RWI in den Medien

Wie uns die Braunkohle diesen Sommer gerettet hat

Die Windräder stehen still, die Atomkraftwerke laufen heiß. Verlass ist nur auf den Klimasünder Nummer eins, die gute alte Braunkohle.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 19.08.2018

Von Sebastian Balzter
Der 21. Juli war den Wetterdaten zufolge ein ruhiger Sommertag. In Frankfurt stieg das Thermometer auf 24 Grad Celsius, über Teilen von Deutschland war der Himmel bewölkt, und über der Nordsee wehte kaum Wind. Für sich genommen alles reichlich unspektakulär. Für die Stromerzeugung allerdings hatte diese Mischung durchaus spektakuläre Folgen: Viele Windräder standen still, es wurden nur 88 Gigawattstunden aus Windkraft produziert, weniger als ein Drittel der täglichen Durchschnittsmenge im vergangenen Jahr. Auch die Solaranlagen liefen nicht auf vollen Touren. Sie lieferten zwar etwas mehr Strom als im Jahresdurchschnitt, für einen Julitag war der Ertrag jedoch mäßig. Die Lücke stopfen mussten andere Energieträger: Die Kohlekraftwerke im Land, die übers gesamte Jahr auf weniger als 40 Prozent Anteil am Energiemix kommen, fuhren an diesem Tag ihre Leistung hoch und sorgten fast für die Hälfte der gesamten deutschen Stromerzeugung.

Das Beispiel zeigt, wie wenig Durchschnittswerte darüber aussagen, was die verschiedenen Energieträger für die Versorgungssicherheit an jedem einzelnen Tag des Jahres bedeuten. Da gibt es vor allem für die erneuerbaren Energiequellen, je nach Jahreszeit und Wetterlage, große Schwankungen, was sich schlecht damit verträgt, dass Industrie und Privatkunden zumindest werktags einigermaßen gleich viel Strom verbrauchen, egal, ob Flaute oder Sturm, Sonnenschein oder Wolken. Das macht es so schwierig, die sogenannte Grundlast zu ersetzen, die von den konventionellen Kraftwerken geliefert wird. Und deshalb zeigt das Beispiel vom 21. Juli auch, wie teuer für Deutschland das Abschalten der Kohlekraftwerke wird, das sich Klimaschützer wegen des hohen Kohlendioxidausstoßes aus den Schloten herbeisehnen.

Bis Ende Oktober soll die von der Bundesregierung im Juni eingesetzte Kohlekommission ihre Vorschläge für den Ausstieg aus der Kohleverstromung vorlegen. Zum Vergleich: Eine Kilowattstunde Strom aus Braunkohle verursacht rund 1150 Gramm Kohlendioxidausstoß. Für Steinkohle liegt dieser Wert bei 850 Gramm, für Erdgas bei 380 Gramm je Kilowattstunde. 2030 ist das Datum für den Kohleausstieg, durch das Pariser Klimaschutzabkommen festgelegt. Ausgerechnet auf die acht deutschen Braunkohlekraftwerke, die größten Klima-Schurken im ganzen Land, war in diesem Sommer aber am meisten Verlass. Seit Ende Juni liegt ihr Anteil am Energiemix Woche für Woche über dem Jahresdurchschnitt. Das hat natürlich in erster Linie damit zu tun, dass so wenig Wind über Deutschland weht und die Windräder sich kaum drehen. Die Leistung der Solaranlagen reicht auch bei wochenlangem Sonnenschein nicht, um das auszugleichen. Dazu kommt, dass Hitze und Dürre den Braunkohlemeilern weniger ausmachen als Atomreaktoren und Steinkohlekraftwerken. Die meisten dieser Kraftwerke stehen an Flüssen, deren Wasser sie zur Kühlung verwenden. An den heißesten Tagen mussten einige von ihnen ihre Leistung drosseln, weil sonst das Flusswasser zu warm für Tiere und Pflanzen geworden wäre.

Außerdem sind die Flüsse auch der übliche Transportweg, um die vor allem in Russland, Kolumbien und Amerika geförderte und dann über die Weltmeere nach Deutschland verschiffte Steinkohle zu den Kraftwerken zu bringen. Bei Niedrigwasser wie in den vergangenen Wochen können nur noch Schiffe mit geringerem Tiefgang als gewöhnlich fahren, und die Binnenschiffer lassen sich solche Sonderfahrten gut bezahlen. Die Rohstoffversorgung wird dann tendenziell teurer; für die Betreiber wird es unattraktiv, die Kapazität der Steinkohlekraftwerke voll auszuschöpfen.
Wer Braunkohlekraftwerke betreibt, muss sich um all das nicht kümmern. Die Kraftwerke liegen typischerweise nicht an Flüssen, sondern in unmittelbarer Nähe der Förderstätten, in der Lausitz, im mitteldeutschen oder im rheinischen Revier. Von dort beziehen sie nicht nur auf kurzem Weg die Kohle, sondern auch das Kühlwasser. Für den Betrieb eines solchen Tagebaus müssen nämlich sowieso rund um die Uhr riesige Mengen Grundwasser abgepumpt werden, die sonst in die Grube laufen würden. Der Energieversorger Leag aus Cottbus rechnet das für seine drei Braunkohlekraftwerke in der Lausitz vor: Jede Sekunde werden dort 11 300 Liter sogenanntes "Grubenwasser" gepumpt, dank der Lagerung unter der Erdoberfläche mit einer angenehm kühlen Temperatur von 10 bis 12 Grad Celsius. In 24 Stunden sind das fast eine Million Liter Wasser. Die Hälfte genügt, um die drei Kraftwerke zu kühlen, der Rest wird direkt in die Spree geleitet. Was wäre in diesem Sommer passiert, wenn schon jetzt keine Kohlekraftwerke mehr am Netz wären? "Dann hätte man einige Gaskraftwerke hochfahren müssen", sagt der Energiefachmann Manuel Frondel vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen. Tatsächlich stehen zurzeit genug Gaskraftwerke bereit, um die acht Braunkohlekraftwerke mit ihrer installierten Leistung von rund 20 Gigawatt zu ersetzen. Im Gaskraftwerk kostet die Produktion von einer Kilowattstunde Strom allerdings etwa dreimal so viel wie im Braunkohlekraftwerk.

"Ein heißer Sommer geht vorbei", sagt Manuel Frondel dazu. "Aber 2022 gehen die Atomkraftwerke vom Netz, und zwar dauerhaft." Dann fehlen rund 10 Gigawatt Leistung. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat sich vorsorglich ausrechnen lassen, wie viel zusätzliche Windräder und Sonnenkollektoren aufgebaut werden müssen, um nach dem schon beschlossenen Ausstieg aus der Atomkraft bis zum Jahr 2030 auch noch den Kohleausstieg zu bewältigen. Dafür müsste es mehr als doppelt so viele Windräder und fast dreimal so viele Sonnenkollektoren geben wie heute, außerdem auch noch einen Schwung zusätzlicher Gaskraftwerke, weil es für die Grundlast sonst immer noch nicht reicht. Bisher hat die Energiewende, so weit sie von den Stromverbrauchern über die EEG-Umlage finanziert wurde, rund 230 Milliarden Euro gekostet. Man kann also schon einmal hochrechnen, wie viel noch dazukommen wird.

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