RWI in den Medien

Ist die Integration wirklich gescheitert?

Der Fall Özil wühlt Deutschland auf. Wie steht es um die Integration? Ist Deutschland wirklich rassistisch? Unsere Kolumnistin Hatice Akyün, Tochter türkischer Zuwanderer, schildert ihre Sicht der Dinge

Bild am Sonntag vom 29. Juli 2018

Was sagt der Fall Mesut Özil über den Stand der Integration in Deutschland aus? Ich bin verunsichert, viele von uns sind es. Waren wir nicht schon längst weiter?

Ich habe geglaubt, dass sich die Integration von Menschen, deren Eltern aus einem anderen Land gekommen sind, automatisch vollziehen würde. Meine Eltern waren die Fremden, die zweite, meine Generation, hat versucht, dem Elternhaus und Deutschland gleichermaßen gerecht zu werden. Wir saßen jahrelang auf gepackten Koffern und hatten das Gefühl, nicht ankommen zu dürfen. Unsere Eltern wollten ja nicht lange bleiben, ein wenig arbeiten und dann wieder zurück in die Heimat.

Aber die dritte Generation, die von Mesut Özil, müsste so integriert sein, dass man sie nicht mehr als Migrant wahrnimmt. Doch scheint es so, dass man Fremder auf Lebenszeit bleiben kann, wenn man als fremd empfunden wird oder sich fremd fühlt. Aber das ist kein deutsches Phänomen. Ich fühlte mich in New York auch fremd, weil ich nicht dazugehört habe.

Wenn ich hier aufwachse, die Sprache lerne, Arbeit habe, mich als Teil der Gesellschaft fühle, müsste Integration Normalität sein.

Außenminister Heiko Maas sagte: „Ich glaube nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland“. Aber andersherum fragen sich viele Migranten: Wenn sogar einem erfolgreichen Multimillionär das Deutschsein abgesprochen wird, Fans ihn im Stadion als „Türkensau“ beschimpfen und ihn zurück nach Anatolien wünschen, wie deutsch kann jemand werden, der es nicht zum Weltmeister geschafft hat? So hart der Satz von Heiko Maas auch ist, er ist richtig. Fußballkunst und Vermögen sagen nichts über die Integration eines Menschen aus. Sie entscheidet sich sogar völlig jenseits von Profifußball und Einkommen.

Aber trotzdem ist Özil als Einzelfall wichtig, weil viele Millionen Migranten jetzt genau hinschauen, wie man mit ihm umgeht. Viele von ihnen machen die Erfahrung, dass sie in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt und bei der Wohnungssuche aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt werden. Wenn die eine Seite sich abwendet, weil sie das Gefühl hat, dass die andere Seite sie ablehnt, bewegen wir uns in einem Kreislauf, der kaum zu durchbrechen ist.

Als ich das Foto von Özil mit Erdogan das erste Mal sah, war ich schockiert. Wie kann er nur? Weiß er denn nicht, was in der Türkei los ist?, habe ich mich gefragt. Das Treffen mit Erdogan sei nicht politisch gewesen, sagt Özil. Aber wie neutral kann man einen Politiker treffen, der in seinem Land Kritiker einsperren lässt? Das Treffen war grundfalsch. Es war richtig, ihn dafür zu kritisieren. Es ist aber falsch, ihn aufgrund seiner Herkunft zu beleidigen. Rassismus ist keine Reaktion auf das Fehlverhalten eines Menschen, sondern eine Grundhaltung. Zwischen Kritik und Rassismus ist nur ein schmaler Grat, aber es ist wichtig, diese Linie nicht zu überschreiten.

Integration hat unendlich viele Erfolgsgeschichten und Misserfolge. Jeder hat eine andere Vorstellung davon, wann jemand integriert ist und wann nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum das Thema so emotionalisiert.

