RWI in den Medien

Wehrpflicht und Dienstpflicht: Experten sagen, welche Folgen es hätte

CDU und SPD diskutieren, ob sie eine sogenannte Dienstpflicht einführen sollen. Also eine Art Wehr-Zivil-Dienst für alle.

Huffpost vom 06.06.2018

Im Gespräch ist zum Beispiel ein einjähriger, bezahlter Pflichtdienst für Menschen ab 18 Jahren bei der Bundeswehr, beim Technischen Hilfswerk (THW), in der Umwelt oder Pflege. 

Abgesehen davon, dass diese Art von Zwang rechtlich höchst schwierig umzusetzen ist – welche Effekte hätte so ein Dienst in Deutschland?

Wie viele Menschen würde das betreffen? Wie sieht das Engagement aktuell aus?

Derzeit gibt es viele Menschen, die sich bereits freiwillig engagieren.

Im Bundesfreiwilligendienst (BFD) verrichten derzeit etwa 39.000 Menschen Arbeit im Sozialbereich, in der Kultur, Umweltschutz, Sport, Integration oder Katastrophenschutz. Knapp 70 Prozent von ihnen sind jünger als 27 Jahre, insgesamt sind 55 Prozent Frauen.

Daneben gibt es das Freiwillige soziale oder ökologische Jahr (FSJ oder FÖJ), das von Wohlfahrtsorganisationen oder Kirchen getragen wird. 2015 waren in beiden Sparten zusammen 60.000 junge Menschen tätig.

Nach den neuesten verfügbaren Daten des Statistischen Bundesamts (Stand Ende 2016) lebten in Deutschland etwa 853.000 18-Jährige, die Jahre davor waren geburtenstärker.

Zum Zivildienst waren bis zu 136.000 junge Menschen (im Jahr 2002) eingezogen worden, im letzten vollen Jahr vor seiner Abschaffung dann nur noch rund 78.000 (2010).

Wie viele Menschen freiwillig Wehrdienst leisten, kann die Pressestelle des Bundesverteidigungsministeriums auf Anfrage nicht gleich beantworten. Auch die Zahl der zuletzt eingezogenen Wehrdienstler war zum Vergleich nicht gleich verfügbar.

Von Januar bis August 2017 hatte die Bundeswehr rund 10.000 Bewerbungen bekommen – 15 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum im Jahr zuvor. Der jährliche Mindestbedarf von 8500 Neulingen sei aber gesichert, hieß es damals.

Was eine Dienstpflicht für die Bundeswehr bedeuten würde

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat sich noch nicht zur Debatte geäußert. Vor zwei Jahren lehnte sie eine Wiedereinführung der Wehrpflicht ab.

Der CDU-Verteidigungsexperte Henning Otte sagte der Nachrichtenagentur dpa:

“Eine allgemeine Wehrpflicht alten Zuschnitts hilft uns bei den aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen nicht weiter. Im Vordergrund muss eine leistungsfähige Bundeswehr stehen. Dafür brauchen wir motivierte junge Menschen, die längere Zeit bei der Truppe bleiben und komplexe Technik bedienen können. Diese brauchen Karriereperspektiven, angemessene Vergütung und vor allem gesellschaftliche Anerkennung.”

Welchen Effekt Experten für den Arbeitsmarkt erwarten

Boris Augurzky, Leiter des Bereichs Gesundheit am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) verweist gegenüber der HuffPost auf den Mangel an jungen Menschen infolge des demographischen Wandels.

Wenn sie ein Jahr in Militär, Pflege, Umwelt arbeiten, könnte das zu mehr Bewerbern in diesen Branchen führen, nur fehlten sie dann eben woanders, etwa im Handwerk. Möglich sei auch, dass dann mehr junge Menschen eine Ausbildung machten statt studierten.

Enzo Weber, Professor für Wirtschaftsforschung und Experte des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), sagt der HuffPost, die wenigsten der jungen Eingezogenen würden in der Bundeswehr landen, sondern in einem begrenzten Bereich der Ökonomie. “Das geht nicht ohne Auswirkungen.”

Weber verweist auf Konkurrenz und Abwertung regulär bezahlter Arbeit.

Kritischer aber findet er, dass ein Arbeitsmarkt eigentlich dafür da sei, die richtigen Leute in die richtigen Jobs zu bringen. Stichwort Matching.

