RWI in den Medien

Wann wird Strom endlich billiger?

Die Energiewende lassen sich die Deutschen einiges kosten. Und die Stromkonzerne verlieren ihre Identität. Da läuft etwas schief.

Frankfurter allgemeine Sonntagszeitung vom 18.03.2018

Zwanzig Jahre ist es her, da ward der Menschheit eine goldene Zukunft verheißen. Genauer gesagt: Die Stromverbraucher in Deutschland sollten es fortan besser haben. Das Zauberwort dafür hieß Liberalisierung. Befreit wurden die Deutschen von der traditionellen Territorialherrschaft ihrer örtlichen Energieversorger. Zuvor hatte allein der Wohnort bestimmt, von wem man seinen Strom bezog. Die Stadt- und Überlandwerke machten sich untereinander keine Konkurrenz, keiner wilderte im Revier des Nachbarn; wem in einer Stadt oder einem Landkreis das Stromnetz gehörte, der lieferte dort auch den Strom. Das war eine übersichtliche Angelegenheit, aber leider nicht immer besonders effizient. Nun aber durften die Kräfte des Wettbewerbs ran, auf dass der Kunde die Wahl habe und der Strompreis sinke.

So groß war dieser ordnungspolitische Einschnitt, dass sich die gesamte Energiebranche in Deutschland neu sortierte. Nach Ansicht der Strategen in den Firmenzentralen erforderte nämlich der neue Konkurrenzkampf, den sich die Stromanbieter um die Verbraucher liefern sollten, eine Etage darüber bei den Kraftwerken eine Bündelung der Marktanteile in der Hand weniger schlagkräftiger Firmen. Um die Jahrtausendwende nahmen so die vier großen Energiekonzerne Form an, die in Deutschland bis heute den Ton angeben: RWE baute seine starke Stellung im Westen durch Übernahmen aus. Die ehemals staatlichen Mischkonzerne Veba und Viag schlossen sich unter dem Kunstnamen Eon zum größten Stromerzeuger im Land zusammen. Im Osten bekam der schwedische Staatskonzern Vattenfall, der sich zuvor schon in Hamburg und Berlin eingekauft hatte, den Zuschlag für die einst volkseigenen Kraftwerke und Stromnetze der untergegangenen DDR. Und im Südwesten fusionierten der größte badische und der größte schwäbische Anbieter zur neuen Firma ENBW. Fertig war das Oligopol, gemeinhin die beste Voraussetzung für stabile Geschäfte.

Zwanzig Jahre später wissen wir: Der Strompreis in Deutschland ist nicht gesunken, sondern gestiegen, im Durchschnitt von 17 auf knapp 30 Cent je Kilowattstunde. Selbst unter Berücksichtigung der Inflation ergibt sich noch ein Aufschlag von gut 30 Prozent. Wie war das noch gleich mit dem Segen der Liberalisierung für die Verbraucher? Und die Viererbande aus RWE, Eon, ENBW und Vattenfall steckt mittendrin in einer ausgewachsenen Selbstfindungskrise. Wer dafür noch einen Beweis brauchte, bekam ihn in der vergangenen Woche: Die beiden Marktführer, Eon und RWE, haben sich auf einen spektakulären Tausch von Unternehmensteilen geeinigt, schütteln große Teile ihrer bisherigen Identität ab und hoffen auf bessere Zeiten. Wie war das noch gleich mit den stabilen Geschäften im Oligopol?

Um Antworten auf die beiden Fragen der Woche zu finden, muss man sich klarmachen, womit Energieversorger ihr Geld verdienen. Nämlich nicht nur mit der Stromerzeugung im Kraftwerk, sondern auch mit dem Betrieb von Stromnetzen und mit dem Verkauf des Stroms an die Verbraucher. Das sind drei verschiedene Märkte mit unterschiedlichen Regeln und unterschiedlicher Wettbewerbssituation. Man muss sich außerdem vergegenwärtigen, mit welcher Wucht der Ausstieg aus der Atomkraft und die zunehmende Förderung von Wind- und Sonnenenergie die Branche erwischt hat: Mehr als 150 Milliarden Euro aus der EEG-Umlage hat das Erneuerbare-Energien-Gesetz seit 2000 zu den aus dem Boden sprießenden Ökostromerzeugern geschaufelt. Eine gigantische Summe; genug, um jedem Deutschen rund 2000 Euro zu schenken. Aber zuerst muss man verstehen, was Eon und RWE nun vorhaben. An großen Worten war kein Mangel, als die Chefs der beiden Konzerne in der vergangenen Woche in Essen ihre Pläne vorstellten. Sie wollen künftig nicht mehr auf allen drei Hochzeiten des Energiemarkts tanzen, sondern sich spezialisieren. RWE soll zu einem reinen Stromerzeuger ganz ohne Stromnetze und Endkunden werden und Eon zu einem reinen Stromverteiler ganz ohne Kraftwerke. Das könnte die Rivalen zu ziemlich besten Freunden machen; sie kommen sich jedenfalls nicht mehr in die Quere. RWE wird sogar zum Großaktionär von Eon und überweist 1,5 Milliarden Euro auf das Konto des Nachbarn. Es gab darob viele Superlative in Essen zu hören. Besonders warf sich Johannes Teyssen in die Brust, der Vorstandsvorsitzende von Eon. Es gelte einen der "kreativsten Gestaltungsdeals der deutschen Industriegeschichte" zu bewundern, auf den man sich aus einer "Position der Stärke" heraus geeinigt habe.

