RWI in den Medien

Dallas im Ruhrpott

RWE-Chef Rolf Martin Schmitz ist am Ziel. Sein spektakulärer Deal mit dem ewigen Rivalen E.on verändert den Strommarkt, kostet 5000 Jobs und die Öko-Tochter Innogy die Existenz. Das Geschäft kam in Fahrt, als Schmitz’ Rivale Peter Terium gefeuert wurde.

Focus vom 17.03.2018

Jetzt bloß nicht übermütig werden. Aufrecht und mit verschränkten Armen sitzt Rolf Martin Schmitz im voll besetzten Raum „Panorama“ auf dem Essener Messegelände und lässt seelenruhig den Blick schweifen. Sein Mund ist ein dünner Strich, er lauscht regungslos den Fragen der Journalisten und bemüht sich, seine Triumphgefühle unter Kontrolle zu halten. Nur die funkelnden Augen des 60-jährigen Managers mit dem dichten, schlohweißen Haar verraten, dass er sich in Hochstimmung befindet. „Wir machen RWE dauerhaft zu einem der führenden Stromerzeuger Europas“, sagt Schmitz trocken. Aber dann brennt es doch noch ein ganz klein wenig mit ihm durch, und er fügt mit Blick auf die erwarteten zusätzlichen Gewinne hinzu:
„Da leuchten bei mir jetzt schon die Dollarzeichen in den Augen.“ Es ist ein historischer Deal: Die ewigen Rivalen E.on und RWE tauschen wichtige Unternehmensteile und machen sich damit gegenseitig groß. E.on übernimmt von RWE deren Öko-Tochter Innogy mit Netzen und Privatkundengeschäft. RWE wiederum erhält von E.on und Innogy den Bereich erneuerbare Energien und zusätzlich eine Beteiligung am Gesamtkonzern in Höhe von 16,7 Prozent.
In der Folge wird die erst vor zwei Jahren gegründete RWE-Tochter Innogy wieder zerschlagen. Rund 5000 Arbeitsplätze fallen weg, allerdings sozialverträglich, wie E.on-Chef Johannes Teyssen betont. Politik und Gewerkschaften stimmten dem heimlich eingefädelten 20-Milliarden-Deal Anfang der Woche zu, und die Börse feierte das Geschäft mit beachtlichen Kurssprüngen.
Die beiden Stromriesen lassen sich gegenseitig mehr Luft
Der deutsche Strommarkt wird von Grund auf verändert und neu geordnet. E.on steigt aus dem alten Kerngeschäft der Stromerzeugung aus und verlegt sich ganz auf Netze und Vertrieb. Die erneuerbaren Energien spielen nur noch bei den Auslandsbeteiligungen eine wichtige Rolle.
Der Wert der E.on-Netze steigt bei Vollzug des Tauschgeschäfts auf 37 Milliarden Euro. Damit wird der Konzern zum größten Betreiber von Verteilnetzen in Europa und erhält eine Schlüsselstellung bei der anstehenden Digitalisierung der Stromversorgung.
RWE wiederum springt in die Lücke, die der Wettbewerber im Zuge seiner strategischen Neuausrichtung gelassen hat. Mit dem neu übernommenen Anteil erneuerbarer Energien deckt RWE künftig wieder die ganze Palette der Stromerzeugung ab. Das Essener Traditionsunternehmen wächst durch diesen Deal zu einem der größten Energieproduzenten Europas heran – mit weiteren Expansionsgelüsten. So überlegt Schmitz beispielsweise, ob er nicht auch noch die konventionelle Stromerzeugung der Karlsruher EnBW dazukaufen soll. Das grün-schwarz regierte Baden- Württemberg als wichtiger Anteilseigner fordert von EnBW eine Konzentration auf grüne Energien.
Schnee von gestern sind seit dem Milliardentausch der beiden Großen auch die düsteren Untergangs-Szenarien für E.on und RWE. Immer wieder war den beiden Firmen nach dem Fukushima-GAU und der überstürzten Energiewende ein drohender Konkurs oder die Übernahme und Zerschlagung durch Heuschreckenfonds und ausländische Konkurrenten prophezeit worden. Stattdessen saßen nun am vergangenen Dienstag die beiden Chefs einträchtig nebeneinander und konnten vor Kraft kaum laufen.
Ein erstes Treffen zwischen Teyssen und Schmitz hatte es im Sommer 2017 gegeben. E.on wollte Anteile an seiner Tochter Uniper verkaufen – und der RWE-Chef war interessiert. Aber die beiden Herren fanden keine Einigung. Das Geschäft machte nach einigem Hin und Her schließlich die finnische Firma Fortum. Doch vergeblich waren die Gespräche zwischen den deutschen Erzrivalen nicht. Teyssen hatte bemerkt, das Schmitz mit seiner konventionellen RWE unbedingt wachsen wollte. Außerdem war der RWEChef wenig zufrieden mit seiner grünen Tochter Innogy, die zu allem Überfluss auch noch von seinem früheren Boss Peter Terium geführt wurde. Eine Mutter, die kleiner ist als die Tochter und zudem noch auf deren Dividende angewiesen ist, kann einfach nicht glücklich werden.
