RWI in den Medien

Der Mythos vom verarmten Deutschland

Denkfabrik Jeder Zehnte ist mittellos trotz Arbeit? Die Fehlinterpretation von Sozialstatistiken überzeichnet das Armutsrisiko - und verstellt Lösungswege.

WirtschaftsWoche vom 16.11.2018

Arm trotz Arbeit", "prekäre Beschäftigung" oder "working poor" sind seit einigen Jahren oft gehörte Schlagworte in der öffentlichen Debatte. Zuletzt berichteten viele Medien über den Mitte Oktober veröffentlichten "Schattenbericht" der Nationalen Armutskonferenz. Laut deren Sprecherin hat sich der Anteil der "working poor" an allen Erwerbstätigen in Deutschland zwischen 2004 und 2014 verdoppelt. Aktuell liege er bei 9,6 Prozent. Unter dem Titel "Ein Armutszeugnis" schreibt die "taz" dazu: "9,6 Prozent aller Erwerbstätigen können von der eigenen Arbeit nicht leben."

Diese Berichte verdeutlichen wieder einmal ein zentrales Problem der Armutsdiskussion in Deutschland, in der zwei völlig unterschiedliche Ansätze - die Konzepte der relativen und der absoluten Armut - munter vermischt werden. Der Bericht der Nationalen Armutskonferenz bezieht sich auf ein relatives Armutskonzept: 9,6 Prozent der Erwerbstätigen liegen unterhalb der sogenannten Armutsgefährdungsquote. Die Grenze zieht man üblicherweise bei 60 Prozent des Medians, also jenes Einkommenswertes, der die Bevölkerung in exakt zwei Hälften teilt. Grundlage ist das sogenannte "Äquivalenzeinkommen". Diese gewichtete Einkommensgröße betrachtet das Gesamteinkommen eines Haushalts und berücksichtigt unter anderem die Zahl der dort lebenden Personen.

Wenn nun die Einkommen allgemein steigen, erhöht sich automatisch auch die relative Armutsschwelle - unabhängig davon, ob man von dem jeweiligen Betrag leben kann oder nicht. Die "taz" macht daraus absolute Armut. Unter der absoluten Armutsschwelle versteht man in Deutschland aber in der Regel die Bedürftigkeitsgrenzen für Arbeitslosengeld II. Und die Quote der sogenannten erwerbstätigen Leistungsbezieher, deren Haushaltseinkommen diese Grenze unterschreitet, lag nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Jahr 2016 bei 2,7 Prozent - nicht bei 9,6 Prozent.

Das irreführende Hantieren mit verschiedenen Armutskonzepten ist nicht das einzige Problem in dieser Debatte. Zwar lassen sich aus den verschiedenen relevanten Datensätzen zu dem Thema durchaus unterschiedliche Entwicklungen ableiten. Eine Verdoppelung der Erwerbsarmut innerhalb von zehn Jahren ergibt sich jedoch aus keiner einzigen Datenquelle. Die meisten Zahlen zeigen eine nahezu konstante relative Erwerbsarmut seit 2005. Die absolute Erwerbsarmut ist nach Daten der BA in den vergangenen Jahren sogar leicht zurückgegangen.

Mit der These einer zunehmend prekären Beschäftigungssituation sind diese Ergebnisse kaum vereinbar. Auch die Hartz-Reformen, die Kritiker gern für Lohndumping und eine steigende Zahl von "Aufstockern" verantwortlich machen, stehen diesbezüglich zu Unrecht in der Kritik. Ein nennenswerter Anstieg der Erwerbsarmut ist nur vor Inkrafttreten der Arbeitsmarktreformen 2005 festzustellen. Dass die Hartz- Reformen keinen statistisch signifikanten Effekt auf die Erwerbsarmut ausübten, haben inzwischen mehrere empirische Studien bestätigt.

Das bedeutet nicht, dass es in Deutschland keine Erwerbsarmut gäbe. Doch das Problem konzentriert sich auf einzelne Risikogruppen. Besonders betroffen sind alleinlebende oder alleinerziehende Frauen, die aufgrund der Kindererziehung oder der Pflege älterer Angehöriger nur Teilzeit arbeiten können. Generell hängt Erwerbsarmut häufig mit kurzen Arbeitszeiten zusammen: Fast 15 Prozent der Teilzeitbeschäftigten, aber nur 4,5 Prozent der Vollzeitbeschäftigten beziehen ein Einkommen unter der relativen Armutsrisikoschwelle. Ein Absinken unter Hartz-IV-Niveau ist bei sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjobs nach wie vor die Ausnahme.

RISIKOGRUPPE ALLEINERZIEHENDE

Eine zweite Risikogruppe bilden große Familien mit einem Alleinverdiener, dessen Einkommen aufgrund der Haushaltsgröße nicht ausreicht, um die relative oder absolute Armutsschwelle zu überschreiten. Zudem sind Personen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich häufig von prekärer Beschäftigung betroffen.

Erwerbsarmut ist also entgegen dem öffentlichen Anschein kein breites gesellschaftliches Problem, sondern eines mit verschiedenen spezifischen Ursachen und Ausprägungen. Dementsprechend müssen auch die Lösungsansätze aussehen. Einfache Rezepte wie eine weitere Erhöhung des Mindestlohns helfen nach bisherigen Erkenntnissen kaum gegen Erwerbsarmut. Stattdessen sollte die Politik bei der wesentlichen Gemeinsamkeit zwischen den Risikogruppen ansetzen - der geringen Arbeitsintensität. Um Erwerbsarmut wirksam zu bekämpfen, müssen insbesondere die Möglichkeiten und Anreize zur Erhöhung der Arbeitszeit verbessert werden. Dabei ist vor allem eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf entscheidend. Gerade Alleinerziehende können wegen einer zeitlich unflexiblen und oftmals auch teuren Kinderbetreuung häufig nicht Vollzeit arbeiten. Mit einer geringfügigen Beschäftigung ist es jedoch für Alleinverdiener auch bei einem ordentlichen Stundenlohn schwer, der Erwerbsarmut zu entkommen.

Thomas Bauer ist Professor für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Bochum und Vizepräsident des RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Text Thomas Bauer

ZITATE FAKTEN MEINUNGEN
"Die absolute Erwerbsarmut ist nach Daten der Bundesagentur für Arbeit in den vergangenen Jahren sogar leicht zurückgegangen."

Hoch