RWI in den Medien

Verhaltensökonomen testen Energieverbraucher

Tagesspiegel vom 12.01.2018

Die Verhaltensökonomik, ein junger und erfolgreicher Zweig der Wirtschaftswissenschaften, hat sich auch das Thema Energie vorgenommen. Die ersten Ergebnisse: Verbraucher lassen sich zur Sparsamkeit anhalten, in den USA sind die Effekte aber größer als in Deutschland.
„Die Verhaltensökonomik ist sehr relevant, das zeigt ja auch der Nobelpreis für Richard Thaler im vergangenen Jahr“, sagt Thalers junger Kollege Mark Andreas Andor vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Mit dem Preisträger von der University of Chicago würde Andor sich nie vergleichen – aber beide forschen auf dem gleichen Gebiet: Der Mensch handelt oft nicht so rational wie in der klassischen ökonomischen Theorie angenommen. Deshalb ist es für Verhaltensökonomen sinnvoll, sich auch der Erkenntnisse aus Psychologie und Neurowissenschaften zu bedienen. Eine ihrer wichtigsten Fragen: Wie lässt sich das Verhalten von Menschen durch das sogenannte Nudging, also Anstupsen, in eine gewünschte Richtung verändern – zum Beispiel in Richtung gesunde Ernährung oder Umweltfreundlichkeit?
Andor und seine Kollegen in Deutschland und anderen Ländern beschäftigen sich damit, wie man Unternehmen und Privatpersonen zu sparsamerem Umgang mit Energie anhalten kann. Das geht, aber nicht mit allen Instrumenten und in allen Ländern gleich gut. Im Gespräch mit Background gibt Andor einen Überblick.
In den USA verschickt der Dienstleister Opower im Auftrag von Energieversorgern an mehr als zehn Millionen Haushalte sogenannte Home Energy Reports. In diesen Energiesparbriefen gibt die heutige Tochter des IT-Konzerns Oracle nicht nur Tipps zum Energiesparen, sondern schreibt den Kunden auch, wie hoch ihr Gas- und Stromverbrauch im Vergleich zu ähnlichen Haushalten ist. Sparen die Menschen daraufhin Energie, werden sie mit unterschiedlichen Smileys belohnt.
In einer wissenschaftlichen Studie mit 600.000 Haushalten von Opower stellte sich heraus, dass die Briefe im Durchschnitt zu einer Einsparung von zwei Prozent führten. Damit war der Einsatz des Instruments gesamtwirtschaftlich effizient. Interessante Nebenerkenntnis: Wähler der US-Demokraten sparten noch mehr Energie, wenn sie durch ein Smiley gelobt wurden, Wähler der Republikaner ließen daraufhin in ihren Anstrengungen nach.
In Deutschland waren ähnliche Versuche weniger erfolgreich. Nach Andors Einschätzung könnte das grundsätzlich daran liegen, dass zum Beispiel der durchschnittliche Stromverbrauch der deutschen Haushalte bei 3300 Kilowattstunden im Jahr liegt, in den USA bei 12.300 Kilowattstunden. Da gebe es hierzulande offenbar weniger Einsparpotenzial. Gleichwohl zeigten sich auch in Deutschland deutliche Unterschiede: Die Städtischen Werke Kassel verschickten Energiesparbriefe mit Vergleichsdaten von anderen Haushalten. Der Effekt war mit einer Reduktion von 0,7 Prozent so gering, dass sich der Aufwand nicht lohnt. Bei Eon kamen nur 0,1 bis 0,2 Prozent Einsparung heraus – allerdings gab es hier nur Informationen, keinen sozialen Vergleich. Mit genau dem gleichen Instrument wie Eon erreichte die Schweriner Wemag hingegen eine Reduktion von 1,4 Prozent im ersten Jahr, im zweiten etwas weniger. Möglicherweise haben die Kunden zu einem kleinen Versorger wie der Wemag eine engere Bindung als zu Eon und kooperieren stärker.
In den USA wurde in der Studie nach einem Jahr auch gefragt, wieviel Geld die Menschen dafür zahlen würden, die Briefe weiterhin zu erhalten. Die Zahlungsbereitschaft lag im Durchschnitt bei 50 Prozent der erzielten Energieeinsparung. Bei einigen Kunden war die Zahlungsbereitschaft sogar negativ: Sie wollten dafür zahlen, diese „nervenden“ Briefe nicht mehr zu bekommen.

Hoch