RWI in den Medien

Wer kauft Deutschland?

Wie Supercomputer Aladdin für einen Giganten aus Amerika zaubert, warum Chinas Superreiche besonders heiß auf deutsche Firmen sind - und wo der größte Staatsfonds der Welt jetzt zuschlagen will.

Bild am Sonntag vom 08.04.2018

Für Aktionäre deutscher Firmen ist gerade die beste Zeit des Jahres. Im April und Mai schütten die meisten Dax-Konzerne ihre Dividenden aus, in diesem Jahr rund 33 Milliarden Euro. Ein Rekord. Doch mehr als die Hälfte davon fließt ins Ausland - weil über 50 Prozent der Dax-Aktien ausländischen Investoren gehören!
Einkaufsparadies Deutschland: Der Einstieg des chinesischen Autobauers Geely mit fast zehn Prozent bei Daimler war ein Paukenschlag. Amerikaner und Norweger sind ebenfalls auf Shoppingtour, kaufen sich für Milliarden Unternehmen und Immobilien. Bayer gehört zu 72 Prozent ausländischen Investoren, Adidas zu 80 Prozent. Wer sind die Firmen- und Flächenkäufer? Und: Müssen wir uns Sorgen machen?
Der Gigant aus den USA
Fast jede vierte Dax-Aktie ist in amerikanischem Besitz. Stramme 65 Milliarden hält allein Vermögensverwalter Blackrock an den 30 größten deutschen Konzernen, ein durchschnittlicher Anteil von fast sechs Prozent. Niemand auf der Welt verwaltet mehr Geld.
Bei Blackrock geht nichts ohne Aladdin. So heißt das gewaltige Computersystem, das alle Risiken bewertet. 5000 Großrechner erstellen 200 Millionen Kalkulationen pro Woche aus Unternehmenszahlen, Konjunkturdaten und Gesetzen. Firmenchef Larry Fink (65) hat angekündigt, dass er sich bei seinen deutschen Beteiligungen mehr einmischen will.
Die Superreichen aus China
Chinesische Investoren haben 2017 eine Rekordsumme in deutsche Unternehmen investiert: 12,2 Milliarden Euro. Die Regierung Chinas will spätestens 2049, zum 100. Geburtstag der Volksrepublik, DIE industrielle Supermacht der Welt sein.
Und Chinas Reichste helfen mit. Milliardär Li Shufu (54), Sohn eines Reisbauern, machte seine erste Million mit Kühlschränken. Heute ist er Mitglied in der Beraterkonferenz der Kommunistischen Partei und besitzt 9,7 Prozent von Daimler.
Der Chinese Chen Feng (64) hält mit seinem Konzern HNA (Tourismus, Fluglinien) 8,8 Prozent an der Deutschen Bank. Buddhist Feng: "Ich führe ein einfaches Leben." Das sieht so aus: Er fliegt mit einem Gulfstream-Privatjet um die Welt.
Der gebürtige Chinese Li Ka-shing (89, Spitzname "Superman") exportierte mit 19 Plastikblumen in die USA. Zuletzt übernahm er für 4,5 Milliarden Euro den Essener Energiedienstleister Ista. Kashing gehören auch 40 Prozent der Rossmann-Drogeriemärkte. "Ein sehr freundlicher und entspannter Umgang", sagt Firmengründer Dirk Roßmann (71). Die Kauflust der Chinesen ist ungebremst. Eine Umfrage des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft für BamS unter 1056 Mittelständlern ergab: An jeder zehnten Firma haben chinesische Investoren schon mal Interesse gezeigt.
Die Öl-Macht aus Norwegen
Der größte Einzelinvestor der Welt ist der norwegische Staatsfonds. Seit 1996 spart Norwegen seine Ölgewinne: 811 Milliarden Euro hat das Volk mit 5,2 Millionen Einwohnern angehäuft - 156 000 Euro pro Norweger.
34,2 Milliarden Euro aus Norwegen stecken derzeit in 197 deutschen Aktiengesellschaften von A wie Adidas (2,5 %) bis Z wie Zalando (0,6 %). Selbst ein Prozent an Borussia Dortmund. Derzeit suchen die Norweger nach Investitionsmöglichkeiten im Mittelstand. Beteiligt sind sie bisher an Carl Zeiss, Brillenhändler Fielmann und der Baumarktkette Hornbach.
Kaufrausch auf den Immobilienmärkten
Auch in 16 deutschen Immobilien stecken Millionen aus Norwegen. Die Nordlichter kaufen Büro- und Handelsflächen, ihnen gehört jeweils die Hälfte am "SZ"-Tower in München, dem Gebäudekomplex "Die Welle" in Frankfurt und am "Neuen Kranzler-Eck" am Berliner Ku'damm. Dazu kommen Gewerbegebiete in der Provinz - wie in Alzenau bei Aschaffenburg.
Und auch hier sind die Norweger nicht allein. Fast 27 Milliarden Euro steckten ausländische Investoren 2017 in deutsche Lagerhallen, Büros, Kaufhäuser und Hotels. Kamen 2009 nur 14 Prozent der Gewerbeimmobilien-Käufer aus dem Ausland, waren es 2017 schon 47 Prozent, ergab eine Studie der Immobilienberatung Savills.