Aber wer entscheidet über das Maß der Integration? Wo beginnt sie, wo hört sie auf? Mein Vater hat sechs Kinder großgezogen, hat hier gearbeitet, aber er spricht nicht sehr gut Deutsch. Ist er integriert? In den Augen von Altbundespräsident Joachim Gauck nicht. Er sagte über die Gastarbeitergeneration: „Ich finde es nicht hinnehmbar, wenn Menschen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, sich nicht auf Deutsch unterhalten können.“

Dann gibt es da noch den Türken, der in Deutschland eine Lebensmittelkette aufgebaut hat, er hat keinen Schulabschluss, aber er beschäftigt 250 Angestellte. Ist er integriert? Was ist mit dem deutschen Staatsbürger türkischer Herkunft, der hier geboren wurde, an einer deutschen Universität studiert hat, aber ein glühender Anhänger von Erdogan ist? Ist er es?

Dabei ist es eigentlich einfach: Der Grundgedanke von Integration ist Respekt - auf beiden Seiten. Nur darauf kann Integration aufbauen und ein Wir schaffen.

Natürlich bedeutet Integration auch, die Grund- und Menschenrechte anzuerkennen, sie nicht zu verletzen und die Werte, Regeln und Traditionen des Landes zu respektieren, in dem ich lebe.

Integration findet nicht auf dem Papier, sondern im Zusammenleben statt. Jeder Einzelne muss sich von Denkweisen, Mentalitäten und Strukturen emanzipieren, die irgendwann einmal von den Eltern oder Großeltern vorgelebt wurden und längst überholt sind.

Dabei spielt der Heimatbegriff eine große Rolle. In den 70er-Jahren wuchs ich in Duisburg auf. In unserer Straße wohnten Zechenarbeiter, wie mein Vater. Es waren Türken, Polen und Italiener, aber vor allem deutsche Kumpel, mit deren Kindern wir auf der Straße spielten, die bei uns ein- und ausgingen und durch die ich Deutsch gelernt habe. Es war unsere heile Welt, mitten in Deutschland. Man war neugierig aufeinander, und wenn man sich als guter Freund bewährt hatte, war es egal, woher die Eltern kamen.

Es überrascht mich nicht, dass viele junge Deutschtürken von ihrer Heimat Deutschland enttäuscht sind. Sie haben das Gefühl, dass sie sich noch so anstrengen können, aber sie trotzdem immer der Deutsche mit Migrationshintergrund bleiben. Meine Generation der Gastarbeiterkinder hat schon viele Entwicklungen erlebt und ist vielleicht hoffnungsvoller, dass auch diese Phase sich zum Guten wendet. Die Jungen haben zu oft an Türen geklopft und nichts Gutes zu hören bekommen. Es ist ja kein Bauchgefühl. Es gibt Dutzende Studien, die belegen, dass ein Ali doppelt so viele Bewerbungen schreiben muss wie ein Maximilian. Dass ein Mohammed mit einem deutschen Uni- Abschluss eher mithilfe von deutschen Freunden eine Wohnung bekommt.

Nein, Deutschland ist nicht rassistisch. Es gibt bei uns rassistische Menschen wie in jedem anderen Land auch. Nein, die Integration ist nicht gescheitert. Es gibt bei uns Menschen, die sich nicht integrieren. Was können wir also tun, damit Integration gelingt? Beide Seiten müssen akzeptieren, dass Integration kein Zustand ist, den man irgendwann abschließt.

Integration bedeutet: gesellschaftliche Teilhabe. Chancen nicht nur zu bekommen, sondern sie auch zu nutzen. Rechte, aber auch Pflichten. Sich einzubringen und mitzumachen, damit aus unserem Land ein Ort wird, in dem sich jeder zu Hause fühlt.

Es heißt, dass Migranten loslassen müssen, nicht auf eine Sprache, eine Kultur, eine Religion beharren dürfen. Aber am wichtigsten ist: Sie müssen ihren Kindern die Möglichkeit geben, ihr eigenes Leben zu leben, frei von ihren eigenen Überzeugungen. Sie müssen dafür sorgen, dass zumindest ihre Kinder ankommen können.

