RWI in den Medien

Deutschland kauft so viel wie noch nie im Ausland

Die Wirtschaft wächst, die Exporte steigen – doch noch stärker nahm im vergangenen Jahr der Import zu.

Süddeutsche Zeitung vom 09.02.2018

Frankfurt – Die deutschen Exporte steigen – aber die Einfuhren steigen noch schneller. Mit einem Gesamtwert von 1,279 Billionen Euro erreichten die Ausfuhren aus der Bundesrepublik im vergangenen Jahr erneut einen Rekordwert, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden anhand vorläufiger Zahlen mit. Zum fünften Mal in Folge lagen sie höher als im Vorjahr. Sie stiegen um 6,3 Prozent und damit so deutlich wie zuletzt 2011. Sollte sich der weltweite Wirtschaftsaufschwung fortsetzen, rechnen Industrieverbände und Ökonomen mit weiteren Rekordzahlen im laufenden Jahr.
Noch stärker als die Zahl der Exporte nahm allerdings die Nachfrage nach Produkten aus dem Ausland zu. Die Importe stiegen um 8,3 Prozent und erreichten mit 1,034 Billionen Euro ebenfalls einen historischen Höchststand. In der Folge ist der umstrittene deutsche Handelsbilanzüberschuss erstmals seit dem Krisenjahr 2009 geschrumpft. Europas größte Volkswirtschaft wird regelmäßig kritisiert, weil sie dauerhaft viel mehr Waren ausführt, als sie im Ausland kauft. Das führt zu Defiziten in der Handelsbilanz anderer Länder und zu Ungleichgewichten im Welthandel.
Forschern des Ifo-Instituts zufolge hat Deutschland den größten Leistungsbilanzüberschuss der Welt. Dieser berücksichtigt neben Handelswaren auch Dienstleistungen und Einkommensströme. Mit einem aktuellen Überschuss von mehr als acht Prozent verstößt Deutschland gegen EU-Regeln, die eine Höchstgrenze von sechs Prozent vorsehen.
Vor allem die robuste Konjunktur trug nun dazu bei, den Überschuss leicht zu verringern. Die deutsche Wirtschaft ist 2017 um 2,2 Prozent gewachsen, die Löhne stiegen im Schnitt um 0,8 Prozent und die privaten Konsumausgaben um zwei Prozent. Letztere hatten den höchsten Anteil am Wachstum, gefolgt von unternehmerischen und staatlichen Investitionen. Von Januar bis November waren dem Statistischen Bundesamt zufolge vor allem Autos und Autoteile, Datenverarbeitungs- und Elektrogeräte, Maschinen sowie chemische Erzeugnisse aus dem Ausland gefragt. Die Einfuhren nahmen in sämtlichen aufgelisteten Warengruppen zu. Umgekehrt haben vor allem Autohersteller und Maschinenbauer sowie deren Zulieferer wesentlich mehr exportiert als im Vorjahr. Das lag überwiegend an der wirtschaftlichen Erholung in der Europäischen Union: Annähernd 60 Prozent der deutschen Exporte gehen in die EU.
Der Aufschwung in Europa sei besonders erfreulich, sagte der Präsident des Außenhandelsverbands BGA, Holger Bingmann. Der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands BDI, Joachim Lang, nannte die Rekord-Exporte eine „gute Nachricht für die Beschäftigten hierzulande“. Die jüngste Entwicklung verdeutliche, dass ein Anstieg der deutschen Leistungsbilanz kein Naturgesetz sei, sagte der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt: „Der Überschuss ist nicht zwangsläufig auf Dauer angelegt, sondern dürfte sich auch ohne gezieltes politisches Eingreifen allmählich reduzieren.“

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