Dazu ist zweierlei zu sagen. Das mit der Stärke ist - erstens - so eine Sache. Den beiden Firmen gehören zwar sehr viele Kraftwerke und Stromleitungen in Deutschland. Aber über deren Wert und die Aussichten für künftige Geschäfte damit hat sich die Börse in den vergangenen Jahren ein eindeutiges Urteil gebildet. Gemessen am Aktienkurs, war Eon vor zehn Jahren fünfmal und RWE viereinhalbmal so viel wert wie heute. Im Rückblick ist leicht zu erkennen, dass die Manager zu spät eingesehen haben, dass der große Reibach nicht mehr mit Kohle und Atomkraft, sondern mit Wind- und Sonnenstrom zu machen ist. Die beiden deutschen Platzhirsche zitiert Tim Buckley, der Chefökonom des amerikanischen Instituts für Energiewirtschaft, in seiner jüngsten Analyse der Branche deshalb als Paradebeispiele für die "verspätete Umstellung" auf neue Gegebenheiten.

Das ist die wenig schmeichelhafte Wahrheit: Ihre Metamorphose ist weniger überbordender Stärke als der schieren Not geschuldet. Das war schon vor zwei Jahren so, als Eon seine Kohle-, Gas- und Ölkraftwerke abspaltete und unter dem Namen Uniper als eigenständige Firma an die Börse brachte. Kurz darauf zog RWE nach und spaltete - gewissermaßen spiegelverkehrt - das Ökostromgeschäft, den Netzbetrieb und die Vertriebsabteilung unter dem Namen Innogy ab. Heute ist klar, dass man sich die beiden zunächst mit viel Tamtam beworbenen Firmen nicht länger merken muss. Ein finnischer Energieversorger will die Eon-Abspaltung Uniper übernehmen. Und der RWE-Ableger Innogy wird jetzt schon wieder filetiert und zwischen Eon und RWE aufgeteilt. Wie sieht es - zweitens - mit der Kreativität aus, für die der Eon-Chef sich und die Seinen preist? Der Coup kam überraschend, ohne Zweifel. Und er macht aus beiden Konzernen etwas deutlich anderes als das, was sie bisher sind. RWE wird zum mit Abstand größten Stromproduzenten in Deutschland, Eon zum mit Abstand größten Netzbetreiber und zum Stromlieferanten mit den meisten Endkunden in Deutschland. Dass Innogy, kaum steht die Firma auf eigenen Beinen, nun schon wieder von der Bildfläche verschwindet, ist allerdings genauso erklärungsbedürftig wie die Volte, die sich Eon-Chef Johannes Teyssen mit der abermaligen Neuausrichtung seines Konzerns erlaubt. Es ist noch nicht lange her, da hielt Teyssen das Betreiben von Netzen noch für langweilig. Jetzt preist er die Verlässlichkeit dieser Einnahmequelle. Die Kraftwerke dagegen, einst der stolze Kern des Unternehmens, wollte er dringend loswerden. Vor allem Teyssen habe in den seit Anfang des Jahres laufenden Gesprächen zwischen RWE und Eon aufs Tempo gedrückt, heißt es nun aus Verhandlungskreisen. Ein Dynamiker ist er seit jeher, mit dem früheren Merck- Chef Karl-Ludwig Kley an der Spitze des Eon-Aufsichtsrats hat er zudem offenkundig den richtigen Partner für derart schnittige Transaktionen gefunden.

Für Innogy gilt, dass RWE seinen Mehrheitsanteil von 77 Prozent von Anfang an als "Finanzbeteiligung" geführt hat. Da wissen Insider, dass es vor allem darum geht, einen Käufer zu finden. Der Zeitpunkt nun war besonders günstig, weil aus dem Management keine Gegenwehr gegen die Pläne des Großaktionärs zu erwarten war: Peter Terium, lange Jahre Vorstandsvorsitzender von RWE und erst vor anderthalb Jahren aus freien Stücken, aber gewiss mit anderen Plänen an die Spitze von Innogy gerückt, ist dort vor kurzem geschasst worden.

Nun kehren die Windkraftanlagen und die Wasserkraftwerke in den Schoß von RWE zurück. Die rund 350 000 Kilometer Verteilnetz von Tochtergesellschaften wie Westnetz gehen dagegen an Eon und verdoppeln dort das Netz, das von Konzerngesellschaften wie den Bayernwerken und vielen Beteiligungen an Stadtwerken betrieben wird. Im Gegenzug gibt Eon zusammen mit der Wind-, Wasser- und Sonnenenergie auch seine Gas- und Kohlekraftwerke an RWE ab; die drei deutschen Kernkraftwerke in Brokdorf, Grohnde und im bayerischen Niederaichbach indes bekommen ihr Gnadenbrot bis zu ihrer Abschaltung in vier Jahren noch von Eon.

