichtfinanziellen Unternehmen haben die Banken im Juni deutlich mehr Kredite als noch im Vorjahr gegeben. "Gemessen an vergangenen Aufschwüngen steigen die Ausrüstungsinvestitionen zwar verhalten. Dafür nehmen diese aber schon lange Zeit zu - was auch nicht schlecht ist", sagt Forscher Döhrn vom RWI. Die Investitionstätigkeit der Privatwirtschaft hält IWH-Forscher Holtemöller dennoch für zu gering. "Der positive Leistungsbilanzsaldo geht einher mit großen Kapitalexporten. Der gehört genauso ins Bild wie die etwas besseren Investitionszahlen. Bei den Investitionen ist noch Luft nach oben", sagt er. Aus den Verbänden kommen deshalb Forderungen, für Investoren ein günstigeres Klima zu schaffen.

Weil der demographische Wandel noch einiges kosten wird, verlangen Ökonomen von der Politik, die Bürger weniger zu schröpfen. Hintergrund hierfür sind die sprudelnden Einnahmen öffentlicher Kassen. Die staatlichen Gesamtüberschüsse betrugen zur Jahresmitte 48 Milliarden Euro. Es ist absehbar, dass die Schuldenquote spätestens 2019 die im Stabilitätspakt festgeschriebene Marke von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts unterschreiten wird. Die auf Arbeitseinkommen entfallenden Abgaben seien im internationalen Vergleich hoch, sagt Ökonom Holtemöller, deshalb sei es naheliegend, die Abgabenbelastung zu reduzieren: "Die Belastungen für die Finanzierung der Rentenversicherung werden in absehbarer Zeit deutlich steigen. Da wäre es vorausschauend, den Sockel, von dem aus dieser Anstieg losgeht, zu reduzieren."

Wegen der Überschüsse eine Offensive für öffentliche Investitionen in Infrastrukturen auszurufen kommt für die meisten Konjunkturforscher nicht in Frage. "Was die Investitionen in Beton angeht, bin ich skeptisch. Man sieht, dass das vom Staat bereitgestellte Geld zögerlich abfließt, weil die Planungskapazitäten fehlen und die öffentliche Hand keine Unternehmen mehr findet, die noch Aufträge annehmen. Investitionen in Köpfe befürworte ich da schon eher", sagt RWI-Forscher Döhrn.

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