RWI in den Medien

Beschäftigungsrekord mit Schönheitsfehler

In Deutschland arbeiten so viele Menschen wie noch nie. Trotzdem suchen etliche Betriebe händeringend Mitarbeiter. Eng wird es für den Mittelstand.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.01.2018

bee. FRANKFURT, 2. Januar. Die gute Nachricht zuerst: Der deutsche Arbeitsmarkt präsentiert sich zu Beginn des Jahres in glänzender Verfassung - wieder einmal, muss man sagen. 44,3 Millionen Menschen hatten hierzulande im Jahr 2017 im Durchschnitt eine Arbeit, so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Mit einem Plus von 638 000 Personen oder 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr fällt der Zuwachs so hoch aus wie seit zehn Jahren nicht mehr. Das zwölfte Jahr in Folge klettert die Zahl der Erwerbstätigen damit unbeeindruckt von allen Risiken immer weiter - und ein Ende ist nicht in Sicht.
Was ebenfalls erfreulich ist: Allen Unkenrufen zum Trotz geht der Boom allein auf den Anstieg sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse zurück. Er sorgte dafür, dass die Zahl der Arbeitnehmer im Vergleich zum Vorjahr um 656 000 (oder 1,7 Prozent) auf 39,9 Millionen wuchs, während die geringfügige Beschäftigung weiter abnahm. Auch die Zahl der Selbständigen sank um 26 000 (0,6 Prozent) auf 4,3 Millionen. Die größten Zuwächse verzeichneten die Dienstleistungsbranchen, allen voran die Pflegeeinrichtungen. Auch das produzierende Gewerbe, zu dem etwa die Automobilindustrie und der Maschinenbau zählen, beschäftigte mehr Menschen, ebenso der Groß- und Einzelhandel sowie das Gastgewerbe.
Ein Wermutstropfen allerdings steckt in diesen Zahlen. Denn in Deutschland gibt es nicht nur so viele Erwerbstätige und so wenige Arbeitslose wie nie - die deutsche Wirtschaft sucht auch mehr Mitarbeiter als jemals zuvor. So hat im Dezember die Nachfrage nach Arbeitskräften so stark zugelegt wie selten zuvor, wie die Bundesagentur für Arbeit am Dienstag bekannt- gab. Die genauen Zahlen zum Arbeitsmarkt 2017 veröffentlicht sie an diesem Mittwoch. Doch schon jetzt ist klar: Vor allem in der Leiharbeit, im verarbeitenden Gewerbe und im Handel ist der Bedarf groß. Im November hatte die Behörde 772 000 freie Stellen registriert, allerdings werden ihr nicht alle gemeldet. Dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge beläuft sich die Zahl der offenen Stellen auf insgesamt 1,1 Millionen. Grund ist vor allem die gute Konjunktur. "Die Unternehmen sind derzeit mehr als ausgelastet", sagte Christoph Schmidt, Vorsitzender des Sachverständigenrates der Wirtschaftsweisen und Präsident des Essener Wirtschaftsforschungsinstituts RWI, dieser Zeitung. Und das hat aus seiner Sicht Folgen: "Die Wachstumsdynamik wird sich in diesem Jahr voraussichtlich leicht abschwächen."
Mit dieser Einschätzung steht Schmidt nicht alleine. Der aktuellen Konjunkturumfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zufolge sind zwei von drei Unternehmen überausgelastet, als Grund geben die meisten einen Mangel an Mitarbeitern an. Zwar sehen Fachleute noch keinen flächendeckenden Fachkräftemangel. Gesucht werden aber längst nicht mehr nur Ingenieure, sondern auch Klempner, Sanitär- und Heizungstechniker, Mechatroniker, Lokführer und Krankenpfleger. Vor allem die mittelständische Wirtschaft klagt, dass sie bei jungen Leuten auf der Wunschliste der potentiellen Arbeitgeber nicht mehr weit oben steht, wie die F.A.Z.-Stellenauswertung zeigt (siehe Seite 18). Der Richterbund warnt ebenfalls vor einem dramatischen Personalmangel.
Was also bleibt zu tun? Dass Deutschland es aus eigener Kraft schaffen wird, die Lücken zu füllen, glaubt kaum jemand. "Potential gibt es noch bei Frauen und älteren Erwerbstätigen", sagt Hilmar Schneider, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn. "Auch das ist aber irgendwann erschöpft." Wie Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer und der Chef der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele plädiert er daher für ein Einwanderungsgesetz. "Leider tut sich Deutschland immer noch schwer damit, sich als ein Land zu präsentieren, das gute Leute anwerben möchte", so Schneider. Für ebenso wichtig hält er es, dass die künftige Bundesregierung die Flexibilität der Unternehmen nicht weiter beschneidet. Schließlich sei Deutschland als Exportnation immer abhängig von der jeweiligen Auftragslage. So sieht es auch der Sachverständige Schmidt. Er sagt: "Unternehmen sollten die Möglichkeit haben, die Beschäftigung rasch an die Auftragslage anzupassen. Zeitarbeit und sachgrundlose Befristungen sind dabei wichtige Instrumente."

Hoch