RWI in den Medien

Die letzte Ruhe vor dem Sturm

Der aktuelle Aufschwung übertüncht die gravierenden Strukturprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung. Was die Politik jetzt tun muss.

WirtschaftsWoche vom 12.01.2018

DENKFABRIK CHRISTOPH SCHMIDT
Der demografische Wandel ist eine zentrale Herausforderung der nächsten Jahrzehnte. Das gilt insbesondere für das Gesundheitswesen. Diese Legislaturperiode bietet die letzte Chance für Reformen in einem vergleichsweise ruhigen Umfeld. Danach beginnt der demografische Sturm. Die Gesundheitspolitik darf sich daher nicht in der Frage erschöpfen, wie und wo mehr Mittel ins System gepumpt werden können. Erforderlich ist vielmehr eine tief greifende Modernisierung. Andernfalls drohen im Gesundheitswesen schon in der nächsten Legislaturperiode stark steigende Kosten, erbitterte Verteilungskämpfe und zunehmende versteckte Rationierung.
Schauen wir uns die Zahlen an: In den kommenden Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge der späten Fünfziger und frühen Sechzigerjahre in Rente. Die aktuelle demografische Atempause, in der diese Jahrgänge noch voll am Erwerbsleben teilnehmen, ist dann vorbei. Standen 2015 statistisch noch jeder Person über 65 Jahren rund drei Personen im erwerbsfähigen Alter gegenüber, werden es 2060 voraussichtlich nur noch 1,7 sein. Die Alterung wird Gesellschaft und Wirtschaft nachhaltig prägen. Zum einen dürften Innovationskraft und Wachstum der Volkswirtschaft spürbar nachlassen, zum anderen die Kosten für Alterssicherung, Gesundheitsversorgung und Pflege perspektivisch schneller steigen als die Wirtschaftsleistung. Dies führt zu einer hohen Belastung der öffentlichen Haushalte. So schätzt der Sachverständigenrat mit Blick auf die sich bis 2080 abzeichnenden Entwicklungen eine gesamtstaatliche "Tragfähigkeitslücke" von 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Rechnerisch müsste der Finanzierungssaldo dauerhaft um über vier Prozent des BIPs verbessert werden, um den gesamtstaatlichen Schuldenstand in Relation zum BIP auf heutigem Niveau zu stabilisieren.
Diese Projektion unterstreicht die Größenordnung des Reformbedarfs. Bislang galt die Aufmerksamkeit der Politik vor allem der Rente. Reformen im Gesundheitswesen sind für die Minderung der Tragfähigkeitslücke jedoch ebenso bedeutsam. Die Politik steht hier vor gleich drei miteinander verwobenen Herausforderungen. Erstens: Sie muss die Finanzierung der Gesundheitsversorgung in einer Zeit sicherstellen, in der die Alterung im Zusammenspiel mit dem medizinisch-technischen Fortschritt zu einer erhöhten Nachfrage führt, aber gleichzeitig die Zahl der Beitragszahler sinkt. Zweitens muss sie eine Antwort auf den wachsenden Fachkräftemangel finden - und drittens eine ausreichende Versorgung in ländlichen Gebieten sicherstellen.
Welche Reformen aber sind ökonomisch sinnvoll - und welche nicht? Der Anstieg der Nachfrage ließe sich durch mehr Prävention, die Stärkung der individuellen Gesundheitskompetenz und ein verbessertes Lotsen der Patienten durch das Gesundheitssystem bremsen. Gegen das Fachkräfteproblem kann eine verstärkte Zuwanderung von qualifiziertem Personal helfen. Und für das Versorgungsniveau insgesamt ist es wichtig, dass der Staat weiter investiert. Vor allem die Länder sind ihrer Verantwortung, hinreichend Investitionsmittel bereitzustellen, in der Vergangenheit nicht gerecht geworden.
Den Finanzierungsbedarf im Gesundheitssystem mit Umverteilungsfragen zu vermischen ist allerdings keine gute Idee. Wer das Nebeneinander von privaten und gesetzlichen Krankenkassen beenden will, sollte statt über eine Bürgerversicherung lieber über das Modell einer vom Einkommen unabhängigen Gesundheitsprämie mit Sozialausgleich nachdenken. Die gewünschte Umverteilung müsste dann transparent über das Einkommensteuersystem umgesetzt werden.
MEHR EFFIZIENZ WAGEN
Wir brauchen aber keinen aufreibenden Systemstreit. Viel wichtiger ist es, gezielt Effizienzpotenziale zu heben, um die Versorgung der Bürger mit geringerem Ressourceneinsatz leisten zu können. So weist Deutschland im internationalen Vergleich bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens einen deutlichen Rückstand auf. Mit einer elektronischen Patientenakte ließen sich Doppeluntersuchungen vermeiden, die Diagnostik unterstützen und die Versorgungsqualität erhöhen. Auch die Versorgung strukturschwacher Regionen könnte so verbessert werden. Wichtig wäre zudem mehr Transparenz über die Leistungsqualität.
Auch ein stärkerer Fokus auf ambulante Dienste verspricht erhebliche Effizienzgewinne. Um eine bessere Verzahnung von ambulantem und stationärem Sektor zu verwirklichen, müssen die sektorspezifischen Vergütungssysteme überwunden werden. Schließlich sollte die Politik auch die Erprobung und Implementierung von Innovationen, etwa im Bereich der Robotik, stärker unterstützen, um mehr arbeitssparenden technischen Fortschritt im Gesundheitswesen zu ermöglichen.
Lange warten darf die Regierung mit all dem nicht mehr.
Christoph Schmidt, 55, zählt zu Deutschlands führenden Ökonomen. Er leitet das RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen und ist seit 2013 Chef des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

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