RWI in den Medien

Ist der Boom beendet?

Die ersten Ökonomen halten die Wachstumsprognose der Regierung für nicht mehr erreichbar. Und auch die Konjunkturoptimisten warnen vor Risiken.

Handelsblatt vom 16.05.2018

Norbert Häring, Donata Riedel Frankfurt, Berlin
Zum Regierungsstart war Peter Altmaier (CDU) voller Optimismus. "Die deutsche Wirtschaft kann in den nächsten Jahren weiter um zwei bis 2,5 Prozent pro Jahr wachsen", sagte der neue Wirtschaftsminister kurz nach Amtsantritt. Vielleicht war das vorschnell.
Mittlerweile fürchten einige Ökonomen, dass dem Wirtschaftsboom die Puste ausgeht. Nach vier Jahren Hochkonjunktur mit Wachstumsraten um zwei Prozent könnte die deutsche Wirtschaft am Beginn eines Abschwungs stehen. Zumindest verdichten sich die Anzeichen, dass die Wirtschaft 2018 wohl langsamer wachsen wird als 2017, als sie um 2,2 Prozent zulegte.
Im ersten Quartal ist sie nur um 0,3 Prozent gewachsen. Das ist deutlich weniger als in den Vorquartalen, in denen der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts bei 0,6 und 0,7 Prozent lag. Und es ist langsamer, als Experten noch vergangene Woche dachten. Die Exporte, Wachstumstreiber am Ende des letzten Jahres, gingen zurück, auch importiert wurde weniger. Für das ganze Jahr hält Commerzbank- Chefvolkswirt Jürgen Krämer sogar seine vorsichtige Prognose von 2,0 Prozent von Abwärtsrisiken bedroht.
Anzeichen einer Schwäche gibt es auch für das zweite Quartal, wie Frühindikatoren zeigen: Die Geschäftserwartungen der Unternehmen, die das Münchner Ifo-Institut monatlich abfragt, haben sich im Mai zum fünften Mal in Folge eingetrübt - allerdings bei einer positiven Einschätzung der aktuellen Geschäftslage. Und Börsenanalysten bewerteten die Aussichten für die deutsche Konjunktur im Mai ebenso schlecht wie im April. Das ZEW-Barometer für ihre Erwartungen im kommenden halben Jahr verharrt bei minus 8,2 Punkten.
Die Bundesregierung hält trotzdem an ihrer Prognose eines Wachstums von 2,3 Prozent im Gesamtjahr fest. Die Konjunktur schwäche sich zwar etwas ab, schrieb das Wirtschaftsministerium in seinem am Dienstag veröffentlichten Monatsbericht. "Insgesamt bleibt der Aufschwung der deutschen Wirtschaft aber intakt." Das überdurchschnittliche Niveau der Geschäftsklima-Indikatoren spreche für eine Fortsetzung, "wenn vielleicht auch mit etwas angepasster Dynamik". Dazu hätten einige Sondereffekte beigetragen, die vorübergehend dämpfend wirkten. "Neben der Grippewelle, den vermehrten Streiks und der frühen Lage der Osterferien dürfte sich die vorläufige Haushaltsführung des Bundes spürbar ausgewirkt haben", betonte das Ministerium.
Allerdings sank nicht nur der Staatskonsum, auch die Exporte gingen zurück. Ein Warnsignal? Das Wirtschaftsministerium ist bei der Frage nach der Ursache vorsichtig. "Inwieweit hierzu eine mögliche Verunsicherung durch die seit Beginn des Jahres schärferen außen- und handelspolitischen Töne der Regierung der Vereinigten Staaten beitrug, ist derzeit noch schwer zu beurteilen." Das Statistische Bundesamt betont, dass ohne die vielen Feiertage das Jahreswachstum im ersten Quartal bei 2,3 Prozent liegen würde. Zudem sei des BIP zum 15. Mal in Folge gestiegen. "Das ist die längste Aufschwungphase seit 1991", so die Statistiker.
Krämer überzeugen die amtlichen Argumentationen jedoch nicht. "Die Wachstumszahl ist schlechter, als sie auf den ersten Blick aussieht", argumentiert er. Der Warnstreik in der Metallindustrie im Februar kann nach seiner Ansicht kaum Einfluss auf das Wachstum gehabt haben: Denn sonst hätte die Industrieproduktion nach dem Rückgang im Februar im März wieder sehr kräftig ansteigen müssen. Dass die Grippewelle oder das Winterwetter die Konjunktur vorübergehend gedämpft hätten, glaubt Krämer ebenfalls nicht: Ausgerechnet die wetterabhängigen Bauinvestitionen seien ja angezogen und hätten die Exportdelle wettgemacht.
Die meisten Ökonomen sind allerdings optimistischer. "Der Konjunkturaufschwung hat sich etwas abgekühlt, ist aber nach wie vor intakt", sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest dem Handelsblatt. "Für die nächsten Monate ist wieder stärkeres Wachstum zu erwarten."
