RWI in den Medien

Pflegende Hände werden dringend gesucht

Münsterland Zeitung vom 07.07.2018

Legden. Der Job ist hart und macht nicht reich. Dank ist selten. Altenpfleger machen den Beruf trotzdem aus Berufung. Doch es sind zu wenige. Auch in Legden wird die Suche nach Fachkräften schwieriger.
Von Benjamin Legrand und Ronny von Wangenheim
Altenpflegerin ist ihr Traumberuf. „Ich mag es total gerne, Menschen zu helfen und zu pflegen“, sagt Janine Gillmann. Die 20-jährige Legdenerin ist im zweiten Ausbildungsjahr und erzählt begeistert von ihrer Arbeit im Altenwohnhaus St. Josef.
Altenpflegerin war ihr Traumberuf. Das sagt andererseits eine 23-Jährige, die in der Region seit einigen Jahren im Beruf arbeitet und anonym bleiben möchte: „Unter den jetzigen Bedingungen würde ich den Beruf nicht noch einmal lernen. Man kann einfach keinem mehr gerecht werden.“
Die hohe Arbeitsbelastung, zu wenig Zeit für den Patienten, zu wenig Fachkräfte – die Klagen sind nicht neu. Erst langsam kommt Bewegung in das Thema. 13.000 neue Stellen und deren Finanzierung verspricht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in einem geplanten Sofortprogramm. Rund 23.300 offene Stellen gibt es derzeit in der Altenpflege bundesweit, der Großteil mit rund 14.800 davon für Fachkräfte. Nach einer Umfrage der Gewerkschaft Ver.di fehlen in der stationären Altenpflege sogar 63.000 Fachkräfte, um die bereits vorhandenen 450.000 Altenpflegerinnen und Altenpfleger dauerhaft zu entlasten.
Angesichts der älter werden Gesellschaft wird der Bedarf noch größer. 2015 lebten in NRW 638.100 Pflegebedürftige, 2050 könnte die Zahl nach einer Prognose von IT.NRW auf das Anderthalbfache, auf 943.000 steigen. Mit zwei bis drei Prozent mehr Pflegefällen rechnet NRW-Sozialminister Laumann in Zukunft pro Jahr. „Das bedeutet für NRW, dass wir pro Jahr 4000 zusätzliche Pflegekräfte haben müssen.“ Im Westmünsterland ist die Lage noch nicht dramatisch. Im Legdener Altenwohnhaus, in dem 80 Menschen vollstationär und 28 in betreuten Altenwohnungen leben, gibt es keine offenen Stellen. „Wenn wir eine offene Stelle haben, können wir sie allerdings nicht immer sofort besetzen“, sagt Leiter Wilhelm Winter: „Die Bewerbungen werden weniger.“ Eine Einschätzung, die im benachbarten Ahaus geteilt wird. Caritas-Fachbereichsleiter Matthias Wittland sagt: „Die Zeit, bis eine Stelle besetzt ist, hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt.“
Im Altenwohnhaus St. Josef gibt es 110 Mitarbeiter, davon 65 in der Pflege. Von diesen wiederum sind mehr als 60 Prozent Fachkräfte. „Wir sind zurzeit deutlich überversorgt“, sagt Wilhelm Winter und verweist auf den Pflegebedarfsplan für den Sozialraum Legden, Schöppingen, Heek. Auch 2032, so weit gehen die Berechnungen, werde es noch keine Unterversorgung geben. Er weiß aber auch, dass es in den benachbarten Sozialräumen anders aussieht. Im Sozialraum Ahaus/Vreden fehlen, trotz der Aufstockung im neuen St. Ludger Senioren- und Pflegezentrum in Vreden von 47 auf 80 Plätze, bis zum Jahr 2025 noch rund 100 Plätze, so informiert Tobias Rodig, Pressesprecher des Pflegenetzes Westmünsterland: „Auf jeden Fall ist der Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen im Sozialraum Ahaus/Vreden dramatisch.“
