RWI in den Medien

Psychische Erkrankungen spielen eine wachsende Rolle in der Klinikversorgung

Die Bedeutung psychischer Erkrankungen nimmt nicht nur in der ambulanten, sondern auch in der stationären Versorgung überproportional zu. Das zeigen Daten des Barmer Krankenhausreports 2018, den das RWI in Essen erstellt hat.

ÄRZTE ZEITUNG vom 13.08.2018

Von Helmut Laschet
Die Krankheitslast durch psychische und Verhaltensstörungen hat in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich stark zugenommen und absorbiert auch in Krankenhäusern deutlich mehr Kapazität als noch vor elf Jahren. Dagegen zeigen alle Kenngrößen für somatische Erkrankungen nur ein moderates Wachstum, teilweise sogar rückläufige Tendenzen. Ursächlich dafür sind sinkende Verweildauern, aber auch der Ausbau und wachsende Fähigkeiten der ambulanten Medizin, die die Krankenhäuser entlasten.

Nach den Daten des Barmer Krankenhausreports 2018 stieg die Zahl der Krankenhausfälle insgesamt zwischen 2006 und 2014 von 188 auf 218 je 1000 Versichertenjahre, ein Zuwachs von 16 Prozent oder jährlich 1,9 Prozent. Seit 2015 ist die Zahl der Krankenhausfälle wieder leicht rückläufig.

Der Barmer-Report differenziert dabei nach somatischen und psychischen Erkrankungen. Danach stieg die Zahl der Klinikfälle bei somatischen Erkrankungen zwischen 2006 und 2017 um 14,1 Prozent auf 199,5 je 1000 Versichertenjahre, bei den psychischen Erkrankungen belief sich der Zuwachs ebenfalls auf 14 Prozent auf zuletzt 14,6 Klinikfälle pro 1000 Versichertenjahre. In beiden Krankheitskategorien wurde ein Peak im Jahr 2014 beobachtet, seitdem sind die Fallzahlen leicht rückläufig.

Anders hat sich die Zahl der Krankenhaustage entwickelt: Sie nahm zwischen 2006 und 2017 lediglich um 0,7 auf 1607 je 1000 Versichertenjahre zu – das ist Stagnation. Aber die Entwicklung verläuft disparat, wenn man zwischen somatischen und psychischen Krankheiten differenziert: So war die Zahl der Krankenhaustage bei den somatischen Erkrankungen um 4,3 Prozent auf 1255 Tage rückläufig, hingegen nahm die Zahl der Kliniktage bei psychischen Krankheiten um 24,3 Prozent auf 353 zu.

Verweildauer entscheidet

Die Unterschiede erklären sich aus einer gegenläufigen Entwicklung der Verweildauern. Im langfristigen Trend nimmt die Dauer von Krankenhausaufenthalten ab, von 2006 bis 2017 von durchschnittlich 8,5 auf 7,5 Tagen. Bei den somatischen Erkrankungen gelingt es, die Verweildauer ausgeprägt zu senken: von 7,5 auf 6,3 Tage je Fall. Gegenläufig ist die Entwicklung bei psychischen Krankheiten und Verhaltensstörungen. Hier hat die Verweildauer von 22,2 auf 24,2 Tage zugenommen (plus 9,2 Prozent). Besonders stark steigend ist der Trend seit 2014. Das heißt: Nicht nur die Fallzahl nimmt bei psychischen Erkrankungen zu, sondern offenbar auch der Schweregrad – Entwicklungen, wie sie auch in der ambulanten Medizin und bei der Arbeitsunfähigkeitsdauer beobachtet werden. Kontinuierlich sind in den vergangenen elf Jahren die Ausgaben für die stationäre Versorgung gestiegen: durchschnittlich um 3,8 Prozent auf nunmehr 898 Euro je Versichertenjahr. Dabei liegen die Ausgabenzuwächse für die Behandlung psychischer und somatischer Erkrankungen auf gleichem Niveau.

Regionale Unterschiede

Auffällig ist die regional unterschiedliche Verteilung von Krankenhausfällen und als Folge dessen auch der Kosten der stationären Behandlung je Versichertem. Im Bundesdurchschnitt liegt die Zahl der Krankenhausfälle bei 210 je 1000 Versichertenjahren. Deutlich darüber, und zwar um fast 16 Prozent, liegt die Fallzahl in Thüringen mit 243, gefolgt vom Saarland, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Unter dem Bundesdurchschnitt liegen die Stadtstaaten Bremen (194), Berlin (189) und Hamburg (184) sowie Baden- Württemberg. Ein Teil kann mit der höheren Morbidität im Osten erklärt werden. Es kann aber auch vermutet werden, dass die Dichte und der Spezialisierungsgrad und damit einhergehend die Leistungsfähigkeit der ambulanten Versorgung eine Rolle dabei spielt, wie intensiv Krankenhäuser in Anspruch genommen werden.

Jedenfalls schlägt die unterschiedliche Verteilung der Krankenhausfälle auch bei den Kosten je Versichertenjahr durch: Die Ausgaben je Versichertenjahr liegen in Thüringen mit 1011 Euro um 14,6 Prozent über dem Bundesdurchschnitt von 882 Euro, in Baden- Württemberg dagegen mit 767 Euro um gut 13 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt.

Einen Schwerpunkt des Reports bildet die Analyse von Eingriffen bei Bauchaortenaneurysma, zu über 90 Prozent eine planbare Intervention. Als Folge des zum Jahresanfang eingeführten Screenings bei Männern über 65 Jahre als GKV-Leistung könnte sich die Zahl planbarer Eingriffe deutlich erhöhen. Aufgrund unterschiedlicher Ergebnisqualitäten, auch hinsichtlich der Mortalitätsraten nach der Op, plädiert die Barmer für die Festlegung von Mindestmengen durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (die „Ärzte Zeitung“ berichtete am Freitag).

Hoch