Die Käufer stammen vor allem aus Nordamerika, doch die Chinesen holen auf. Den größten Deal des vergangenen Jahres lieferte der Staatsfonds China Investment Corporation (CIC): Für rund zwei Milliarden Euro schnappte er sich bundesweit mehrere Hundert Lagerhäuser und Verteilerzentren von Logicor. Europas größter Logistikflächen-Anbieter hat Kunden wie Amazon. Chinesische Investoren konzentrieren sich auf Logistikstandorte. Als Türöffner zum deutschen Markt für chinesische Firmen?
Der Traum von der Wohnung in Deutschland
Frankfurt am Main, zwischen Hauptbahnhof und Messe wächst auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs ein ganz neuer Stadtteil. Ein Bus hält vor einem der neuen Wohnblöcke, 40 Chinesen strömen in das siebenstöckige Haus mit 100 Wohnungen, fotografieren. "In China gibt es Reisebüros, die Pauschalreisen nach Deutschland anbieten. Da steht dann zuerst ein Besuch einer Messe auf dem Programm, danach Immobilienshopping", sagt Maklerin Lin Dattner (48), die den Termin organisiert hat. Tatsächlich haben dann auch Chinesen gekauft.
Nebenan, im 170 Meter hohen Grand Tower an der Messe, hat die Maklerfirma Jones Lang Lasalle (JLL) schon fast alle Wohnungen verkauft, obwohl gerade mal der Rohbau steht. "Wir haben Käufer aus 30 Nationen", sagt Thomas Zabel (49) von JLL. "Nur 40 Prozent kommen aus Deutschland." Im Zentrum Berlins entsteht am Alexanderplatz der 150 Meter hohe Capital Tower, schon jetzt trägt er den Spitznamen "Russen-Turm". Dahinter steht das russische Baukonsortium Monarch.
Nicht nur gut betuchte Käufer träumen von der Wohnung in Deutschland. "Die meisten sind aus der Mittelklasse. Ihre Investments liegen größtenteils zwischen 250 000 und 600 000 Euro", so Zabel. Kürzlich hat ihn eine Frau aus Singapur nach Kaufmöglichkeiten gefragt - für ihre Tochter, die mal hier studieren soll. Auf die Frage nach deren Alter hat sie geantwortet: "Sie ist noch nicht geboren."
Was haben wir Deutsche von Investitionen aus dem Ausland?
"Sie schaffen Arbeitsplätze, führen zu mehr Innovationen, sorgen für höhere Produktivität und damit auch für höhere Löhne", sagt Christoph Schmidt, Präsident des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung und Chef der Wirtschaftsweisen. "Langfristig wären höhere Hürden und weniger Direktinvestitionen schlecht für den Wohlstand." Gleichzeitig sind für uns als Exportnation ausländische Beteiligungen wichtig, um neue Absatzmärkte im Ausland zu erschließen. Schmidt: "Gerade die deutsche Volkswirtschaft ist daher auf wechselseitig offene Märkte angewiesen."
Amerikanische Investoren schauen vor allem darauf, dass die Rendite stimmt. Das kann bittere Folgen haben, wenn aggressive "Heuschrecken" Firmen ausplündern. Karstadt-Mitarbeiter können ein (Klage-)Lied davon singen: Der vermeintliche Retter, der Deutschamerikaner Nicolas Berggruen (56), investierte wenig in die Geschäfte, verscherbelte lieber die Immobilien in besten Innenstadtlagen.
Vor der chinesischen Offensive haben viele Deutsche Angst. Sie fürchten einen Ausverkauf unseres Know-hows. Und die Staatsmacht hinter den Investoren. Zu Recht: Dem chinesischen Versicherer Anbang gehört das New Yorker Hotel "Waldorf Astoria". Wegen Korruptionsverdacht stellten Chinas Behörden Anbang Anfang des Jahres unter staatliche Zwangsverwaltung. Durch die Hintertür wurde das "Waldorf Astoria" so über Nacht quasi zur chinesischen Staatsfirma. Immer wieder gibt es in China Prozesse gegen Firmenbosse, die bei der Führung der Kommunistischen Partei in Ungnade gefallen sind. Der Streit um den Augsburger Roboterbauer Kuka schlug vor zwei Jahren Wellen bis in die Politik. Zuerst beteiligte sich der chinesische Haushaltsgerätehersteller Midea mit 13,5 Prozent an Kuka. Überraschend schluckten die Chinesen Kuka dann ganz.
Weil die Firma Schlüsseltechnologien für die Digitalisierung von Fabriken besitzt, sorgte der Fall für heftige Debatten. Die Bundesregierung verschärfte das Außenwirtschaftsgesetz. Seitdem kann Berlin ein Veto einlegen, wenn durch eine Übernahme wichtiges Knowhow ins Ausland verloren ginge. Und die Bundesregierung mischt sich ein. Das chinesische Unternehmen State Grid wollte sich am deutschen Stromnetzbetreiber 50Hertz beteiligen. Stromnetze gelten als hochsensible Infrastruktur. Vor zwei Wochen platzte der Deal: Das Bundeswirtschaftsministerium überzeugte den belgischen Konkurrenten Elia, seinen Anteil aufzustocken. Damit nicht die Chinesen den Zuschlag bekommen.

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