RWI in den Medien

Ernst Fehr steht an der Spitze der Ökonomen

Das Ökonomenranking der F.A.Z. hat einen neuen Sieger - und einen Aufsteiger, den man sich merken muss.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 01.09.2018

bern./jpen. FRANKFURT, 31. August. Der Züricher Verhaltensforscher Ernst Fehr steht an der Spitze der diesjährigen Einflussrangliste der Ökonomen. Mit insgesamt 517 Punkten verweist er den Präsidenten des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, auf Rang zwei. Dahinter folgt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Hans-Werner Sinn rutscht auch im Ruhestand nur um einen Rang nach hinten. Vor allem in der Politik hören immer noch so viele Menschen auf seinen Rat, dass Sinn nach wie vor zu den einflussreichsten Ökonomen in Deutschland gehört.

Fehrs Einfluss ist nicht so direkt wie der von Fuest, Fratzscher und Sinn - doch ebenso durchschlagend. Während Fuest in den Medien und in der Politik zu den einflussreichsten Ratgebern zählt, berufen sich auf Fehr vor allem andere Forscher - nicht nur in den Wirtschaftswissenschaften, sondern auch in den Neurowissenschaften und der Psychologie. So finden verhaltensökonomische Erkenntnisse ihren Niederschlag in der Praxis. Zu den Standard-Beispielen der Disziplin gehört, dass es mehr Organspenden gibt, wenn die Menschen grundsätzlich als Spender gelten und einer Entnahme erst widersprechen müssen, als wenn sie einer Entnahme erst zustimmen müssen. Jüngst startete Gesundheitsminister Spahn einen Vorstoß, das Organspende- Recht entsprechend zu verändern.

Wegen solcher Beispiele kombiniert das F.A.Z.-Ranking den Einfluss in beiden Welten, also der Wissenschaft und der Öffentlichkeit. Für die Ranglistenposition zählt, ob ein Forscher in den Medien Gehör findet, von Politikern als Ratgeber geschätzt wird und in der Wissenschaft Impulse gibt, die andere Forscher dazu bringen, die Arbeiten zu zitieren. Die Daten erhebt die F.A.Z. in Zusammenarbeit mit dem Medienforschungsinstitut Media Tenor International, dem Verein für wissenschaftliche Politikberatung Econwatch, der Universität Düsseldorf, dem ZBW - Leibniz- Informationszentrum Wirtschaft und dem Wissenschaftsverlag Elsevier. In der Gesamtverrechnung zählen der Einfluss in Medien und Politik je einfach, der in der Forschung doppelt. In Österreich und der Schweiz veröffentlichen "Die Presse" und "Neue Zürcher Zeitung" Ranglisten, die nach den gleichen Regeln entstehen - auch in diesen beiden Ländern steht Ernst Fehr an der Spitze, in Deutschland zum zweiten Mal. Fehrs Leistung besteht auch darin, dass er seinen Einfluss in Medien und Politik im vergangenen Jahr ausgebaut hat, obwohl die Medien das Interesse an ökonomischer Grundlagenforschung zuletzt vor lauter drängenden politischen Problemen weitgehend verloren haben.

Auch deshalb haben die Ökonomen an Einfluss gewonnen, die sich mit ganz praktischen Fragen der Politik beschäftigen. Zu den Aufsteigern gehören Christoph Schmidt (RWI Essen, Rang 6), Gabriel Felbermayr (Ifo-Institut, 7) und Michael Hüther (IW Köln, 9). Vor allem Felbermayr, der im vergangenen Jahr noch auf Rang 36 lag, hat einen bemerkenswerten Satz nach vorne gemacht. Bei dem erst 42 Jahre alten Außenwirtschaftschef des Münchener Ifo-Instituts drängen sich zwei Erklärungen auf. Die erste hat mit Donald Trump zu tun. Der amerikanische Präsident propagiert Zölle und Sanktionen - und Felbermayr ist der Mann, der erklären kann, welchen Schaden solche Handelsbarrieren anrichten. Wie teuer können amerikanische Autozölle für die deutsche Volkswirtschaft werden? 5 Milliarden Euro im Jahr, errechnete der Forscher. Hat Trump recht mit seinem Vorwurf, von der EU im Handel übervorteilt zu werden? Felbermayr hat eine Statistik zur Hand, die zeigt, dass die transatlantische Leistungsbilanz ausgeglichen ausfällt. Selbst die Kanzlerin griff diese gut-getimte Veröffentlichung auf - wenn auch etwas ungenau. Felbermayrs Punktzahl in der Kategorie Medien vervierfachte sich im Vergleich zum Vorjahr beinah. Auch in der Politik und der Wissenschaft bekam er mehr Aufmerksamkeit.

Dass für ihn das Ende noch nicht erreicht sein dürfte, liegt an dem Karrieresprung, der womöglich auf Felbermayr wartet. Im April hatte die F.A.Z. öffentlich gemacht, dass Felbermayr Favorit für die Nachfolge Dennis Snowers an der Spitze des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) ist. Mit der Berufung Felbermayrs ist die Hoffnung verbunden, dass der Handelsforscher das Institut in der wirtschaftspolitischen Debatte in Deutschland wieder in die erste Reihe führt. Wissenschaftlich ist das IfW gut aufgestellt, in der öffentlichen Debatte ist es in die zweite Reihe abgerutscht. Zudem gibt es in Kiel finanzielle Sorgen, wie jetzt bekannt wurde. Die Revision der Finanzplanung habe ergeben, dass in den Jahren 2018, 2019 und 2020 damit zu rechnen sei, dass etwa "3,5 bis 4 Prozent der geplanten Ausgaben nicht durch Einnahmen gedeckt sind", wie das Institut mitteilte. Diese Differenz könne zwar aus den Rücklagen ausgeglichen werden. Weil die Kostenentwicklung aber nicht "nachhaltig tragbar" sei, müsse gespart werden. Felbermayr bestätigte der F.A.Z., dass es in Kiel "leichte finanzielle Turbulenzen" gebe. Er gehe davon aus, dass sich das Institut aus eigener Kraft sanieren könne, er werde den Posten voraussichtlich am 1. März antreten - noch sei aber nichts unterschrieben.

Der zweite Aufsteiger, Christoph Schmidt, ist Präsident des RWI-Leibniz- Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen und Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. In der Kategorie Medien hat er seine Punktzahl in diesem Jahr mehr als verdoppelt. Auf den neunten Platz hat es der dritte Aufsteiger geschafft: Michael Hüther, der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Zum ersten Mal seit Einführung der Rangliste im Jahr 2013 qualifiziert er sich für das Gesamtranking. In den Vorjahren hatte Hüther zwar schon viel Resonanz in Medien und Politik, allerdings nicht in der Wissenschaft. Seit 2014 schreibt Hüther spürbar mehr an wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit. Inzwischen haben diese Studien in der Forschung so viel Resonanz gefunden, dass er die Hürde von fünf wissenschaftlichen Zitaten überwindet, die zur Aufnahme in die Gesamtrangliste nötig ist.

Hoch