RWI in den Medien

Der letzte Kämpfer für die Kohle

Franz-Josef Wodopia ist der beste Lobbyist, den die Kohle sich wünschen kann. Aber kann er dem dreckigen Rohstoff ein grünes Image geben?

DIE ZEIT vom 30.08.2018

Franz-Josef Wodopia lächelt, während er seinem Feind die Hand schüttelt. Er lächelt, während dieser die Arme über dem Bauchansatz verschränkt. Während er die Stimme erhebt. Sogar als er ruft: »Mir können Sie keine Märchen erzählen!« Franz-Josef Wodopia lächelt und lächelt.

Weiche Furchen durchziehen dabei sein Gesicht. Von den Bartstoppeln bis zum grau melierten Haaransatz. Es ist ein harmloses Lächeln, kein hämisches. Und doch, dieses Lächeln ist Wodopias wichtigste Waffe in einem Kampf, den er führt, obwohl der längst verloren scheint. Es ist der Kampf für einen Rohstoff, der die deutsche Geschichte geprägt hat. Den die Deutschen lange geliebt haben und der ihnen heute regelrecht verhasst ist. Franz-Josef Wodopia ist Lobbyist. Und sein Kampf ist der Kampf für die Kohle.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert läuft die Schlacht schon, in diesen Monaten erreicht sie einen Höhepunkt: Jetzt wird über das endgültige Ende der Kohle entschieden. Arbeiter und Konzernchefs spielen dabei eine Rolle, Kraftwerke und Windparks. Aktivisten, die für die Umwelt auf die Straße gehen, Subventionen in Milliardenhöhe und eine Kommission, die den Ausstieg verhandeln soll. Leicht verliert man da den Überblick. Wer den Lobbyisten Wodopia begleitet, erfährt, wo die Schlacht ihren Ursprung hat – und wie die Frontlinien heute verlaufen. Er begreift, welche Macht an einem Rohstoff hängen kann, für Konzerne, Politiker und einen einzelnen Mann. Und zwar aus der Perspektive von einem, der nicht gegen, sondern für die Kohle kämpft.

Es ist ein Montag im März in Berlin. Franz-Josef Wodopia sitzt im Restaurant vom Abgeordnetenhaus des Deutschen Bundestages. Als Geschäftsführer des Vereins der Kohleimporteure (VDKI) will er dafür sorgen, dass Energiekonzerne und andere Unternehmen, die seine Lobbyarbeit bezahlen, in Deutschland noch lange Geschäfte mit Steinkohle machen können. Ihm gegenüber sitzt Oliver Krischer, der energiepolitische Sprecher der Grünen. Er würde diese Geschäfte am liebsten so schnell wie möglich verbieten.

Die beiden stehen sich schon lange als Gegner gegenüber. Vor ihrer letzten Verabredung ärgerte sich Wodopia so sehr über Krischer, dass er im letzten Moment absagte. Heute treffen sie sich zum ersten Mal seit vier Jahren. Doch egal was Krischer an diesem Tag sagen wird, Wodopia lässt sich nicht provozieren. Stattdessen sagt er Sätze wie »Da haben Sie einen Punkt« oder »Ich verstehe Ihre Haltung«. Und er lächelt. 56 Minuten lang.

Franz-Josef Wodopia ist in den Bundestag gekommen, um das Image der Kohle zu retten. Eine schwierigere Aufgabe hätte er sich kaum aussuchen können. Er muss es dafür mit einem Gegner aufnehmen, der viel größer ist als ein einzelner Politiker. Einem, gegen den sich kein vernünftiges Argument finden lässt: dem Klimawandel. Nie standen die Regierungen der Welt mehr unter Druck, ihn aufzuhalten. Schon jetzt spüren die Menschen, wie sich die Erde erhitzt, auch hier in Deutschland.

Das liegt auch an der Kohle. Kein Rohstoff, mit dem Menschen Strom herstellen, befördert dabei mehr klimaschädliche Gase in die Luft. Im Herbst 2017 machten die Grünen den Kohleausstieg zur Bedingung für eine Jamaika-Koalition. Union und SPD sehen es nicht ganz so eng. Aber als Regierungsparteien müssen sie dafür sorgen, dass Deutschland bis 2030 die Klimaziele der UN erfüllt. Das geht nur, wenn die Betreiber so schnell wie möglich die Kohlekraftwerke abstellen. Das errechnete erst kürzlich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Seit Mai plant nun eine Kommission, wie es mit der Kohle zu Ende gehen soll. Noch in diesem Jahr soll sie ihre Vorschläge an die Regierung schicken.