Meine Integration hat funktioniert. Ich habe sie den Müttern meiner Schulfreundinnen zu verdanken, die mir bei den Hausaufgaben geholfen haben. Ich habe sie meiner Lehrerin zu verdanken, die mich in der Schule gefördert hat. Ich habe es also in gewisser Weise dem Zufall zu verdanken, dass ich engagierten Menschen begegnet bin. Das gilt im Übrigen auch für Kinder ohne Migrationshintergrund, deren Eltern zu wenig für deren Bildung tun. Es waren Deutsche, die für uns Gastarbeiterkinder die Brücken in die Gesellschaft gebaut haben. Nicht die Institutionen, nicht die Politik.

Wir müssen zusammen Wege finden und ebnen, die unser Zusammenleben erleichtern - und wenn das gelingt, wird auch die Integration gelingen.

18,6 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Gut die Hälfte von ihnen hat einen deutschen Pass

2,8 Millionen davon stammen aus der Türkei (mit 15 Prozent die größte Gruppe)

28 Prozent beträgt die Armutsquote bei Migranten (Nicht-Migranten: 12,5 Prozent)

43 Prozent der Arbeitslosen haben einen Migrationshintergrund, überdurchschnittlich viele

61 Prozent der türkischstämmigen Migranten fühlen sich der Türkei näher als Deutschland. Gerade in der zweiten und dritten Generation wächst die Distanz

Migranten sind jünger und häufiger arbeitslos

Er galt als DIE Symbolfigur für erfolgreiche Integration im deutschen Spitzensport. 2010 bekam Mesut Özil dafür einen Bambi-Preis.

Acht Jahre später hat der Fußballer seinen Rückzug aus der Nationalmannschaft angekündigt. Auslöser war die Debatte um seinen Auftritt mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Seither streitet Deutschland: Ist Özil ein Sonderfall und selbst schuld? Oder kriegen wir es nicht hin mit der Integration? BamS beantwortet die wichtigsten Fragen:

Wie viele Migranten leben überhaupt in Deutschland?

18,6 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund - das ist gut jeder Fünfte. 9,6 Millionen von ihnen haben einen deutschen Pass. Knapp 9 Millionen sind Ausländer (Statistisches Bundesamt).

Aus welchen Ländern stammen die Migranten?

Die meisten Migranten kommen aus der Türkei (15,1 Prozent), gefolgt von Polen (10,1 Prozent und der Russischen Föderation (6,6 Prozent). Menschen mit Migrationshintergrund sind im Durchschnitt 35,4 Jahre alt, deutlich jünger als diejenigen ohne (46,9 Jahre). Sie sind häufiger ledig (47,3 Prozent zu 39,4 Prozent) und häufiger männlich (51,5 Prozent gegenüber 48,7 Prozent).

Was sind die größten Probleme bei der Integration?

Migranten haben häufiger keinen Schulabschluss. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts lag der Anteil der 18- bis 25-Jährigen ohne Schulabschluss bei Deutschen ohne ausländische Wurzeln von 2005 bis 2016 immer bei rund vier Prozent. Bei Menschen mit Migrationshintergrund sank der Anteil bis 2011 von 10,6 auf 8,3 Prozent, ist seitdem aber wieder auf zwölf Prozent gestiegen. Der Anteil von arbeitslosen Migranten ist überdurchschnittlich hoch. Rund 43 Prozent der Arbeitslosen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Das liegt häufig auch am niedrigeren Bildungsniveau.

Migranten arbeiten überdurchschnittlich häufig im Niedriglohnsektor und damit an der Armutsschwelle. Die Quote liegt bei erwerbstätigen Migranten seit Jahren nahezu konstant bei 13,6 Prozent, bei Erwerbstätigen ohne Migrationshintergrund dagegen nur bei 6,2 Prozent.

Alarmierend ist auch der Befund einer aktuellen Studie der Universität Duisburg- Essen: Unter Zuwanderern mit türkischen Wurzeln wächst in der zweiten und dritten Generation die Identifikation mit der Türkei und nimmt die Verbundenheit mit Deutschland ab! Die Forscher führen dies auch auf die Spannungen zwischen beiden Ländern zurück.

