RWI in den Medien

Vor der eigenen Haustür

Stromtrassen sind unbeliebt. Sollte der Staat Anwohnern Entschädigungen zahlen? Eine Studie kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis.

DIE ZEIT vom 04.01.2018

Erst waren die Masten ihr Problem: zu hoch, zu breit, zu hässlich. Nun stören sie die unterirdischen Kabel: zu tief, zu dick, zu heiß. Seit Jahren protestieren hierzulande Menschen gegen den Bau zwei neuer Stromtrassen. Quer durch die Republik sollen sie verlaufen, von Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt bis nach Bayern und Baden-Württemberg. Und in all diesen Regionen gründeten Menschen Bürgerinitiativen dagegen, erfanden Schimpfwörter wie "Monstertrassen" und kündigten an, die Politiker nicht mehr zu wählen, die das Stromnetz durch ihre Heimatorte verlegen wollen.
Die Bundesregierung hat bereits einiges unternommen, um die Wütenden zu besänftigen. Sie schickte Bauleiter in Dorfkneipen. Sie organisierte Info- Abende in Rathäusern. Im Oktober 2015 beschloss sie sogar, ziemlich viel Geld auszugeben, damit endlich Frieden herrscht. Genauer gesagt bis zu acht Milliarden Euro. So viel mehr soll es kosten, die beiden Stromleitungen teilweise in der Erde zu vergraben, statt sie, wie ursprünglich geplant, an Masten in die Landschaft zu hängen. CSU-Chef Horst Seehofer hatte dies durchgesetzt, um aufgebrachte Wähler zu beruhigen. Genützt hat das alles wenig. Die Menschen protestieren weiter: Auch die Erdkabel wollen sie nicht. Bauern, weil sie nun fürchten, dass die Kabel ihre Böden erhitzen. Eigentümer, weil sie glauben, dass ihre Grundstücke an Wert verlieren. Naturschützer, weil sie annehmen, dass die tiefen Gräben Ökosysteme zerstören.
In der Zwischenzeit bekommt die Bundesregierung aber mehr und mehr Druck. Durch die neuen Leitungen soll Strom von den Windkraftwerken im Norden zu den Kunden nach Süddeutschland fließen, wo weniger Anlagen stehen. Erst vor wenigen Wochen ermahnte die EU-Kommission, Deutschland müsse sich mit dem Bau der Leitungen beeilen. 50 Prozent des Stroms hierzulande sollen 2030 erneuerbar sein, das hat die Bundesregierung versprochen. Ohne die neuen Trassen wird es schwer, dieses Klimaziel zu erfüllen. Dabei braucht die Bundesregierung die meisten Bürger gar nicht von der Energiewende zu überzeugen. 95 Prozent der Deutschen sind für den weiteren Ausbau von Windkraftanlagen und Solarstrom, so eine aktuelle Erhebung des Emnid-Instituts. Die Menschen wollen bloß nicht, dass der Klimaschutz vor ihrer Haustür stattfindet. Ein typisches Dilemma: So wollen auch die meisten in den Urlaub fliegen, Fluglärm über dem Dach will aber keiner.
Eine Idee, die Ökonomen daher immer mal wieder vorschlagen, um das Problem zu lösen: Die Regierung könnte noch mehr Geld ausgeben. Bislang bekommen nur diejenigen eine Entschädigung, die ihr Grundstück verlassen oder Ackerflächen abgeben müssen. Wie wäre es, wenn man allen Anwohnern rund um die Trassen freiwillig etwas zahlt? Das haben Ökonomen vom RWI Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung nun untersucht. 7000 zufällig ausgewählte Haushalte in Deutschland befragte das Forsa-Institut für Meinungsforschung im Auftrag der Wissenschaftler dafür. Die Studie erscheint voraussichtlich Ende Januar, und die ZEIT konnte sie exklusiv vorab einsehen.
Zwei Zahlen überraschen besonders: Bekamen die Befragten keine Entschädigung angeboten, akzeptierten knapp 67 Prozent die neuen Stromnetze. Versprach man ihnen Geld, stimmten nicht etwa mehr zu, sondern nur noch knapp 63 Prozent. Manuel Frondel ist Professor für Energieökonomik am RWI und Leiter der Studie. Er formuliert es so: "Wenn man versucht, die Menschen mit Entschädigungen vom Bau neuer Stromnetze zu überzeugen, erreicht man manchmal das Gegenteil."
Auf den ersten Blick scheint das paradox. Frondel hat zwei theoretische Erklärungen dafür: "Die Motivation, etwas Gutes zu tun, sinkt, wenn man Menschen Geld anbietet", sagt er. Dieses Phänomen könne man häufig beobachten. So seien beispielsweise weniger Menschen dazu bereit, Blut zu spenden, wenn man sie dafür bezahlt.
Seine andere Erklärung fasst der Forscher so zusammen: "Die Entschädigungen verstärken das Misstrauen." Biete man Geld an, fühlten viele ihren Verdacht bestätigt, dass an den Stromnetzen etwas faul sein könnte. Oder man bringe sie dadurch sogar erst auf die Idee.
Das gilt allerdings nur, wenn man das Geld auf ihr eigenes Konto überweist. Die Forscher prüften auch, ob die Einstellung sich ändert, wenn statt der Anwohner die Gemeinden entschädigt werden. In diesem Fall hatte das Geld keinerlei Auswirkung auf die Meinung: Es akzeptierten nicht mehr Leute die Leitungen, aber auch nicht weniger. Was die Forscher noch herausfanden: Die Höhe des Geldbetrags machte einen Unterschied. Für ihre Studie hatten sie die Menschen in drei Gruppen aufgeteilt, der ersten wurden 100 Euro pro Jahr angeboten, der zweiten 250, der dritten 500. Das Ergebnis: Zwar ließ die Aussicht auf eine Entschädigung die Zustimmung zu den Stromleitungen insgesamt sinken. Aber bei denen, die 500 Euro bekommen sollten, war der Widerstand schon geringer. Immerhin rund 64 Prozent von ihnen akzeptierten die Trassen. Ab einem gewissen Betrag lässt sich dann vielleicht doch so mancher besänftigen.
Dem Klima würde dies kaum helfen. Die Strompreise wurden stark erhöht, um die Energiewende zu finanzieren. Falls bald noch höhere Rechnungen im Briefkasten liegen, könnten andere anfangen, an der Reform zu zweifeln. Mit dem Geld für Entschädigungen ließen sich, wenn überhaupt, ein paar Tausend ruhigstellen. Bezahlen würden am Ende alle

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