Wenn man einen ganzen Jahrgang, also einen Querschnitt der Bevölkerung, in Jobs weniger Branchen bringe, finde kein gutes Matching statt.

Produktiv sei etwas anderes.

Welchen Effekt Experten für die Pflege erwarten

Wirtschaftsexperte Weber sieht das Risiko, dass soziale Arbeit weiter abgewertet wird – was die Politik eigentlich unbedingt vermeiden will.

Er sagt: “Wenn man in den Bereich Leute reinsetzt, die nicht viel verdienen und den regulären Angestellten notwendigerweise Konkurrenz machen, wertet man Arbeit nicht auf.”

Um die Pflege aufzuwerten, brauche es bessere Bezahlung und Bedingungen, man müsse um die Arbeitskräfte werben.

Weber sieht eine Konkurrenzsituation zu den regulären Angestellten.

Es sei nicht plausibel, dass so vielen Menschen ausschließlich Zusatzarbeiten angeboten würden, “Nutzloses”, wie er bewusst provokativ sagt. Vielmehr würden die jungen Menschen doch dringend nötige Arbeiten übernehmen.

Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe sieht den Zwang kritisch, hätte aber “ganz sicher” keine Bedenken, dass Arbeitsplätze verloren gingen, schließlich herrsche Fachkräftemangel und es handele sich um unqualifizierte Helfer.

Ähnlich wie Knüppel argumentiert auch Christine von Reibnitz, Professorin für Gesundheitsmanagement im Gespräch mit der HuffPost.

Nach der Abschaffung des Zivildienstes hätten deutlich weniger Männer einen Pflegeberuf gelernt, weil sie keine Gelegenheit zum Reinschnuppern gehabt hätten.

Der Bundesfreiwilligendienst habe “nicht annähernd” den Rekrutierungseffekt gebracht wie der Zivildienst. Auch der Boys Day, der den Effekt hätte mildern sollen, bringt nach ihrer Erfahrung nichts.

Derzeit hätten gerade junge Pflegebedürftige, die zu Hause versorgt werden, große Probleme, Betreuer zu finden.

Von Reibnitz vermutet, der Dienst würde auch geringer Gebildeten die Möglichkeit geben, in die Pflege hineinzuschnuppern. Der Dienst würde den Pflegeberuf attraktiv machen.

Welchen Effekt Experten für die jungen Menschen erwarten:

Wirtschaftsprozessor Weber sagt, es gebe keine aktuellen Einschätzungen darüber, welche Auswirkungen eine Dienstpflicht auf die Karriere der jungen Menschen haben würde.

Er verweist auf eine Studie aus der Zeit, in der selbst der Zivildienst noch keine verbreitete Alternative zum Wehrdienst gewesen war. Damals habe es weder positive noch negative Auswirkungen gegeben.

Für das eine Jahr des Dienstes aber hält Weber negative Effekte schon für möglich: “Der Nachteil besteht schlicht darin, dass ein junger Mensch ein Jahr nicht machen kann, was er will, ein Jahr später seine Karriere beginnt und auch weniger verdient, als es sonst üblich wäre.”

Zwar diskutieren Politiker über eine “ordentliche” Bezahlung. Das müsste wohl deutlich mehr sein als im Zivildienst, da gab es 10 Euro am Tag, plus Weihnachts- und Entlassungsgeld. Aber ordentlich Bezahlung wäre “exorbitant” teuer.

Ein Beispiel: Bei 20.000 Euro Jahresgehalt, rechnet Weber vor, müsste der Staat 16 Milliarden Euro pro Jahr aufbringen.

Wahrscheinlich ist, dass das Dienstjahr die jungen Menschen in ihrer Zukunftsplanung weiterbringen würde. Jedenfalls sagten mehr als 70 Prozent der Bfudis, FÖJ- und FSJ-ler laut einer Studie des Familienministeriums von 2015, dass der Dienst sie in ihrer beruflichen und Orientierung und Entwicklung vorangebracht habe.

Auf den Punkt:

Experten gehen davon aus, dass ein Pflichtdienst die deutsche Wirtschaft nicht auf den Kopf stellen würde, aber eine nicht unbedingt zulässige Verschiebung mit sich bringen würde.

Ob es der unter Druck geratenen Pflege danach besser oder schlechter ginge, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Hoch