An der Börse kam dieses Hin und Her von Unternehmensteilen gut an, die Aktienkurse beider Firmen sind gestiegen. 5000 Arbeitsplätze sollen wegfallen, da sind Einsparungen zu erwarten. Und dass dagegen kein großer Einspruch aus Politik und Gewerkschaften zu hören ist, spricht Bände: Alle wussten, dass es so wie bisher mit den beiden Konzernen nicht weitergehen würde. Ob das Kalkül aber auch langfristig aufgeht, hängt für RWE davon ab, ob der Konzern in der konventionellen Stromerzeugung nun profitabler wird und endlich seinen Ökostromanteil nennenswert steigert, um von der EEGUmlage zu profitieren. Obwohl darüber auf dem Podium in Essen nun wieder viel geredet wurde, machen Sonne und Wind nämlich auch im neu gestalteten Konzern erst mal weniger als 10 Prozent der Stromerzeugung aus.

Für Eon dagegen dreht es sich vor allem darum, wie viel Geld in Zukunft mit den Verteilnetzen zu verdienen sein wird. Darüber entscheidet nicht der Markt, sondern die Bundesnetzagentur. Es würde Unsummen verschlingen, wenn sich mehrere Betreiber mit parallelen Netzen auf ein und derselben Fläche Konkurrenz machen wollten. Stattdessen simuliert die Behörde den Wettbewerb, indem sie in Fünf-Jahres-Plänen sogenannte Erlös-Obergrenzen festlegt, für jeden Betreiber einzeln, je nach den örtlichen Voraussetzungen. Mehr Gewinn dürfen die Firmen nicht machen; Überschüsse werden auf das Folgejahr angerechnet. Bürokratische Detailarbeit.

Dabei geht es für Eon wohlgemerkt nicht einmal um die sogenannten "Stromautobahnen" im Höchstspannungsbereich ab 220 Kilovolt, den die vier großen Versorger mit Ausnahme von ENBW schon vor einigen Jahren an Investoren und ausländische Betreiber abgegeben haben, sondern um das kleinteilige Netz auf den unteren Ebenen der Stromverteilung. Unspektakulär, aber auch unverzichtbar. Aus der Branche heißt es, dass dafür zwischen 80 und 90 Prozent der von den Stromkunden gezahlten Netzentgelte draufgehen. Jeder Haushalt hat zuletzt 7,3 Cent je Kilowattstunde für die Netze gezahlt. In der Summe läppert sich das zu Milliardenbeträgen. Über "Traumrenditen" für die Betreiber schimpft deshalb Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW); sie will die Umsatzrendite künftig auf höchstens 5 Prozent begrenzen. Etwas weniger als das Netz kostet je Kilowattstunde übrigens die Förderung der erneuerbaren Energien, zuletzt waren es 6,8 Cent. Zusammen machen diese beiden Posten heute knapp die Hälfte des Strompreises für Privathaushalte aus. Rechnet man Mehrwert- und Stromsteuer dazu, sind es fast vier Fünftel. Nur ein Fünftel entfällt auf die eigentliche Stromerzeugung und den Vertrieb zum Endkunden.

In dieser Verteilung liegt die Antwort auf die Frage nach dem Erfolg der Liberalisierung des Strommarkts vor zwanzig Jahren. Echten Wettbewerb gibt es eben nur unter den Kraftwerksbetreibern und im Endkundengeschäft, also nur für ein Fünftel der Stromrechnung. Da tummeln sich Dutzende Anbieter, große und kleine, Spezialisten und Alleskönner. "Wir haben jetzt den Luxus, jedes Jahr den Stromversorger zu wechseln, sind von keinem Monopolisten mehr abhängig", hebt Manuel Frondel vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI) hervor. Tatsächlich sind die Kosten für die Stromerzeugung und den Vertrieb seit 1998 nicht gestiegen, sondern gesunken - inflationsbereinigt um 21 Prozent. Dass der Strom insgesamt trotzdem teurer geworden ist, liegt allein an Steuern und Abgaben, deren Höhe sich verdreifacht hat.

Es sieht nicht so aus, als ob ihr Anteil demnächst nennenswert sinken würde. Es wird mehr Ökostrom produziert, der gefördert wird; die Netze werden ausgebaut, um ihn von A nach B zu bringen. Hinzu kommt, dass demnächst auch die Preise für die Stromerzeugung wieder steigen könnten. Das jedenfalls erwartet Achim Wambach, der Vorsitzende der Monopolkommission. Denn je mehr konventionelle Kraftwerke abgeschaltet werden, desto näher kommt der Tag, an dem auch die Erzeuger wieder mehr für ihre Ware verlangen können. Das sei kein Fall für die Kartellbehörde. "So sieht es das Konzept der Energiewende vor", sagt Wambach schlicht. Ein Silberstreif am Horizont für RWE. Und trübe Aussichten für alle Stromkunden.

Hoch