RWI in den Medien

Hilferufe der Personalchefs

Zwei von drei Jobangeboten werden in Engpassberufen ausgeschrieben, im Schnitt dauert es 103 Tage, bis eine offene Stelle besetzt ist. Mit jedem Tag, an dem sich der Fachkräftemangel verschärft, verlangsamt sich Deutschlands Wirtschaftswachstum.

Handelsblatt vom 02.01.2018

Frank Specht Berlin
Not macht erfinderisch. Weil Berufsnachwuchs knapp wird, lud die Stuttgarter Baufirma Wolff & Müller im Sommer Interessenten zum "Speeddating" ins Riesenrad auf den Cannstatter Wasen. "Mangel ist immer schlecht", begründet Albert Dürr, Geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens, die ungewöhnliche Bewerbungsrunde, bei der Jobanwärter und Manager in den Gondeln aufeinandertrafen. "Das gilt ganz besonders beim Bedarf an Fachkräften, wenn man gut gefüllte Auftragsbücher hat."
128 Stellen sind bei Wolff & Müller ausgeschrieben, Bauleiter werden gesucht, Einkäufer, Poliere. Doch nicht nur der schwäbische Mittelständler ist auf der Suche nach qualifiziertem Personal. Jedes fünfte Bauunternehmen könnte mehr Aufträge annehmen, wenn es genug Arbeitskräfte hätte, hat das Ifo- Institut ermittelt. Was sich wie ein Stelleninserat liest, ist oft längst ein Hilferuf. Das gilt auch in der Metall- und Elektroindustrie: "Wir haben ein Riesenproblem mit dem Fachkräftemangel - mit steigender Tendenz", warnt der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Oliver Zander. Mehr als jedes fünfte Unternehmen der industriellen Schlüsselbranche meldet konkrete Produktionsbehinderungen, weil qualifiziertes Personal fehlt - ein Rekordwert. 7 000 Lehrstellen konnten die Metallunternehmen nicht besetzen. Von flächendeckendem Fachkräftemangel in Deutschland sprechen Arbeitsmarktexperten zwar noch nicht. Aber in vielen Branchen, Berufen und Regionen sind Engpässe deutlich zu spüren. Bundesweit herrscht etwa Mangel an Ingenieuren im Metall- und Fahrzeugbau, an Energietechnikern, Mechatronikern, Softwareentwicklern, Sanitärtechnikern, Altenpflegekräften und Bau-Spezialisten. Am Automobilstandort Baden- Württemberg werden händeringend Fahrzeugtechniker gesucht, in Bayern Programmierer oder Metallbearbeiter. Rund 1,1 Millionen offene Stellen Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat ermittelt, dass zur Jahresmitte zwei von drei Stellen in Engpassberufen ausgeschrieben wurden. Laut seiner jüngsten Konjunkturumfrage befindet sich gut ein Drittel der Unternehmen in einer Überauslastung. Zwei Drittel geben als Grund fehlende Fachkräfte an, 44 Prozent melden Probleme infolge verlängerter Lieferzeiten der Zulieferer. "Somit liegt im Fachkräftemangel eine bedeutende Wachstumsbremse", sagt IW-Direktor Michael Hüther.
Dauerte es vor zehn Jahren im Schnitt noch 63 Tage, bis Unternehmen eine offene sozialversicherungspflichtige Stelle besetzen konnten, so sind es aktuell 103 Tage. Mehr als vier von zehn Stellen sind länger als drei Monate vakant. Bei rund 1,1 Millionen offenen Stellen in Deutschland kostet jeder Tag mit Besetzungsschwierigkeiten die Volkswirtschaft wertvolles Wachstum. Auch beim Staat ist diese Erkenntnis inzwischen angekommen: Denn die schönste Investitionsoffensive nützt nichts, wenn die Ämter kein Personal finden, um neue Brücken und Straßen zu planen oder zu bauen.
In aktuellen Umfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) nennen 56 Prozent der Firmen den Fachkräftemangel als größtes Geschäftsrisiko. "Das ist ein extrem hoher Wert", sagt DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Seit 2011 habe er sich mehr als verdreifacht.
Klar ist: Allein mit dem kleiner gewordenen Heer der noch 2,37 Millionen Arbeitslosen wird sich die Lücke nicht stopfen lassen. Zum einen ist die Relation zwischen Arbeitslosen und offenen Stellen über die Jahre immer weiter zurückgegangen. Zum anderen bleiben die bekannten Probleme: Entweder die Qualifikation stimmt nicht, oder die Arbeitslosen leben nicht dort, wo die freien Stellen sind.