Düstere Zeiten für die Kohlelobby, doch Franz-Josef Wodopia hat ein letztes Ass im Ärmel. Denn die Energiewende hat eine Schwäche: Noch kann man Wind und Sonnenenergie nicht lange genug speichern. An Tagen, an denen kein Wind bläst und Wolken die Sonne verhängen, braucht man Alternativen. Und die allerbeste Alternative, das will der Lobbyist den Politikern nun einreden, sei die Steinkohle. Diese, das ist Teil seiner Geschichte, müsse man ja auch gar nicht in Deutschland abbauen. Man könne sie importieren. Aus Kolumbien, Russland, den USA. Beim Verbrennen macht die Kohle dann zwar denselben Dreck. In Deutschland aber muss sich niemand die Hände schmutzig machen. Ein Abend im Januar. Wodopia ist zu Gast im Hotel Grand Elysée in Hamburg. Draußen fällt Schnee, drinnen servieren Kellnerinnen Steak und Rotwein an einer langen Tafel. Neun Männer sitzen um sie herum, keine Frau. Hier tagt der Vorstand des VDKI, Franz-Josef Wodopias Lobbyverein.

Er selbst ist der einzige Vollzeit-Lobbyist am Tisch. Einer ist Manager eines großen Energiekonzerns. Ein anderer verkauft Stahl. Wieder einer leitet eines der größten Kohlekraftwerke im Land. Tagsüber haben sie gemeinsam in Konferenzen gesessen. Nun klirren ihre Gläser. »Auf Franz-Josef!« Vor wenigen Tagen wurde Wodopia 60 Jahre alt. »Auf die Steinkohle!«

Dabei haben die Männer eigentlich keinen Grund zu feiern. Ein paar Flure weiter findet am nächsten Tag ihr Neujahrsempfang statt. Aus der ganzen Welt reisen ihre Mitglieder dafür an. Doch noch während auf dem Flur der Sekt ausgeschenkt wird, werden sie alle auf ihren Smartphones die Meldung lesen: Union und SPD einigen sich auf Koalitionsvertrag. Und darin das Wort, das ihnen am meisten Angst macht: »Kohleausstieg«. Zwar werden noch immer 37 Prozent des deutschen Stroms mit Kohle erzeugt, mehr als ein Drittel davon mit Steinkohle. Doch die Zahl der Tonnen, die Schiffe an deutsche Häfen bringen, sinkt und sinkt. Am Rednerpult wird Franz-Josef Wodopia dies in einer Zahl zusammenfassen: 17 Prozent weniger Steinkohle wurde 2017 im Vergleich zum Vorjahr nach Deutschland importiert. Von einem »historischen Tief« wird er sprechen. Und alle im Saal werden spüren: In Deutschland geht es bergab mit ihrem Geschäft.

Eines scheint die Lobbyisten ganz besonders zu stören: ihr Ruf. »Man könnte ja heute meinen, die Kohle sei etwas Böses«, sagt einer von Wodopias Kollegen aus dem Vorstand. Früher war das anders. Lange galt die Kohle als der Stoff, aus dem das deutsche Wirtschaftswunder gemacht war. Mitte des 20. Jahrhunderts schaffte sie Arbeitsplätze für knapp eine halbe Million Menschen im Land. »Als ich ein Kind war, war Bayern ein Entwicklungsland«, sagt Wodopia. »Der Wohlstand kam aus dem Ruhrgebiet.« Was er nicht sagt: Um eine Maschine anzutreiben, braucht heute keiner mehr Kohle zu verfeuern. Wer es trotzdem tut, gilt vielen als Umweltsünder. Das aber versucht Wodopia nun zu ändern: Der Lobbyist will die Steinkohle »grünwaschen«.

