RWI in den Medien

Den Schönen die Welt, den Hässlichen das Geld

Attraktivität zahlt sich auch auf dem Gehaltsscheck aus, diese Erkenntnis galt lange als gesichert. Jetzt belegen Forscher das Gegenteil. Am besten verdienen besonders hässliche Menschen.

Die Welt vom 30.04.2018

Fanny Jiménez
Es war schon ein bisschen deprimierend, als die Ökonomin Eva Sierminska vor drei Jahren die Befunde zusammentrug. Die Wissenschaftlerin, die unter anderem am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) arbeitet, wollte wissen, ob es ihn wirklich gibt: den "Schönheitsbonus" im Job.

Die Lage schien klar. Schöne Menschen werden öfter zum Bewerbungsgespräch eingeladen, Chefs trauen ihnen mehr zu, und Kollegen arbeiten lieber mit ihnen zusammen. Ist das Äußere im Berufsalltag wichtig, etwa in Jobs mit vielen Kundenkontakten oder repräsentativen Funktionen, dann müssen sich die Schönen weitaus weniger anstrengen, um das gleiche Geld mit nach Hause zu nehmen wie weniger attraktiven Kollegen.

In manchen Branchen scheinen sich schöne Menschen deswegen geradezu zu sammeln. Und: Gut aussehende Männer profitieren noch etwas mehr als gut aussehende Frauen. Während sie in Deutschland fünf bis sieben Prozent mehr abstauben als ihre weniger attraktiven Kollegen, sind es bei Frauen im Schnitt nur zwei bis vier Prozent mehr. Es schienen schlechte Zeiten zu sein für jene, die eher durchschnittlich aussehen oder so gar nicht mit einem attraktiven Äußeren gesegnet sind.

Jetzt aber wird die eigentlich gut belegte These des "Schönheitsbonus" angezweifelt, von Satoshi Kanazawa von der London School of Economics und Mary Still von der University of Massachusetts. Sie schreiben im "Journal of Business and Psychology": Gerade jene, die als besonders unattraktiv wahrgenommen würden, hätten oft den größten Gehaltsscheck. In die Analyse der Wissenschaftler sind die Daten von mehr als 20.000 jungen US-Amerikanern eingeflossen. In fünf Wellen waren die Teilnehmer zwischen 1994 und 2008 befragt worden - und ihre Attraktivität war von unabhängigen Beobachtern festgehalten worden. Auch wenn Schönheit subjektiv ist: Ob ein Mensch sehr attraktiv, attraktiv, durchschnittlich, wenig attraktiv oder sehr unattraktiv ist, darauf können sich Beobachter gut verständigen. Und gerade die Hässlichsten schienen die besten Verdiener zu sein. Wichtig sei, dass man leicht unattraktive Menschen nicht mit den sehr unattraktiven mische, betonen die Forscher. "Sehr unattraktive Teilnehmer verdienten immer deutlich mehr als jene, die nur ein bisschen unattraktiv waren", schreiben sie. "Manchmal verdienten sie mehr als durchschnittlich aussehende oder sehr schöne Teilnehmer."

Auch sie fanden also eine Art "Schönheitsbonus" - denn sonst hätten die sehr Unattraktiven regelmäßig alle anderen übertrumpfen oder zumindest gleich viel verdienen müssen. Kanazawa und Still können dieses Ergebnis aber erklären. Rechneten sie Intelligenz, Gesundheit und bestimmte Persönlichkeitsmerkmale aus diesem "Schönheitsbonus" heraus, dann blieb nichts mehr von ihm übrig.

Mit anderen Worten: Attraktive Menschen werden vielleicht als schön eingestuft, bekommen aber nicht deswegen mehr Geld, sondern weil sie schlauer und gesünder wirken und eine offenere und positivere Persönlichkeit ausstrahlen. Ihre Studie sei damit die erste, die das Geheimnis des Schönheitsbonus gelüftet und die Existenz eines "Hässlichkeitsbonus" gezeigt habe, schlussfolgern die Wissenschaftler. Andere Experten sind kritisch. Der Ökonom Daniel Hamermesh on der University of London etwa bemerkte, dass Wissenschaftler mit demselben Datensatz, den auch Kanazawa und Still verwendet hatten, zu ganz anderen Ergebnissen gekommen sein - die wiederum den Schönheitsbonus stützen.

Die Besonderheit sieht er eher in dem "Hässlichkeitsbonus", einem Fund, der sich allerdings nur auf eine kleine Gruppe von Menschen bezieht. Während in dieser Gruppe nur 280 der Teilnehmer landeten, kamen in die anderen Gruppen der Studie, die der unterdurchschnittlich Attraktiven, durchschnittlich Attraktiven, Attraktiven und überdurchschnittlich Attraktiven, jeweils über 4500 Teilnehmer.

Auch der Arbeitsökonom Thomas Bauer vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen würde gern eine breitere Datenbasis sehen, bevor behauptet wird, dass sehr unattraktive Menschen mehr verdienen. Und er gibt zu bedenken, dass das mittlere Einkommen der einzelnen Gruppen nur in den USA wirkliche Aussagekraft habe. Denn hierzulande gebe es oft Tarifverträge, die das Gehalt regeln - unabhängig davon, wie gut jemand aussieht.

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