RWI in den Medien

Die Luft wird dünner

Wie lange geht die Hochkonjunktur weiter? Der monatliche F.A.Z.-Konjunkturbericht / Von Philip Plickert

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.03.2018

FRANKFURT, 4. März. Die deutsche Wirtschaft erlebt ein außergewöhnlich starkes Winterhalbjahr. Sie ist ausweislich aller Indikatoren in einer Hochkonjunktur. Einige Ökonomen sagen sogar, dass sie - trotz derzeit frostiger Temperaturen - bald überhitzt. Nach 2 Prozent Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im vergangenen Jahr (kalenderbereinigt) könnte die Wirtschaftsleistung 2018 nochmals mit gleicher Rate expandieren, schätzt die Bundesbank. "Die Wirtschaft läuft unter Volldampf", sagt Stefan Kooths, Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW).
Allerdings treten bei dem hohen Tempo auch Probleme auf. "Die Luft wird dünner", meint Kooths, noch mehr Tempo würde ungesund. Eine Hürde ist, dass die Kapazitäten schon weit überdurchschnittlich ausgelastet sind. "Die früheren Spitzenwerte der Industrie sind fast erreicht, die Bauwirtschaft arbeitet am Anschlag", sagt IfW-Konjunkturforscher Kooths. Laut den Umfragedaten des Ifo-Instituts sind im verarbeitenden Gewerbe knapp 88 Prozent der Produktionskapazitäten ausgelastet, in der Autoindustrie gab es zum Jahresanfang sogar eine "herausragende Kapazitätsauslastung" von fast 94 Prozent. Die Geräte der Bauindustrie sind trotz des Winterwetters zu fast 80 Prozent ausgelastet. Im Dienstleistungssektor, fast zwei Drittel der Wirtschaft, machen die Unternehmen glänzende Geschäfte. Noch mehr zu wachsen wird aber schwierig. In Umfragen sagen die Unternehmen, dass aktuell der Mangel an verfügbaren qualifizierten Arbeitskräften das größte Manko ist.
Auch wenn die Geschäftslage auf einem Rekordhoch steht, gab es jüngst einen ersten kleinen Dämpfer. Der Ifo- Geschäftsklimaindex, das wichtigste Konjunkturbarometer des Landes, ist im Februar vom vorigen Allzeithoch etwas zurückgefallen, weil die Unternehmen die Aussichten für das nächste halbe Jahr nicht mehr so optimistisch einschätzen. Der Index fiel von 117,6 auf 115,4 Punkte. Vermutlich gab es mehrere Gründe für die leichte Eintrübung der Erwartungen: die Börsenturbulenzen Anfang Februar, Sorgen über eine protektionistische Handelspolitik der Amerikaner und die zähe politische Entwicklung in Berlin. In der Wirtschaft sind viele von den Plänen der Koalition nicht begeistert.
Allerdings liegt der Ifo-Geschäftsklimaindex noch immer auf dem zweithöchsten Niveau seit Beginn der gesamtdeutschen Umfrage 1991. "Den kleinen Rückgang sollte man nicht überbewerten", findet Roland Döhrn, Konjunkturchef am RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Erst bei zwei oder drei Rückgängen sollte man sich Sorgen machen. Döhrn glaubt, dass das Wachstumstempo in diesem Jahr etwas nachlassen wird. Zum einen, weil die Geldpolitik, die bislang extrem expansiv war, etwas weniger expansiv wird, wenn die Zinserhöhungen in Amerika auf die hiesigen längerfristigen Zinsen abfärben. Zum anderen stoße der deutsche Arbeitsmarkt an die Grenzen. "Die Beschäftigung kann nicht in dem Maße weiterwachsen", sagt Döhrn. Zum Jahresende 2017 stieg die Zahl der Erwerbstätigen auf 44,7 Millionen - das war der höchste jemals gemeldete Wert. Zu Beginn der langen Aufschwungphase 2010 lag die Beschäftigung erst bei 41 Millionen. Von einem "ungewöhnlich lang laufenden Aufschwung" spricht Döhrn.
In den vergangenen drei Jahren hat die steigende Binnennachfrage die Konjunktur getragen, zum Jahresende 2017 war auch der Export wieder ein stärkerer Treiber, denn die Weltwirtschaft und auch die Konjunktur im Euroraum laufen mit hohem Tempo. Im Schlussquartal legten die Auftragseingänge aus dem Ausland um fast 6 Prozent zu, die Inlandsaufträge nur moderat um 1,7 Prozent. "Die Verschiebung von der Binnennachfrage zur Auslandsnachfrage kommt der Industrie zugute", sagte Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Er glaubt, dass die Hochkonjunktur noch lange Bestand haben kann.
Überhitzungssymptome sieht er nicht. "Es gibt keine starken Preis- oder Lohnanstiege, die sonst einer Hochkonjunktur die Bremse reinhauen würden", sagt Fichtner. Tatsächlich ist der Preisdruck weiterhin moderat. Im Februar stiegen die Verbraucherpreise in Deutschland um 1,4 Prozent, eine Abschwächung nach 1,6 Prozent im Januar wegen geringeren Preisdrucks für Energie und Nahrungsmittel. Die Löhne dürften zwar kräftiger steigen, jüngst erzielte die IG Metall in einer Boombranche einen Abschluss, der auf etwas mehr als 3 Prozent Tarifanstieg in diesem Jahr hinausläuft. Aber auf breiter Front erwartet der DIW-Ökonom keine besonders hohen Lohnabschlüsse. "Dies verhindert auch die weiterhin starke Zuwanderung, die Arbeitgeber bedienen sich daran", sagt er. Bleibe der Anstieg der Lohnkosten moderat, gebe es keinen breiten Kostendruck und nur langsame Preissteigerungen. Trotz der "extrem expansiven Geldpolitik" der Europäischen Zentralbank werde es daher keinen kräftigen Inflationsanstieg geben. Im Rest des Euroraums verhindert die weiterhin recht hohe Arbeitslosigkeit, dass die Löhne stärker steigen.
Dabei schiebt die Geldpolitik enorm. Weiterhin steht der Leitzins der EZB bei null, der Einlagenzins sogar bei minus 0,4 Prozent. Die sehr günstigen Finanzierungsbedingungen sind - neben der starken Konjunktur - ein wichtiger Grund für die Kreditnachfrage. 2017 wuchs das Volumen der Kredite an Unternehmen und Selbständige um 3,7 Prozent, das war das höchste Plus seit der Finanzkrise, betont die Deutsche Bank.
Dass die Konjunktur in diesem Jahr weiter kräftig bleibt, liegt auch an der Finanzpolitik. Die geplanten Mehrausgaben und Steuerentlastungen der großen Koalition beflügeln die Nachfrage. Dass das in einer Phase der Hochkonjunktur klug ist, bezweifelt IfW-Ökonom Kooths: "Die vollen Kassen verleiten dazu, viel Gegenwartskonsum zu finanzieren, statt vorzusorgen angesichts der absehbaren Wachstumsbremsen durch demographischen Wandel und Alterung der Gesellschaft." Er sieht die durch sehr niedrige Zinsen getriebene Hochkonjunktur aber auch deshalb kritisch, weil bei "Nullzinsen" auch Projekte und Investitionen gestartet werden, die sich später nicht als rentabel erweisen. Damit würden im Endeffekt Ressourcen verschwendet.

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