Auch der Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, nennt die Konjunkturdämpfer vorübergehend: "Wenn die Wirkung der Sonderfaktoren ausgelaufen ist, dürfte wieder klarer zutage treten, dass die deutsche Wirtschaft grundsätzlich in einer soliden Verfassung ist", sagte Schmidt dem Handelsblatt. Zu den Sonderfaktoren zählt er neben Feiertagen und Grippewelle auch Kapazitätsengpässe wegen der langen Dauer des Aufschwungs. Diese dürften aber durch Investitionen abgebaut werden.
Schmidt hält das Fundament des Aufschwungs auch deshalb für stabil, weil der Beschäftigungsaufbau anhält: 609 000 Personen mehr als vor einem Jahr haben einen Arbeitsplatz. Dies führe zu höheren Löhnen und mehr Konsum. Zudem befinden sich "die Auftragsbestände der Industrie auf einem Rekordhoch", so Schmidt.
DIW-Präsident Marcel Fratzscher hält die Binnenkonjunktur sogar für so stark, dass er weiter mit einem Wachstum von "zwei Prozent oder mehr" rechnet. "Deutschland dürfte noch mindestens zwei weitere wirtschaftlich sehr gute Jahre erleben."
Auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger sieht keinen Anlass, die Grundannahme stabilen Wachstums infrage zu stellen: "Der Internationale Währungsfonds ist optimistisch für die Entwicklung der Weltwirtschaft, die Zinsen bleiben niedrig, die Finanzpolitik sorgt eher für Rückenwind, als zu bremsen, und die höheren Lohnsteigerungen sorgen für gestiegene Kaufkraft der heimischen Konsumenten."
Die Risiken nehmen zu Allerdings warnen auch die optimistischeren Ökonomen vor wachsenden Risiken für die Konjunktur. Das größte, weil am schwersten einzuschätzende Risiko heißt Donald Trump: Sollte der US-Präsident die Handelskonflikte mit der EU und China weiter eskalieren, wird dies Auswirkungen auf den bisher kräftigen Welthandel haben. Die deutsche Exportindustrie dürfte herbe Rückschläge erleiden. Kein Ökonom hat bisher die Risiken in Negativszenarien für die deutsche Wirtschaft umgerechnet.
Bisher hat es auch noch keinen konjunkturellen Wendepunkt gegeben, der vorher exakt prognostiziert worden wäre: Meist sehen Ökonomen erst mit mehr als sechs Monaten Verspätung, ob ein Wachstumsrückgang nur eine vorläufige Delle war oder der Beginn eines Abschwungs.
Ein weiteres Risiko, das in den letzten Monaten stark zugenommen hat, ist der Ölpreisanstieg: In Euro gerechnet, ist er in den letzten zwölf Monaten von 45 auf 65 Euro gestiegen. Das ist eine Zunahme um 44 Prozent.
Ölpreissteigerungen drücken typischerweise erst mit einigen Monaten Verzögerung mit vollem Gewicht auf die Konjunktur. Denn durch Lagerhaltung und langfristige Lieferverträge dauert es eine Weile, bis die Importrechnung steigt. Für die exportabhängige deutsche Wirtschaft ist der höhere Ölpreis aber nicht ausschließlich schlecht: Die ölexportierenden Länder nehmen mehr ein - und geben einen guten Teil davon wieder für Güter aus Deutschland aus. "Die Verschärfung der Lage im Iran und damit verbunden ein weiterer Ölpreisanstieg" könnte laut Fuest die Aussichten unterm Strich dennoch eintrüben.
"Auch politische Unsicherheiten in Italien und anderswo könnten die deutsche Wirtschaft empfindlich schwächen", sagte Fuest. Ohnehin ist eine gute Konjunktur in den anderen Ländern der Euro-Zone ein Gewinn für die deutsche Wirtschaft. Das Wachstum hat sich allerdings im ersten Quartal auch in der ganzen Euro-Zone auf 0,4 Prozent abgeschwächt, meldeten die Statistiker von Eurostat.
Wie sich die Zinsentwicklung auf das Wachstum auswirken wird, ist ebenfalls noch unklar. In der Euro-Zone erwarten Ökonomen kurzfristig noch keine Zinswende. In den USA allerdings sind die Zinsen bereits gestiegen. Sie könnten in stark in Dollar verschuldeten Unternehmen aus Ländern wie China Probleme bereiten, was wiederum den deutschen Exporteuren schaden würde. Commerzbank-Volkswirt Jürgen Krämer warnte denn auch vor Beschwichtigung. "Fakt ist, dass solche Wachstumsdellen seit Anfang der 1970er-Jahre im Schnitt zwölf Monate gedauert haben", sagte er. "Wir sind mittendrin in der Wachstumsdelle. Wirklich entspannt kann man erst sein, wenn sie vorüber ist."

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