Vor zweieinhalb Jahren übernahm er den Posten des Geschäftsführers beim VDKI. Wolfgang Cieslik, der Präsident des Lobbyvereins und Geschäftsführer des Energieerzeugers Steag ist, sagt: »Wir haben ihn extra geholt.« In Zeiten wie diesen brauchten sie jemanden wie Wodopia, mit seinem Wissen und seinen Kontakten in Brüssel und Berlin. »Er wirkt so harmlos, aber das täuscht.« Wodopia hat sich diesen Ruf erarbeitet. 30 Jahre lang. Erst bei der mächtigen Bergbaugewerkschaft IG BCE, zuletzt als Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands Steinkohle. Er saß als Unternehmensvertreter in Ausschüssen zur Energiepolitik und war Vizepräsident der europäischen Lobbyorganisation Euracoal. Mit den Jahren wurde er zu einer Art Insolvenzverwalter der Kohle. »Ich komme immer dann, wenn es schwierig wird«, sagt er und grinst. »Das fing schon mit meiner Geburt an.«

Wodopia kam 1957 auf die Welt. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem in Deutschland das Zechensterben begann. Schuld war damals nicht das Klima. Es war der Preis: Die Steinkohle aus dem Ausland war billiger, auch weil man sie in Ländern wie Kolumbien gleich unter der Erdoberfläche fand und in Deutschland erst Hunderte Meter darunter. Dort, wo die Luft heiß und der Druck hoch ist. Das war auch noch so, als Wodopia seinen ersten Job annahm, 1986. Die Zahl der Arbeitsplätze im Bergbau war auf 100.000 geschrumpft. Ausländische Kohle kostete ein Drittel von jener aus Deutschland. Subventionen wie der sogenannte Kohlepfennig hielten das Geschäft künstlich am Leben. Und Wodopia tat in den folgenden Jahrzehnten alles, damit dies so blieb.

2001 lernte er den Grünen-Politiker Oliver Krischer kennen. Wodopia kämpfte damals noch bei der Gewerkschaft für den Bergbau. Krischer war Referent im Landtag von NRW und plädierte schon für den Kohleausstieg. Rückblickend sagt er: »Herr Wodopia hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Ende des Bergbaus viel zu lange hinausgezögert wurde.« Erst im Dezember dieses Jahres werden die letzten beiden Steinkohlezechen geschlossen, 61 Jahre nachdem ihr Sterben begann. Aus der Sicht von Wodopias Kollegen könnte man sagen: Wenn einer es schaffen kann, das Leben der Kohle noch einmal zu verlängern, dann er.

Brüssel, Ende Januar. Ein paar Straßen vom EU-Parlament entfernt steht Wodopia in einem Konferenzraum und klickt durch eine PowerPoint-Präsentation. Vor ihm Tische mit Plastikschildern. Die Namen darauf klingen polnisch, spanisch, englisch. Sie gehören 31 Männern in Anzug, vier Frauen in Kostüm: die Landesvertreter des europäischen Lobbyverbands Euracoal.

Wodopia ist hier als Stimme der deutschen Importeure. Seine Rede ähnelt jener, die er beim Neujahrsempfang in Hamburg gehalten hat. Er macht sogar dieselben Witze. Doch die Stimmung unter den Zuhörern ist eine völlig andere. Ihre Blicke sind kühl, ihre Sprüche zynisch. Am Vorabend hat der Generalsekretär ihre Konferenz mit den Worten eröffnet: »Mir wurde gesagt, ich soll einen Witz über Windkraftwerke machen. Aber Windkraftwerke sind ja schon ein Witz.« An diesem Tag darf die Reporterin nur Franz-Josef Wodopia lauschen, nach seiner Rede muss sie sofort den Raum verlassen.

In Brüssel jammert keine alte Elite über ihren Niedergang. Hier ist die Arroganz einer Branche zu spüren, die sich noch gut erinnert, dass die EU früher Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl hieß. Dass von der Kohle Wirtschaft und Kriege abhingen.

Es ist aber auch die Arroganz einer Branche, die noch immer mächtig ist. Die Zahlen, die Wodopia nun an die Wand wirft, bestätigen sie darin nur. Obwohl Wissenschaftler seit Jahrzehnten vor dem Klimawandel warnen, setzen noch immer viele Staaten auf Kohle. Auch hier in Europa. In Polen werden sogar 80 Prozent des Stroms damit produziert. Wenn man sich mit der Vertreterin des Landes in Brüssel unterhält, wirkt die Energiewende beinahe wie eine weltfremde Idee deutscher Hippies. Wodopias Statistik zeigt aber auch, dass Macht nicht ewig hält. Zwar wurden weltweit im vergangenen Jahr noch immer sieben Milliarden Tonnen Kohle verkauft. Aber in Europa sinken die Zahlen seit Jahren. Die EU hat sich verpflichtet, die UN-Klimaziele zu erfüllen. Und auch China und Indien brüsten sich heute mit ihren Wind- und Solarparks.