Die Experten der Bundesagentur für Arbeit (BA) haben deshalb zehn Handlungsfelder zur Bekämpfung des Mangels entwickelt. So müsse etwa verhindert werden, dass jedes Jahr 50 000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen. Die BA empfiehlt zudem, die Quoten der Ausbildungs- und Studienabbrecher zu reduzieren, in Aus- und Weiterbildung zu investieren, Einwanderung gezielt zu steuern und das Arbeitszeitvolumen zu erhöhen, etwa durch mehr Vollzeit- statt Teilzeitjobs. Aktuelle Tarifforderungen wie die von der IG Metall ins Spiel gebrachte 28- Stunden-Woche mit Teillohnausgleich sind dabei kontraproduktiv. Gesamtmetall hat ausgerechnet, dass in der Metall und Elektroindustrie bis zu 180 000 Arbeitskräfte zusätzlich benötigt würden, sollte die Gewerkschaft ihre Forderungen durchsetzen und sollten die Beschäftigten ihre dann erworbenen Freizeitansprüche einlösen. Teilzeit mit Lohnausgleich sei nicht nur "gleichermaßen absurd, unfair und ineffizient", sagt dazu IW-Chef Hüther. Der IG Metall müsse auch immer wieder in Erinnerung gerufen werden, dass eine so stark international verflochtene Ökonomie wie die deutsche auf die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Arbeitsplätze achten müsse
Potenziale liegen brach Aus Sicht der Bundesregierung gibt es durchaus Erfolge bei der Fachkräftesicherung. So sei es etwa gelungen, die Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen binnen zehn Jahren von unter 50 auf knapp 69 Prozent anzuheben, hebt sie in ihrem im Sommer verabschiedeten "Fortschrittsbericht" hervor. Auch die Erwerbsbeteiligung von Frauen habe sich positiv entwickelt. "All die Fortschritte dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass viel zu tun bleibt", schrieb die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) im Vorwort. Gerade bei den Frauen lägen noch wertvolle Potenziale brach.
Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer fordert deshalb immer wieder einen Ausbau der Kinderbetreuung, um oft gut ausgebildeten Müttern den Weg zurück in den Beruf zu ebnen. Der Mangel an qualifizierten Technikern oder Ingenieuren wird aber auch durch eine höhere Erwerbsquote von Frauen nicht beseitigt, solange Schülerinnen weiter naturwissenschaftliche Studienfächer oder Technik-Lehrstellen meiden. Arbeitgeberpräsident Kramer, DIHK-Chef Schweitzer oder der Vorstandsvorsitzende der BA, Detlef Scheele, machen sich daher für ein Einwanderungsgesetz stark. Zwar hat Deutschland auch dank der guten Konjunktur lange von Zuwanderern aus der EU profitiert. Doch diese Entwicklung ist kein Selbstläufer. Im ersten Halbjahr wanderten immer noch knapp 137 000 EU-Bürger mehr nach Deutschland ein als aus. Doch gegenüber dem Vorjahreszeitraum ist der Wanderungsgewinn um gut 15 Prozent gesunken. Dass die Asylsuchenden einen Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels leisten, ist zumindest auf kurze Sicht nicht zu erwarten. Nur jeder siebte der derzeit bei der BA arbeitslos gemeldeten gut 175 000 Flüchtlinge hat eine Qualifikation als Fachkraft oder Spezialist.
Ohne gezielte Zuwanderung von Fachkräften wird es nicht gehen, ist deshalb auch der Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph M. Schmidt, überzeugt. Zumal sich der Mangel aus seiner Sicht noch ausweiten wird: "Mit den sich im Zuge des demografischen Wandels voraussichtlich verstärkenden Fachkräfteengpässen wird die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer tendenziell noch weiter zunehmen, um höhere Löhne und günstigere Arbeitsbedingungen auszuhandeln, etwa hinsichtlich ihrer Zeitsouveränität." Das lässt sich bereits in der Metall- und Elektroindustrie beobachten, wo die Gewerkschaft neben sechs Prozent mehr Geld auch die Möglichkeit zur Arbeitszeitverkürzung fordert.
Schmidt wie auch IW-Direktor Hüther fordern die Politik deshalb auf, den Unternehmen hinreichende Flexibilität zu belassen, ihre Aufträge auch abarbeiten zu können. Zeitarbeit oder befristete Verträge dürften nicht weiter eingeschränkt werden. "Denn irgendeiner wird die Arbeit schon noch machen müssen", sagt Schmidt.

Hoch