Ist die Integration in Deutschland gescheitert?

Nein, sagt die in Deutschland geborene türkischstämmige CDU-Politikerin Serap Güler, Staatssekretärin für Integration in Nordrhein-Westfalen. Aber sie sei schwieriger geworden. Das habe mit gestiegenen Erwartungen zu tun - auf beiden Seiten: „Für die Integration meines Vaters, der 1963 kam, hat sich niemand interessiert, und er wollte auch nicht mehr als einen Job. Heute fordern wir als Aufnahmegesellschaft zu Recht mehr und auch die andere Seite will nicht nur einen Job, sondern Akzeptanz und Teilhabe.“

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), ist überzeugt: „Die Integration in Deutschland ist weit besser als ihr Ruf. Was tagtäglich funktioniert, darüber wird aber nicht geredet.“ Das sieht auch die Mehrheit der Deutschen so: 52 Prozent glauben laut Emnid-Umfrage, dass Deutschland bei der Integration von Zuwanderern „sehr“ oder „eher erfolgreich“ ist. Eher erfolglos sagen 35 Prozent, nur acht Prozent halten die Integration für völlig gescheitert.

Auch nach Ansicht von Thomas Bauer, Vorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, muss sich Deutschland bei der Integration im internationalen Vergleich nicht verstecken: „Wir stehen besser, zumindest aber nicht schlechter da als andere Einwanderungsländer wie Frankreich, Holland oder Schweden.“ Er rät bei der Integration zu mehr Gelassenheit: „Zuwanderer haben über mehrere Generationen ein Doppelherz. Die Verbindung zur Heimat der Eltern und Großeltern spielt eine wichtige Rolle, die lässt sich nicht einfach abstreifen. Wir müssen akzeptieren, dass solche Vorgänge dauern.“

Wer ist schuld, wenn die Integration scheitert?

36 Prozent der Deutschen glauben: Am Scheitern der Integration sind eher die Zuwanderer schuld. 22 Prozent sehen die Verantwortung bei den Einheimischen. 35 Prozent denken, dass beide Seiten verantwortlich sind.

Der Autor Hamed Abdel-Samad („Integration. Ein Protokoll des Scheiterns“) warnt: „Ich kann nicht Erdogan bejubeln, die Deutschen als ungläubige Rassisten beschimpfen und dann mich beschweren, dass sie mich nicht integrieren wollen.“

Hat der Rassismus zugenommen?

Nicht, was Straftaten betrifft. Laut Verfassungsschutzbericht ist die Anzahl der Körperverletzungen mit fremdenfeindlichem Hintergrund 2017 erstmals seit Jahren gesunken. Auch rechtsextremistisch motivierte Straftaten gegen Asylunterkünfte nahmen im Jahr 2017 sehr deutlich ab (2017: 286, 2016: 907).

Die Integrationsbeauftragte Widmann- Mauz sieht aber eine Zunahme von Tabubrüchen bei Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Rassismus in den letzten Jahren: „Wir stehen in der Pflicht, entschlossen den Kampf gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Diffamierung aufzunehmen.“ Auch die CDUPolitikerin Serap Güler findet, dass Rassismus heute „offener, hemmungsloser“ ausgetragen wird: „Daran haben die sozialen Medien sicher einen Anteil.“ Was früher auf Stammtische begrenzt blieb, erreicht jetzt über Twitter, Facebook und Co. ein Millionenpublikum.

Auch die Mehrheit der Deutschen (57 Prozent) ist überzeugt, dass der Rassismus im Land in den letzten zehn Jahren zugenommen hat. 29 Prozent glauben, er sei gleich geblieben. Von einer Abnahme gehen nur acht Prozent aus. Nach Ansicht von Hamed Abdel-Samad hat nicht der Rassismus zugenommen, wohl aber Diskriminierung und Ressentiments. Dies sei aber auch eine Folge der Flüchtlingskrise.

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