Umso mehr braucht die Kohle Wodopia. Der Lobbyist fällt unter seinen Kollegen auf. Sein Blick ist nie überheblich, seine Worte sind nie herablassend. Er unterlässt Sätze wie »Wir freuen uns ja sehr, wenn mal eine Frau bei uns ist«, den gleich mehrere seiner Kollegen fallen lassen. Er zeigt Fotos von seinem jüngsten Enkel herum und sagt: »Mein Sohn macht jetzt Elternzeit.« Franz- Josef Wodopia lästert auch nie über Windkraft. Er erzählt, dass er einen Mercedes mit Hybridmotor fährt, »wegen der Umwelt«. Und wie ein Mantra wiederholt er: »Natürlich gibt es den Klimawandel.«

Lobbyisten sind Geschichtenerzähler. In Podiumsdiskussionen oder Interviews, mit Gutachten, die sie in Auftrag geben, um ihre Thesen zu stützen. Franz-Josef Wodopia leugnet das nicht. Er sagt: »Die Kohle braucht eine neue Erzählung. « Das habe ihm vor einiger Zeit auch ein EU-Kommissar zu verstehen gegeben. »Er sagte, wir müssten uns etwas Positives ausdenken, sonst brauchen wir nicht mehr anzukommen.« Das ist der Grund, warum Wodopia so freundlich über Windräder und Solaranlagen spricht. Seine neue Botschaft lautet: »Die Kohle ist ein Partner der Energiewende.«

Den Politiker Oliver Krischer überrascht das. Er habe Wodopia ganz anders in Erinnerung, erzählt er nach seinem Treffen im Bundestag. »Früher traten er und seine Kollegen ja auf wie die Herren des Ruhrgebiets«, sagt er. »Ich kenne keinen, der seine Interessen so hart durchgedrückt hat wie sie.«

Der Erfolg von Wodopia und seinen Mitstreitern lässt sich an einer Zahl messen: 200 Milliarden Euro. So hoch schätzen Ökonomen die Subventionen, die seit der Krise 1957 bis heute in den Bergbau flossen. Bis vor Kurzem war es die größte Finanzhilfe, die in Deutschland je für eine Branche gezahlt wurde. Das lag auch an der Geschichte, die Wodopia und seine Kollegen bis heute gern erzählen. Sie handelt von »den Kumpels«, die unter der Erde füreinander einstehen und auf der Straße für ihr Recht kämpfen. Deren Existenz man rettet, wenn man die Kohlefirmen unterstützt. Diese Geschichte wurde im Ruhrgebiet zum Kitt einer ungewöhnlichen, aber mächtigen Koalition: zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und Lokalpolitikern. Weder auf Landes noch auf Bundesebene ließ sich früher ein Wahlkampf gewinnen, ohne die Kohle zu erwähnen.

Einer, der sich ebenfalls gut an diese Geschichte erinnert, ist Manuel Frondel, Professor für Energieökonomik am RWI Leibniz-Institut. Sein Schreibtisch in Essen steht in einem Gebäude genau gegenüber von dem, in dem Wodopia für den Gesamtverband des deutschen Steinkohlebergbaus arbeitete. »Menschlich war Wodopia damals einer der Angenehmeren«, sagt Frondel. Inhaltlich wurde er auch für ihn zum harten Gegner. 2006, als Frondel mit einigen Kollegen in einem Artikel die Subventionen infrage stellte. Untertitel: »Eine Streitschrift«. Darin nannte Frondel die Subventionen »haltlos« und »ohne positiven Beitrag zur volkswirtschaftlichen Wertschöpfung«. Bis heute ist der Wissenschaftler überzeugt: »Die Lobbyisten haben die Arbeiter nur vorgeschoben. « Sein Artikel sorgte damals für Wirbel. »Mein Chef bekam Besuch von der Kohlelobby«, sagt Frondel. »Dass ein Institut aus dem Ruhrgebiet die Kohlelobby so hart angeht, war neu.« Auch Wodopia erinnert sich noch an diesen Streit. »Ich bin immer noch der Meinung, dass die Argumentation von Herrn Frondel falsch war«, sagt er, »aber natürlich, man lernt auch dazu.« Dieses Entgegenkommen gehört zu seiner neuen Geschichte von der Partnerschaft. In ihr sind die erneuerbaren Energien nicht mehr die Feinde. Es sind Braunkohle und Erdgas, die er übertrumpfen will. Sie sind seine Konkurrenten im Ringen um einen Platz an der Seite der Sonnen- und Windenergie. Tatsächlich stehen die Chancen für die Steinkohle nicht schlecht, das sagt auch Manuel Frondel. »Als Brückentechnologie ist sie eine Option.« Die Steinkohle ist sauberer als die Braunkohle. Nur Erdgas macht noch weniger Dreck. Auch deshalb sagt Wodopia nun häufig Sätze wie »Die Erneuerbaren sind nicht unser Problem, die Gasleute sind es« oder »Die Gasleute gehen ganz aggressiv vor, wir brauchen einen fairen Wettbewerb «.

