RWI in den Medien

"Neuer Feiertag schadet Wirtschaft"

Arbeitsmarktexperte Jochen Kluve warnt vor dem Verlust eines Arbeitstages für Berlins Unternehmen.

Berliner Morgenpost vom 19.02.2018

Berlin diskutiert: Braucht die Stadt einen zusätzlichen Feiertag? Denn immerhin hat Bayern etwa stolze 13 Feiertage, Berlin hingegen aber nur neun. Und wenn ein neuer Feiertag käme: Welcher Tag würde infrage kommen? Bei einer Online-Umfrage unter Lesern der Berliner Morgenpost sprach sich ein Großteil für den 17. Juni aus - der Tag des Volksaufstandes 1953 in der DDR. Doch so verlockend ein zusätzlicher freier Tag für die Arbeitnehmer auch sein mag - welche Auswirkungen hätte er auf die Wirtschaft? Jochen Kluve, Professor für Empirische Arbeitsmarktökonomik an der Humboldt-Universität zu Berlin, erklärt die Zusammenhänge.
Berliner Morgenpost: Herr Kluve, Berlin hat im bundesdeutschen Vergleich mit die wenigsten Feiertage, hängt aber dennoch mit der Wirtschaftsleistung im Vergleich zu den anderen Bundesländern zurück. Würde ein zusätzlicher Feiertag die Stadt ökonomisch sogar noch mehr schwächen?
Jochen Kluve:
Tendenziell ist das sicherlich zu erwarten. Es ist aber schwierig zu bemessen, wie die wirtschaftlichen Auswirkungen genau sein würden. Denn es könnte ja auch positive Auswirkungen geben. Zum Beispiel könnte es etwas mehr Tourismus geben, die Berliner würden ein langes Wochenende, das durch einen Feiertag entstehen könnte, genießen, würden mehr rausgehen, Essen gehen, sich sportlich betätigen und so weiter. Auf der anderen Seite spricht dagegen, dass für die Berliner Betriebe ein kompletter Arbeitstag wegfallen würde. Und das könnte den positiven Effekt schon überwiegen. Denn an einem Feiertag sind ja eben auch die Geschäfte geschlossen, dann gibt es auch keine Konsumeffekte. Von der rein wirtschaftlichen Seite her gesehen wäre ein neuer Feiertag also negativ zu sehen.
Gibt es noch andere Aspekte - außer der Wirtschaft - zu beachten?
Ja, denn auch der Berliner Verwaltung würde ein kompletter Arbeitstag wegfallen. Denn die Stapel, zum Beispiel bei der Einbürgerung, sind da natürlich sehr groß und müssen nach und nach abgearbeitet werden. Klar, jeder tut was er kann, nur wenn die Aufgaben groß sind, ist es ja nur sinnvoll und gut, wenn es so viel Zeit wie möglich gibt, um diese Aufgaben auch zu erledigen. Das betrifft die Wirtschaft genauso wie die Verwaltung. Ich bin auch immer unglücklich, wenn ein Vorlesungstag wegen eines Feiertags wegfällt, und ich dann schauen muss, wann man den nachholen kann.
Wie viel Wirtschaftskraft würde denn in Berlin durch einen zusätzlichen Feiertag verloren gehen?
Das ist sehr schwer zu beziffern. Man könnte als Richtwert sagen: Durchschnittlich arbeiten wir an rund 220 Tagen im Jahr. Dann könnte man einen Tag durch 220 teilen und hätte dann das, was wegfallen würde. Das erscheint jetzt nicht sehr groß, aber für einen Arbeitgeber fällt das in der Summe dennoch ins Gewicht. Denn die Arbeitsleistung, die an dem freien Tag nicht erbracht wird, wird nicht zwangsläufig nachgeholt. Zudem könnte ein zusätzlicher Feiertag auch Auswirkungen auf die an Berlin angrenzenden Bundesländer haben.
Inwiefern?
Wenn das beispielsweise ein Tag ist, der in Brandenburg kein Feiertag ist, hat das aber trotzdem Einfluss auf die Brandenburger. Wer an der Grenze wohnt und zum Beispiel in Brandenburg lebt und arbeitet, seine Kinder aber in Berlin zur Schule schickt, hat dann natürlich an dem Tag ein Problem: Er braucht mindestens einen Babysitter oder müsste sich selbst auch frei nehmen.
Würden Sie sich also eher für einen Tag aussprechen, der in anderen Bundesländern bereits ein Feiertag ist - beispielsweise der 31. Oktober, der Reformationstag? Oder würden Sie sich den Morgenpost-Lesern anschließen und einen Berlin- spezifischen Feiertag befürworten?
Ein Berlin-spezifischer Feiertag hat eben auf das Umland Effekte. Von der wirtschaftlichen Seite sollte man also ein möglichst einheitliches Datum wählen. Auf der anderen Seite ist es natürlich schöner, wenn man einen Tag wählt, der für Berlin eine besondere Bedeutung hat. Der 17. Juni würde das sicherlich erfüllen.
Ist überhaupt das kollektive Erinnern nicht höher einzuordnen als der ökonomische Ertrag?
Das ist natürlich schwierig aufzuwiegen. Wirtschaftlich gesehen: nein. Aus historischer Sicht: ja. Auf alle Fälle aber sollte Berlin nicht nur einen Feiertag mehr bekommen, nur weil eben andere Bundesländer mehr Feiertage haben.
Geht man nicht motivierter und erfrischter zur Arbeit, wenn man einen zusätzlichen freien Tag hat?
Wir alle brauchen Urlaub zwischendurch. Aber in Deutschland allgemein haben wir im internationalen Vergleich schon relativ viele Feiertage. Und manchmal kann ein Feiertag sogar demotivierend sein: Wenn beispielsweise der Feiertag auf einen Donnerstag fällt und Freitag dann Brückentag ist, dann hört man auf der Arbeit: "Die Woche ist so kurz, wir müssen alles schon bis Mittwoch erledigt haben." Das motiviert nicht gerade.
Warum ist Bayern aber dennoch wirtschaftlich so stark, obwohl es mehr Feiertage hat als Berlin?
Das kann man nicht wirklich vergleichen, der Zusammenhang zwischen Feiertag und Wirtschaftskraft ist nicht stark genug. Bayern ist als Standort aus historischen Gründen viel, viel stärker. Im Gegenteil: Ich finde, man muss auch sehen, dass Berlin hier sogar sehr gut aufgeholt hat. Bayern, und auch Baden- Württemberg, sind einfach wichtige industrielle Standorte in Deutschland. Feiertage bremsen hier die Wirtschaftskraft nicht entscheidend aus. Aber wer weiß, vielleicht wären die Bayern und Baden-Württemberger ja sogar noch stärker, hätten sie zwei Feiertage weniger.

Hoch