Hinzu kam, dass Schmitz nach dem Weggang von Jürgen Großmann 2012 eigentlich selbst RWE-Chef hatte werden wollen. Die Berufung des Niederländers Terium traf den promovierten Ingenieur damals so tief, dass er das Unternehmen verlassen wollte. Terium überredete Schmitz zwar zu bleiben, aber seitdem beobachteten sich die beiden Manager durchaus aufmerksam, manche sagen auch misstrauisch. RWE war „Rolfs Resterampe“
Das änderte sich nicht, als Terium RWE aufspaltete. Der Niederländer übernahm selbst den Chefsessel der neu gegründeten und mit vielen wertvollen Assets ausgestatteten Öko-Tochter Innogy. Schmitz hingegen wurde die Führung einer RWE überlassen, die mit Kohle und Atomstrom vor allem die Problemfelder beackern musste. „ R o l f s Resterampe“ lautete damals in der Branche der Spottname für RWE – in Anlehnung an den Vornamen von Rolf Martin Schmitz.
Doch der ließ sich nicht beirren. Während Terium Hunderte Millionen Euro in ein Sammelsurium von Start-ups investierte und den Beschäftigten mit großem Berateraufwand Kulturwandel- Programme verordnete, prüfte Schmitz die zahlreichen Angebote für Innogy. Mit dem italienischen Versorger Enel und der spanischen Iberdrola soll es konkrete Gespräche gegeben haben. Bevor es jedoch zu Verkäufen kam, passierte etwas anderes. Ausgerechnet Peter Terium, der frühere Controller, hatte die Kontrolle über die Kosten schleifen lassen. Ende 2017 musste Innogy eine Gewinnwarnung abgeben. Die Aktienkurse brachen dramatisch ein, in der Spitze um vier Milliarden Euro. Auch die Werte der Mutter RWE rauschten in den Keller.
Der Aufsichtsrat nutzte die Gelegenheit, den intern bereits angezählten Innogy- Chef Terium zu feuern. Dennoch erfolgte der Rauswurf des Niederländers damals für viele überraschend, weil eine Gewinnwarnung von lediglich 100 Millionen bei einem Gesamtumsatz von 43 Milliarden Euro auf den ersten Blick kein zwingender Kündigungsgrund war. Aber es kamen, wie man heute weiß, eben auch noch andere Dinge hinzu. E.on-Chef Johannes Teyssen, der die Energiewirtschaft wie kaum ein anderer kennt, machte sich jedenfalls seinen Reim auf den Rauswurf. Er sah seine Stunde gekommen.
Geheimtreffen in Mönchengladbach
Kurz vor den Weihnachtsferien rief er Schmitz an und fragte, ob er nach den Feiertagen nicht einmal einen Kaffee mit ihm trinken wolle. Und so kam es, dass sich die beiden ewigen Rivalen Anfang Januar im Wohnhaus von Schmitz in Mönchengladbach trafen und der Plan für den Austausch wichtiger Unternehmensteile Gestalt annahm. Schmitz, der wie Teyssen sein Leben in der Strombranche verbracht hat, „leuchtete der Charme des Modells sofort ein“, wie ein Insider berichtet. Und weil er nicht riskieren wollte, dass die Investoren erneut das Vertrauen in Innogy verlieren, wurden die Anwälte und Buchprüfer damit beauftragt, den Deal unter Hochdruck auszuarbeiten.
Für die Beschäftigten der Innogy ist es bitter, nach einem hoffnungsvollen Start gleich wieder zerschlagen zu werden. „Es hat uns wie der Blitz aus heiterem Himmel getroffen“, sagt ein Beschäftigter, „damit hatte niemand gerechnet.“ Für die Stromkunden wird sich nicht viel ändern. Preissteigerungen seien „unrealistisch“, sagt Experte Manuel Frondel vom RWI-Institut in Essen. „Es gibt nach wie vor einen harten Wettbewerb zwischen den vielen Anbietern in Deutschland.“ Auch die Netzentgelte düften stabil bleiben, weil sie vollständig reguliert werden.
Für Schmitz und Teyssen ist der Deal die Krönung ihres Lebenswerks. 2021 werden beide Manager altersbedingt ausscheiden. Bis dahin müssen sie ihre Idee noch in die Tat umsetzen. Das ist nicht mehr viel Zeit.
E.on und RWE tauschen wichtige Unternehmensteile und machen sich gegenseitig groß
Konsolidierung am Strommarkt
Tausch: Die geplante Aufteilung der Geschäftsbereiche zeigt, dass Innogy seine Netze und Endkundenbereiche an E.on abgibt und E.on dafür RWE eine 16,67-Prozent-Beteiligung einräumt sowie den Bereich erneuerbare Energien abgibt.

Hoch