In der Kleinstadt Herne im Ruhrgebiet steht eine Doppelhaushälfte. In der Einfahrt hocken Tiere aus Ton, im Garten blühen Hortensien. Hier wohnt Wodopia mit seiner Frau. An einem Nachmittag im Frühjahr steht er vor der Tür und wischt mit dem Zeigefinger durch die Luft. »Alle Häuser hier wurden extra für Bergarbeiter gebaut«, sagt er. »Und gleich um die Ecke kann man noch die alten Fördertürme sehen.« Er klingt dabei fast liebevoll.

Hört man genau hin, merkt man aber: Sein Dialekt ist ein anderer, als seine Nachbarn ihn sprechen. Weicher, melodischer. Franz-Josef Wodopia ist in der Nähe von Heidelberg geboren. »Als Kind kannte ich nur die Briketts im Heizofen «, sagt er. Erst mit 29 Jahren zog er ins Ruhrgebiet.

Mittlerweile lebt Wodopia sein halbes Leben hier. Die Geschichte der Kohle ist zu seiner Familiengeschichte geworden. Sein Schwiegervater arbeitete als Kumpel unter Tage. Seine Frau saß lange im Betriebsrat eines Bergbauunternehmens, heute organisiert sie im Vorstand der Bergbaustiftung RAG Ausstellungen zur Industriekultur. Als Franz-Josef Wodopia für den Bergbau kämpfte, beschützte er sein Zuhause. Das machte ihn so erfolgreich. »Als Lobbyist überzeugt man nur, wenn man es ehrlich meint«, sagt er. Oder anders formuliert: Je authentischer man wirkt, desto eher kaufen die Leute einem die Geschichte ab.

Für seine neue Geschichte der Partnerschaft musste Wodopia sich ganz andere Anekdoten überlegen. Kaum merklich streut er sie nun in jedes Gespräch ein. In Hamburg erwähnt er gleich beim Empfang in der Lobby, er habe sich schon in seiner Doktorarbeit mit Umweltfragen beschäftigt. In Brüssel flüstert er in der Schlange zum Buffet, nebenberuflich erkläre er ja als Dozent für Energiewirtschaft Masterstudenten den Klimawandel. Einmal am Telefon wirft er ein: »Das darf ich ja gar nicht verraten, aber ich habe selbst mal Anteile an einem Windpark gekauft.« An diesem Tag in seinem Wohnzimmer zeigt er auf einen Kamin aus Glas: »Meine Schornsteinfegerin hat mir letztens erklärt, wie ich beim Anfeuern Emissionen einsparen kann.« Doch anders als bei seiner Geschichte über die Bergarbeiter wirken diese Sätze zurechtgelegt, die Anekdoten aufgesetzt.

Wodopias neuester Job ist der bislang größte Bruch in seiner Biografie: Während er fast sein ganzes Berufsleben lang für die deutsche Steinkohle warb, kämpft er seit zwei Jahren für deren ehemals härteste Konkurrenz: die Importeure. »Manche sagen, ich bin zum Feind übergelaufen«, sagt Wodopia. Er selbst sehe es eher rational. Seine Alternative sei der Vorruhestand gewesen. Das Ende des Bergbaus hätte auch seine Karriere beendet. »Als man mir den Job anbot, habe ich zu meiner Frau gesagt: Jetzt bin ich wieder im Kampfmodus.

