RWI in den Medien

Das teure Ende der Grippe

GESUNDHEIT Die Influenzawelle ebbt langsam ab. Experten sprechen vom heftigsten Ausbruch der vergangenen Jahre. Der wirtschaftliche Schaden geht in die Milliarden.

Mitteldeutsche Zeitung - Saalekurier Halle, Saalekreis vom 23.03.2018

VON JULIUS LUKAS HALLE/MZ - Die Lage in den Wartezimmern der Arztpraxen normalisiert sich - allerdings nur sehr langsam: In der elften Kalenderwoche (12. bis 18. März) sank die Zahl der Grippefälle in Sachsen-Anhalt erstmals seit Anfang Februar. 4 644 Neuinfektionen wurden registriert. Das waren über 200 weniger als in der Vorwoche. "Die Meldezahlen liegen noch auf einem sehr hohen Niveau", stellt der Bericht des zuständigen Landesamtes für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt dazu fest. Insgesamt scheine die Influenza-Aktivität aber langsam nachzulassen.

Mit den rückläufigen Zahlen kann auch eine erste Bilanz der Grippesaison gezogen werde. Und die Experten sind sich einig, dass die Virusinfektion so heftig wie seit Jahren nicht mehr wütete. In Sachsen-Anhalt starben bisher 39 Personen in Folge einer Influenzaerkrankung. Das sind schon jetzt 19 mehr als im Vorjahr. Auch bundesweit wurden vergleichsweise hohe Werte erreicht.

Neben den gesundheitlichen Folgen der Grippeperiode lässt sich mittlerweile auch abschätzen, wie hoch der ökonomische Schaden ausfällt. Das Leibniz- Institut für Wirtschaftsforschung Essen (RWI) schätzt, dass Kosten in Milliardenhöhe entstanden sind. Hauptgründe sind der Arbeitsausfall durch krankgeschriebene Mitarbeiter sowie ausbleibender Konsum. "Wenn ich krank zu Hause liege, kann ich eben nicht in ein Restaurant gehen", erklärt Torsten Schmidt vom RWI.

Der Konjunkturexperte hatte vor drei Jahren die volkswirtschaftlichen Folgen der ebenfalls heftige Grippesaison 2014/15 untersucht: "Damals sind wir auf einen bundesweiten Schaden von etwa 2,2 Milliarden Euro gekommen", so der Forscher. In diesem Jahr dürfte dieser Betrag die Untergrenze der entstanden Kosten bilden. "Wahrscheinlich ist der Schaden deutlich höher", so Schmidt. Das liege vor allem daran, dass in dieser Saison Menschen im mittleren Alter besonders stark von den Infektionen betroffen sind. Dadurch ist der Arbeitsausfall wohl höher als vor drei Jahren, wo deutlich mehr Senioren an Grippe erkrankten.

Die heftige Ausprägung der Grippewelle in diesem Jahr liegt für Dieter Worlitzsch an der Art, wie die Influenza aufgetreten ist. "Von den zwei Virentypen die es gibt, war in den vergangenen Jahren immer der Typ A dominant", sagt der Leiter der Krankenhaushygiene am Uniklinikum Halle. "In dieser Saison wurden aber über 90 Prozent der Grippefälle durch Typ B ausgelöst." Das sei sehr überraschend und nicht vorhersagbar gewesen, so Worlitzsch.

Eine Folge dieser untypischen Ausprägung ist, dass der Dreifach-Impfstoff, den die meisten Patienten bekommen haben, nicht ausreichend schützt. "Seine Zusammensetzung wird ein halbes Jahr vor der Saison festgelegt und da war diese Entwicklung eben nicht abzusehen", sagt Hygieniker Worlitzsch. Erste Analysen des Robert Koch-Instituts (RKI) hätten allerdings gezeigt, dass der Impfstoff - obwohl er gegen vorherrschende Typ-B-Viren keinen Schutz bietet - doch recht gut wirkt. Das hängt laut RKI mit Kreuzimmunitäten zusammen. Einfach gesagt: Die Komponenten der Impfung schützen quasi ungewollt auch vor Typ-B-Viren.

Ein weiterer Grund für die starke Influenzawelle in diesem Jahr ist für Dieter Worlitzsch deswegen die Impfmüdigkeit. "Bei der Grippe ist die in Deutschland sehr hoch", sagt der Arzt. Zahlen aus der vergangene Saison bestätigen das. Nur 35 Prozent der Bundesbürger hatten sich da impfen lassen. Dabei gelte nach wie vor, dass eine Impfung der beste Schutz vor der Grippe ist. "Die Grippe-Impfmüdigkeit ist in Deutschland sehr hoch." Dieter Worlitzsch Hygiene-Leiter Uniklinikum Halle Foto: Uni Halle

Hohe Dunkelziffer
Experten gehen sowohl bei der Zahl der Grippefälle als auch bei den Todesfälle in Folge einer Influenza von einer hohen Dunkelziffer aus. Das liegt etwa daran, dass nur durch Labore festgestellte Grippefälle erfasst werden. Nicht jeder Arzt schickt jedoch Patientenproben ein. Bei Todesfällen von älteren Personen wird oft auch nicht genau diagnostiziert, woran derjenige gestorben ist.

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