Landesweit sind derzeit 12.000 Pflege- Auszubildende im ersten Lehrjahr, so viele wie noch nie. Immerhin. In Legden sind es fünf Auszubildende, ab Oktober werden es sieben sein. Auch bei den fünf Einrichtungen des Caritasverbandes steigt die Zahl der Auszubildenden gerade von 64 auf 70. Im Pflegenetz Westmünsterland und seinen fünf Seniorenheimen lernen zurzeit 65 Auszubildende, das sind etwa doppelt so viele wie noch vor fünf Jahren. Ob es im nächsten Jahr auch noch so gut aussehen wird, weiß niemand. Wilhelm Winter erzählt, dass die Bewerber deutlich weniger geworden sind und es mehr Anstrengungen braucht, um Nachwuchs zu gewinnen. „Wir sind in Schulen präsent, gehen zu Ausbildungsmessen, bieten Praktika an“, zählt er auf. Auch Janine Gillmann hat erst ein Praktikum in der Einrichtung am Trippelvoetsweg gemacht. Und schnell gemerkt: „Das will ich machen.“ Klar sei es auch mal stressig, sagt sie, betont aber auch: „Zeit habe ich meistens genug. Situationsbedingt nimmt man sie sich auch.“ Der Kontakt mit den Bewohnern, das ist es, was ihr Freude macht. „Die Bewohner zeigen ihre Dankbarkeit mit Worten oder mit Gesten, man bekommt sehr viel zurück.“
Mehr Ausbildung ist eine Möglichkeit, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Und wo sollen die Pflegekräfte noch herkommen? Mehr Berufsrückkehrer, mehr Teilzeit – und mehr Zuwanderer. Ausländische Pflegekräfte werden schon zunehmend eingesetzt. Ihre Zahl hat sich nach Angaben der Bundesregierung seit 2013 fast verdoppelt. 2017 waren 128.000 Pflegekräfte aus dem Ausland sozialversicherungspflichtig beschäftigt.
„Die Pflegekräfte werden in Zukunft aber nicht mehr aus Polen oder Spanien kommen, weil die – etwas zeitlich verlagert – das gleiche demografische Problem haben wie wir“, sagt Boris Augurzky, Gesundheitsökonom des RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Infrage kommen dann Länder mit vielen jungen Menschen. Das sind dann eher Länder wie Indien. Im Westmünsterland sind ausländische Pflegekräfte noch die Ausnahme. In Legden sind es drei, die aber weder eigens angeworben wurden, noch einen Flüchtlingshintergrund haben. Neue Wege geht der Caritasverband Ahaus-Vreden. Er holt Auszubildende Altenpfleger aus Albanien. Drei werden am 1. Oktober im Caritas-Bildungszentrum in Wessum eine Altenpflege-Ausbildung starten. Die Theorie der Marktwirtschaft gilt auch für den Arbeitsmarkt. Eigentlich. Wenn Fachkräfte händeringend gesucht werden, müssten die Löhne eigentlich steigen – um den Job attraktiver zu machen. Gesundheitsökonom Augurzky vertraut auf die Marktkräfte. „Bei so einem Mangel an Arbeitskräften wie derzeit entsteht automatisch Druck auf die Löhne. Ich bin sicher, dass die Löhne steigen werden.“
Altenpflegekräfte verdienen weniger als der Mittelwert der Beschäftigten, so eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans- Böckler-Stiftung. Während der Brutto- Stundenlohn der Beschäftigten in Deutschland 16,97 Euro beträgt, verdienen Altenpflegekräfte nur 14,24 Euro. Die Hoffnung, dass die Löhne allein aufgrund der Nachfrage steigen werden, haben viele aufgegeben. Bundesgesundheitsminister Spahn will bis zum kommenden Jahr einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für die Pflegebranche durchsetzen. Auch NRW-Minister Laumann ist dafür.
Im Altenwohnhaus St. Josef wird Tarif entsprechend den Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) des Deutschen Caritasverbandes gezahlt. „Wir diskutieren selten über die Bezahlung“, sagt er. Wenn es Probleme gibt, ist es eher der Zeitmangel, den Mitarbeiter beklagen. Einen allgemein verbindlichen Tarifvertrag findet er trotzdem gut. „Das wertet den Altenpflegeberuf auf“, sagt er, „ein Negativargument fällt dann weg.“

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