« Aber glaubt er selbst auch an die Geschichte, die er heute erzählt? Wodopia nickt. Dann knautscht er seine Stirn. »Aber meine Arbeit ist heute schon anders als früher«, sagt er.

Eingang zum Abgeordnetenhaus des Bundestags. Wodopia zieht eine graue Plastikkarte unter seinem Jackett hervor. Der Sicherheitsbeamte nickt. »Das war noch mein alter Ausweis von dem Gesamtverband Steinkohle«, erzählt Wodopia später, »inzwischen kriegt man die nicht mehr so leicht.« Überhaupt sei in seinem alten Job vieles anders gewesen. »Früher ist man uns sehr respektvoll begegnet«, sagt er. »Das war ein schönes Gefühl.«

Heute arbeitet Wodopia als Pendler in Berlin. Die Unternehmen, die seine Lobbyarbeit bezahlen, sitzen in der Welt verstreut, ihre Vertreter sieht er nur wenige Male im Jahr. Bis auf seine Sekretärin hat er keine Kollegen, mit denen er zu Mittag essen gehen kann. Und was ihn vermutlich am härtesten trifft: So wie die Steinkohle ist auch der Mann, der einmal mächtig war, heute den meisten egal.

Während früher Politiker um Termine bei ihm baten, antworten sie heute erst spät auf seine Mails. Statt des »Kohlepfennigs « gibt es die EEG-Umlage. Die erneuerbaren Energien werden nun mit mehr als 25 Milliarden Euro pro Jahr gefördert. Wenn Wodopia den Ruf der Steinkohle retten will, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich an seine alten Feinde anzuschmiegen. »Ich muss Klinken putzen gehen«, sagt er.

Auf das Treffen mit Oliver Krischer hat er sich gut vorbereitet. Er hat Zahlen im Kopf, Argumente. Sogar einen Artikel aus dem Wissenschaftsmagazin Nature hat er dabei, über klimaschädliches Fracking-Gas. Doch egal was er anführt, Oliver Krischer findet immer ein Gegenargument. Wodopia sagt: »Wir brauchen Steinkohle als Back-up, falls mal kein Wind weht.« Krischer antwortet: »Wenn wir den Strom flexibler nutzen, werden Kraftwerke überflüssig.« Wodopia sagt: »Kohle ist besser als Fracking-Gas.« Krischer antwortet: »Am besten keines von beiden.« Kurz vor Ende des Gesprächs fragt Krischer: »Kommt Ihre Kohle eigentlich immer noch hauptsächlich aus Kolumbien?« Er frage auch deshalb, weil er selbst vor vier Jahren in dem Land war. »Was ich da gesehen habe, war teilweise unfassbar«, sagt Krischer.

Kolumbianische Familien werden aus ihrer Heimat vertrieben, weil dort neue Minen entstehen. Arbeiter verdienen einen Hungerlohn. Kinder schuften in Bergwerken. Immer wieder werden solche Fälle öffentlich. Manche nennen die Kohle aus Kolumbien nur noch Blutkohle. Auch darauf ist Wodopia vorbereitet. »Wenn wir jetzt alle Minen in Kolumbien schließen, hilft das den Menschen doch auch nicht«, sagt er. Und überhaupt, seine Mitglieder machten keine Geschäfte mit Firmen, die ihre Mitarbeiter schlecht behandelten. Viele der Manager flögen regelmäßig hin, um die Zustände zu überprüfen. Krischer schüttelt den Kopf.

Wodopia hat sich die Steine selbst in den Weg gelegt, die er nun ausräumen muss. Jahrzehntelang tat er als Lobbyist des deutschen Bergbaus alles dafür, um der Importkohle ein schlechtes Image zu verpassen. Er gesteht das sogar selbst in dem Gespräch mit Krischer ein: »Bei der Gewerkschaft haben wir ja auch ›Blutkohle‹ gesagt.«

Das ist ehrlich. Aber auch ein Problem. Wer glaubt schon einem, der für ein Produkt wirbt, das er früher schlechtgemacht hat? Einem Kohlemann, der auf einmal ein Partner beim Klimaschutz sein will? Einem Arbeiterkämpfer, der schlechte Arbeitsbedingungen schönt? Oliver Krischer wird später über ihn sagen: »Er tut mir fast ein bisschen leid.« Klingt, als müsse sich Franz-Josef Wodopia bald selbst eine Geschichte erzählen.

Hoch